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Eine Grenze mitten durch den Bahnhof

Ein Besuch im einstigen Niemandsland: Europas einzige geteilte Bahnstation ist in Bayerisch Eisenstein.
von Eva Geilersdorfer, mz

Am Bahnhof Bayerisch Eisenstein spürt man noch die Zeit des Kalten Krieges.Foto: Geilersdorfer

Bayerisch eisenstein. Verlassen wirkt der Bahnhof Bayerisch Eisenstein an diesem kalten Wintertag. Ein kleiner Weg bahnt sich durch die Schneemassen zum Bahnsteig, die Gleise sind nur halb freigeschaufelt. Das Wetter scheint sich angepasst zu haben: Weiß-grau präsentiert sich das Gelände, weiß-grau erscheint das Bahnhofsgebäude aus Granitstein. Es wirkt beeindruckend mächtig – und erinnert doch so gar nicht an eine große Touristenattraktion. Ein Schild mit der Aufschrift „Staatsgrenze“ fällt gleich auf. Es ist auf Augenhöhe gesetzt, so, als ob es nicht übersehen werden darf. Hier, an Europas einzigem geteilten Bahnhof, ist ein Hauch des Kalten Krieges noch zu spüren.

Hohe Stahlplatten als Grenze

Am Bahnsteig treffen wir auf eine kleine Touristengruppe aus Hamburg, die eilig versucht, ein Ticket am Automaten zu lösen. An Gleis 1 steht die hellgrün leuchtende Waldbahn abfahrbereit. Sie bringt Farbe in das weiß-graue Bild. „Wir wollen nach Spitzberg, in den Böhmerwald“, sagt uns die 51-jährige Marianne. Als Kind sei sie öfter hier gewesen. Zu Besuch bei ihrer Oma. Aber damals wäre an eine solche Fahrt nicht zu denken gewesen. „Heute geht man ja hin und her, als ob nix gewesen wär‘. Aber früher, als die Grenze durchgegangen ist, hat der Zug ja hier gestoppt. Da war dann Schluss in Bayerisch Eisenstein. Und dann hast rüber geschaut und Angst gekriegt. Das war so streng an der Grenze, so ernst“.

Dabei wurde der Zwei-Länder-Bahnhof vor rund 140 Jahren eigentlich als Zeichen der Völkerverständigung gebaut – exakt in der Mitte verlief und verläuft bis heute die Teilung. Eine Hälfte befindet sich auf deutschem, die andere auf tschechischem Boden. Mit Beginn des Krieges zog die CSSR alle Konsequenzen. Der Eiserne Vorhang schob sich ab 1953 auch durch den Bahnhof.

Hohe Stahlplatten dienten als Mauer, umwickelt mit einem Drahtzaun, und zogen sich exakt entlang der Grenze durch das Bahnhofsgebäude und über die Gleise. Heute ist von all dem nichts mehr übrig. Einzig das Schild erinnert an vergangene, strenge Tage. Und doch scheint es fast, als hätte sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht viel geändert. Obwohl der Bahnhof seit 1991 wieder eröffnet ist, stehen aber erst seit vier Jahren wieder „grenzenlose“ Fahrten auf dem Plan. Das Historische Bahnhofsrestaurant im vorderen, deutschen Gebäudeteil ist geschlossen. Ein Blick durch die schmutzigen Fenster verrät uns, dass die großen Räume wohl schon länger keinen Gast mehr gesehen haben. Auch die kleine Bahnhofshalle nebenan wirkt wenig einladend. „Früher, also vor dem Krieg, da war das nicht so. Da war hier viel mehr Leben“, verrät uns eine ältere Anwohnerin. „Da hat man bis nach Prag fahren können!“

Von München weg über den bayerisch-böhmischen Grenzbahnhof verlief damals die moderne Eisenbahnstrecke. Das Restaurant mit Blick auf den Arber lud viele Gäste zum Verweilen ein. Wer heute in Bayerisch Eisenstein einsteigt, kann nur bis ins sieben Kilometer entfernte tschechische Špicák/Spitzberg fahren.

Anders als auf deutscher Seite herrscht im tschechischen Gebäudeteil reger Betrieb. Schon für 3,90 Euro gibt es im Restaurant im oberen Stockwerk Zigeunerbraten mit böhmischen Knödeln. Im kleinen Bahnhofsladen im Erdgeschoss nutzen Touristen und Anwohner die Gelegenheit, kaufen Zigaretten oder Alkohol. Der Verkäufer spricht kaum deutsch. Auch sein Freund Jan kann nur wenige Wörter. Trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, uns mehr über den Bahnhof zu erzählen.

„Jetzt sind wir Kollegen“

Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs sei der Laden ein Büro gewesen, in dem sein Großvater gearbeitet habe, sagt er. Durch die Öffnung der Grenze habe sich viel verändert. Die Zollposten im Bahnhofsgebäude seien weggefallen. Aber „alles klar, alles gut“, sagt Jan. Heute nutze man die Räume eben anders. Freundlich begrüßt er zwei ältere Männer. Mit seinen deutschen Nachbarn habe er kein Problem. „Grenzen sind offen, wir sind jetzt Kollegen“, sagt er lächelnd.

Die Kunden nicken zustimmend. Und erinnern sich. „Als Kind hab ich es zwar nicht anders gekannt, aber es war schon sehr komisch, dass ein Gebäude getrennt war. Auch das Verhältnis war gespannt, weil man ja nicht wusste, was drüben los ist. Man hat immer nur ein paar Leute gesehen und sich komisch beäugt“, erzählt uns einer der beiden Männer. Heute sei die Beziehung viel lockerer. Vor allem am Wochenende würden auch viele tschechische Besucher nach Bayerisch Eisenstein kommen. Wirkliche Freundschaften ergeben sich aber kaum. „Man sieht und kennt sich. Aber mit der Verständigung ist es eher schwierig. Man spricht eben eine andere Sprache“, sagt der deutsche Kunde.

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