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Eine Rückkehr im inneren Frieden

Aus der Kirche ausgetreten, geschieden, wiederverheiratet: Julia von Seiche-Nordenheim hat auf Umwegen eine neue Heimat im Glauben gefunden.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Julia von Seiche-Nordenheim hatte der Kirche den Rücken zugekehrt und dann doch wieder „Wurzeln geschlagen im Glauben“. Foto: Schönberger

Regensburg.Der Blick ist fantastisch. Für einen Moment kommt auch noch die Sonne heraus und lässt die Regensburger Altstadt glänzen. Mittendrin: der Dom. Julia von Seiche-Nordenheim hat ihn immer vor Augen. Wenn sie mit ihrem kleinen Hund die morgendliche Runde am Sandberg dreht oder nachmittags auf ihrer Terrasse steht. Sie genießt die Aussicht jeden Tag. Dabei war ihr Verhältnis zur Kirche nicht immer entspannt, im Gegenteil. Es gab Zeiten, in denen ihr der Dom als Sinnbild für die ganze Institution ein Dorn im Auge gewesen wäre. Die Gelassenheit im Umgang mit der katholischen Kirche, in der manches nicht so läuft, wie sie es sich wünscht, musste sich erst über die Jahre entwickeln. „Ich stelle noch immer viele kritische Fragen, aber ich stelle Gott nicht mehr in Frage“, sagt die 61-Jährige. Sie hat ihren Frieden im Glauben gefunden.

Als Julia Rings wird sie in einer anderen Bischofsstadt geboren, in Köln. Das Elternhaus ist traditionell und streng katholisch, „wie bei den Buddenbrooks“ sei es gewesen, erzählt sie. Mit einem Patriarchen, der das Sagen hat. Ihr Urgroßvater und auch der Großvater pflegen einen engen Kontakt zur Kirche. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist Pflicht, für kritische Fragen ist kein Platz in der Familie. Das bekommt auch ihr Vater zu spüren, als er als freiberuflicher Architekt für Misereor nach Brasilien reist. Er soll sich dort für das katholische Hilfswerk um Bauprojekte kümmern. In São Paulo ist der Vater entsetzt, wie feudal der Bischof residiert: Ein Leben im Prunk mitten in einem Slum, das Elend der Armen vor Augen. „Mein Vater kam völlig entrüstet nach Hause und wollte sofort aus der Kirche austreten“, erinnert sich die Kölnerin. Sie ist damals elf Jahre alt, ein behütetes Mädchen, „vom Leben noch nicht gefordert“. „Da bin ich wach geworden“, sagt sie. Ihr Vater berichtet Freunden und Verwandten von seinen Erlebnissen, innerhalb der Familie kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Diese werden über den Kopf der kleinen Julia hinweg geführt, aber sie spitzt die Ohren. Am Ende bleibt zwar alles beim Alten und der Vater Mitglied in der Kirche. „Aber ich habe angefangen, mir Fragen zu stellen“, erinnert sie sich.

Innerlich gespalten

Mit der Pubertät gerät das Thema Kirche in Vergessenheit. Nach dem Abitur geht die junge Frau nach Erlangen, legt 1977 ihr Staatsexamen als Übersetzerin ab. Sie lässt nicht nur ihre Heimatstadt hinter sich, sondern auch die Enge des Elternhauses. Glaubensfragen spielen in ihrem neuen Alltag keine Rolle. Das ändert sich, als sie 1980 beruflich bedingt nach Regensburg zieht. Sie lernt einen verheiraten Mann kennen und lieben, er lässt sich scheiden. Der Mann ist gläubiger Katholik, auch Julia von Seiche-Nordenheim fängt an, wieder Gottesdienste zu besuchen. Aber sie fühlt sich innerlich gespalten: „Bauch-Glaube“ und „Kopf-Glaube“ passen nicht zusammen. „Ich war wütend darüber, dass die Kirche mich in meiner Situation nicht akzeptiert“, erzählt sie. Eine kirchliche Heirat ist unmöglich. Wenn man uns nicht so haben will, wie wir sind, kann ich auch gehen, denkt sie sich. Bei der Abgabe der Ehepapiere am Standesamt tritt sie aus der Kirche aus. „Eine Befreiung“ sei das gewesen. „Ich war kein Zwitter mehr, sondern hatte endlich einen klaren Standpunkt.“

