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Eine steinerne Lady von 866 Jahren

Sie gilt als das größte abendländische Ingenieurbauwerk aus dem Hochmittelalter, das noch im Verkehr steht: die Steinerne Brücke in Regensburg.
Von Thomas Dietz, MZ

Madame sind stattliche 866 Jahre alt, aber, Kompliment, rein äußerlich eine fast unverblühte Schönheit. In zarter S-Form reckt sie ihre anmutigen 336 Meter (davon etwa 27 Meter unterirdisch) über das Donautal vor der Stadt Regensburg, und nahezu alles an ihr ist immer noch Naturstein! Ihr Körper ist weich und schmiegt sich mit liebenswürdig-altmodischer Eleganz in alle Temperaturschwankungen zwischen 40° an heißen Sommertagen und scharfen Minusgraden in Frostnächten.

Damit die Dame noch lange und in Würde fit bleibt, muss halt was gemacht werden. Die jetzige, 20 Millionen Euro teure Generalsanierung, denkmalgerecht, behutsam und substanzschonend, reicht von Kleinreparaturen bis zu gravierenden Eingriffen in die Substanz – „Operation am offenen Herzen“, nennt das Alfons Swaczyna, Leiter des Tiefbauamtes Regensburg. Die Steinerne ist halt die älteste unverändert erhaltene Brücke Deutschlands und überhaupt das größte abendländische Ingenieurbauwerk aus dem Hochmittelalter, das noch heute in Funktion steht. Die Steinerne Brücke, eines der Wahrzeichen Regensburgs, ist einfach grandios.

Teufelskerle von Baumeistern

Man muss sich wirklich wundern, wie die mittelalterlichen Teufelskerle von Baumeistern dieses hochkomplexe Megaprojekt in nur elf Jahren – von 1135 bis 1146 – bis zur Vollendung durchzuziehen wussten: Allein die Baumasse beträgt mindestens 100.000 Tonnen. Schon die Baustelle muss wie ein Weltwunder gewirkt und Schaulustige von weither angezogen haben; allein die Fundamentgründung für die Brückenpfeiler ist selbst mit heutigen technischen Möglichkeiten kein Pappenstiel: „Je, nun“, meint Swaczyna, „sie konnten es halt. Die kannten noch die römische Bauweise, wie sie Vitruv niedergeschrieben hat.“

Marcus Vitruvius Pollio (~84 bis ~27 v.Chr.), römischer Militärtechniker und Ingenieur, verfasste mit „De architectura libri decem“ – „Zehn Bücher über Architektur“ das einzige bis heute erhalten gebliebene Werk der antiken Architekturtheorie. Allerdings wichen die Regensburger Brücken-Ingenieure in gravierenden Dingen auch von Vitruv ab: Die Brücke ruht nicht auf Pfeilern, die Steinquader wurden direkt auf ein Donau-Kiesbett gesetzt und hochgemauert.

Die geografische Lage der blühenden Handelsmetropole Regensburg war im Mittelalter perfekt. Anmutig gelegen am Nordknick der Donau und mit Zugang zum weiten Netz römischer Fernstraßen, Richtung Süden über Land und in West-Ost-Richtung über den Strom gut erreichbar, fehlte den mächtigen Kaufleuten nur noch ein stabiler und ganzjährig nutzbarer Donauübergang Richtung Norden, also nach Böhmen. Furten, Boots-, Kahn- und Fährverbindungen und Vorläuferbrücken hat es wohl gegeben; lange dürften sie Hochwasser und Eisgang nicht getrotzt haben.

Von Norden heranziehende Kreuzfahrerheere mussten mit Mann und Maus die Donau überwinden – auch dies war im fanatisch religiösen Mittelalter ein schwerwiegendes Argument für eine zu errichtende Steinbrücke; der Bau von Brücken galt ohnehin als gottwohlgefälliges Werk.

Also taten sich die unterschiedlichsten Interessenvertreter – Bischöfe, Kaufleute, Handeltreibende, Regensburger Bürger – zusammen, um das Großprojekt energisch voranzutreiben: „Eigentlich“, meint Alfons Swaczyna, „war es die erste Bürgerinitiative in Bayern.“ Man schloss sich zusammen, wohl zähneknirschend (Kosten und Logistik waren enorm), aber das große Ziel war gar zu verlockend.

Danach boomte ganz Regensburg

Wie und von wem, von welchen Bauleuten und Bauleitern, mit welchen Werkzeugen, wie die Steine herangeschafft wurden, wo die Bauhütte stand – davon ist nichts überliefert. Geblieben ist nur das gemeinsame Werk, das Regensburg mit der (vermutlich sehr feierlichen Eröffnung) der Steinernen Brücke als Wirtschafts-, Politik- und Kulturzentrum ganz nach oben brachte. Ritter, Bürger, Pfaffen, Pilger, Soldaten, Kaufleute, Touristen und Gesandte strömten in die Stadt und lösten einen gewaltigen Boom in den mittelalterlichen Restaurants, Hotels und Shopping Malls aus. Und die Einnahmen aus dem Brückenzoll sprudelten auf das Erfreulichste, denn die Steinerne Brücke war der einzige Donauübergang zwischen Ulm und Wien.

Die Steinerne Lady hat 866 Jahre vorbeiziehen sehen. Am 23. April 1945 sprengten Wehrmachtssoldaten Pfeiler 2 und 11, um die US-Army aufzuhalten. Und immer wieder kamen Vorschläge, die alte Dame abzureißen, weil sie als Uralt-Hindernis den modernen Schiffs- und Straßenverkehr störe, sie sei zu alt, zu eng, zu schmal ... Solche Ideen sind aus der Welt. Alfons Swaczyna aber bedauert, dass Regensburgs Bürger sich bei der jetzigen Sanierung nicht mehr engagiert hätten: „Die Steinerne ist ein Stück unserer Stadt-Identität. Das wird heute alles so selbstverständlich hingenommen.“

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