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Bauwerk

Eine Kathedrale für die Glasindustrie

Die MZ stellt die spektakulärsten Bauwerke Ostbayerns vor. In Amberg steht die letzte Arbeit von Bauhaus-Gründer Gropius.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Amberg.Die Vollendung seiner Glaskathedrale in Amberg hat Bauhaus-Gründer Walter Gropius nicht mehr erlebt. Seine Witwe Ilse Frank reiste im Juni 1970 in die Oberpfalz, um die neue Thomas-Glasfabrik der Firma Rosenthal ihrer Bestimmung zu übergeben. Es ist eine architektonische Meisterleistung, ein herausragendes Beispiel modernen Funktionalismus, das Gropius hier geschaffen hat. Nur die Dachflächen und das Mittelschiff aus Beton und Glas erheben sich aus einer Rasenfläche. Noch einmal zeigte Gropius, wofür die Bauhaus-Architektur steht. Doch während sich andere Städte groß mit Bauhaus-Namen schmücken, ist der letzte vollendete Gropius-Bau Amberg nicht einmal eine Erwähnung auf der Homepage wert. Unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt taucht die Glaskathedrale nicht auf.

Zumindest ein Schild aufstellen

Ein Ortsverband der CSU will diesen Umstand nun ändern. „Wir haben da ein Pfund und wuchern nicht damit“, ärgert sich Peter Dankesreiter, der Vorsitzende der Bergsteig CSU. Er hat im vergangenen Jahr angeregt, zumindest endlich ein Schild aufzustellen, das auf das Bauwerk hinweist. Bislang wurde dieser Bitte aber nicht nachgekommen. „Das Erstlingswerk von Walter Gropius, die Schuhleistenfabrik in Alfeld, gehört neuerdings sogar zum Weltkulturerbe“, sagt Dankesreiter, der nicht verstehen kann, warum das touristische Juwel in Amberg nicht stärker betont wird.

Vielleicht ist das architektonische Kunstwerk in Vergessenheit geraten, weil der einstige Bauherr heute nicht mehr Eigentümer ist? Die zum Nachtmann-Konzern gehörende Kristall-Glasfabrik Amberg kennt zwar die Geschichte des Bauwerkes, wirbt aber nicht damit. Dennoch könnte sich Geschäftsführer Armin Reichelt grundsätzlich einzelne Führungen durch die Anlage vorstellen, sofern die dort ansässige maschinelle Trinkgläser-Produktion durch die Besucher nicht gestört wird. Das hat er im Gespräch mit Peter Dankesreiter durchklingen lassen. „Wir werden jedenfalls bei der Stadt nicht locker lassen“, betont der CSU-Politiker.

Bei Rosenthal sind viele Erinnerungen an Gropius archiviert. Zwischen Philip Rosenthal, dem Erben der Porzellan-Dynastie, und dem Bauhaus-Gründer gab es eine Art Seelenverwandtschaft. Rosenthal hatte den Architekten zunächst für die Porzellanfabrik in Selb am Rothbühl engagiert. Dort errichtete Gropius zwischen 1965 bis 1967 einen funktionalen Bau, der sich wie eine Skulptur in die Landschaft erhebt. Dabei war Philip Rosenthal zunächst skeptisch, als der Vorschlag kam, den Bauhaus-Gründer für den Neubau zu gewinnen. Der oberfränkische Unternehmer wird mit den Worten zitiert: „Da kann ich auch den Papst zur Taufe meiner Tochter bitten.“ Doch Gropius sagte tatsächlich ja und verwirklichte dort seine seit Jahrzehnten vertretene These der „totalen Architektur“. Deren Leitlinie: Die Ästhetik dem Zweck unterordnen und ins Ganze integrieren. Nie verlor der Bauhaus-Architekt die Arbeiter in den Werkshallen aus dem Blick. Er wollte, dass sie sich in der Fabrik wohlfühlen. Und so errichtete er in Selb gar ein Gewächshaus, in dem lebende Flamingos angesiedelt wurden. Daran mussten sich aber auch die Mitarbeiter erst gewöhnen. Rosenthal lobte später Gropius Konzept: „Ich habe aus der engen Zusammenarbeit mit Professor Gropius erkannt, dass sich die Größe eines Architekten nicht durch Beharren auf einer eigenwilligen Konzeption in der Gebäudearchitektur auszeichnet, sondern durch das volle Verständnis für die Belange der arbeitenden Menschen im Betrieb, für den Vorrang der Produktionserfordernisse und nicht zuletzt für den Einsatz wirtschaftlicher Materialien, Baukonstruktionen und Ausführungsmethoden.“

Zwei Gebäude und ein Teeservice

Immer wieder besuchte der Architekt das Werk in Selb und begann sich dabei auch für Porzellandesign zu interessieren. Philip Rosenthal bot ihm deshalb eine weitere Form der Zusammenarbeit an. So entstand 1969 mit „Tac 01“ ein klassisches, von Gropius entworfenes Teeservice, das bis heute im Rosenthal-Sortiment zu finden ist.

In dieser Zeit liefen auch schon die Bauarbeiten für die Glaskathedrale in Amberg. Im Mittelpunkt stand dort eine möglichst rasche und störungsfreie Wärmeabfuhr, um den Glasbläsern die schweißtreibende Arbeit etwas zu erleichtern. Ein raffiniertes Be- und Entlüftungssystem im Dachfirst liefert ein gutes Klima. Beton und Glas sind die beiden sichtbaren Baustoffe. Für das Umfeld der neuen Produktionsstätte entwarf Gropius auch einen Wohngebäudekomplex mit fünf Häusern, von denen später allerdings nur zwei gebaut wurden. Im Juni 1970 wurde die Glas-Produktion aufgenommen. Da war Walter Gropius schon tot. Er starb am 5. Juli 1969 in Bost0n im Alter von 86 Jahren. Die Amberger „Kathedrale der Arbeit“ wird heute als eines der bedeutendsten Industriebauwerke der 1960er Jahre geführt und steht unter Denkmalschutz. Nur in der Oberpfalz scheint das kaum jemanden zu interessieren.

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