Die Ehe hält nur ein knappes Jahr, dann lernt sie ihren heutigen Mann Wolfgang kennen. 1985 heiraten die beiden. Der gebürtige Wiener ist ebenfalls geschieden und kommt aus einem Elternhaus, in dem kontrovers, aber auch sehr offen über Kirchenfragen debattiert wird. „Die Schwiegereltern haben meine beiden Seelen verkörpert“, erzählt von Seiche-Nordenheim. Während sich die Schwiegermutter an der Amtskirche reibt, ist der Schwiegervater tief gläubig und organisiert sogar eine kleine religiöse Zeremonie für Sohn und Schwiegertochter in einem Wiener Gotteshaus. Als 1986 und 1987 ihre zwei Söhne geboren werden, lässt das Ehepaar die Kinder daheim taufen. Das Taufwasser wird in der Mikrowelle warm gemacht. Die Familie lebt damals in Barbing. Immer öfter ist von Seiche-Nordenheim im Alltag mit Glaubensfragen konfrontiert, vor allem als die Kinder in den Kindergarten kommen. „Ich habe mich meinen Söhnen gegenüber nicht aufrichtig gefühlt“, erinnert sie sich. In diesem Klima des Wankens kommt es zur entscheidenden Wende. Julia von Seiche-Nordenheim hat ein Erlebnis, dass alle Zweifel relativiert. Einzelheiten möchte sie über ihre „Gotteserfahrung“ nicht verraten, aber die Botschaft sitzt. Ihr Wunsch, wieder in die Kirche aufgenommen zu werden, ist unwiderruflich. Mit dem Regensburger Pfarrer Klaus Stock findet sie den richtigen Seelsorger für ihre Rückkehr. Monatelang treffen sich die beiden regelmäßig zum Gespräch und dabei löst sich ein Knoten: „Ich habe verstanden, dass ich in der Kirche Pflichten habe und nicht nur Rechte in Anspruch nehmen kann“, sagt von Seiche-Nordenheim. Zugleich sei ihr klargeworden, dass sie die Amtskirche und ihre Regeln nicht bis in ihre kleinsten Verästelungen verstehen müsse.

Sich geborgen fühlen

Der Umzug der Familie von Barbing nach Regensburg erweist sich als Glücksfalls: Der Pfarrer ihrer neuen Gemeinde Mariä Himmelfahrt in Sallern spricht dem Ehepaar aus der Seele. „Ich kann meinen Glauben leben und mich geborgen fühlen“, sagt von Seiche-Nordenheim. Dabei ist sie auch hier mit Spannungen zwischen Amtskirche und „Bauch-Glauben“ konfrontiert, zum Beispiel als zwei Menschen Kirchenasyl gewährt wird. „Viele Probleme in der Kirche sind nicht gelöst, aber ich fühle mich mit meiner Kritik nicht allein“, sagt sie. Sie sei „erwachsen“ geworden, habe wieder „Wurzeln geschlagen im Glauben“. So geht sie auch regelmäßig zur Kommunion, obwohl ihr das als wiederverheiratete Geschiedene eigentlich nicht zusteht. Doch dieser Regelbruch macht ihr kein Kopfzerbrechen. Sie hatte das große Glück, in der Kirche auf Menschen zu treffen, die ihr zeigten, wie man mit Konflikten leben kann.

Schwierig wird es allerdings beim Thema Kindesmissbrauch, für von Seiche-Nordenheim ein besonders wunder Punkt. Seit Jahren engagiert sie sich für eine bessere medizinische Versorgung von Kindern, hat dafür den Verein Sternschnuppe gegründet. „Der Zorn ist noch nicht ganz weg“, räumt sie nachdenklich ein. Eine Erklärung gebe es für solch schreckliche Ereignisse nicht. Sie lässt ihren Blick bis zum Dom schweifen und fügt hinzu: „Aber manches muss man stehen lassen.“

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