MyMz
Anzeige

Eine Tragödie mit völkerrechtlichem Nachspiel

grenzdrama Der Amberger Hans Dick war das letzte Opfer staatlicher Gewalt an der tschechischen Grenze.

  • Der Amberger Hans Dick (r.) wurde 1986 an der tschechischen Grenze erschossen. Ein Denkmal aus Granit (l.) erinnert an die Bluttat.Foto: Röckl/mz-Archiv

Von reinhold willfurth, mz

mähring/amberg. Die Stille und Schönheit des Oberpfälzer Walds mag er gesucht haben, der hier, bei Mähring (Lkr. Tirschenreuth) ein wenig an die Weiten Skandinaviens erinnert. Am Morgen des 18. September 1986 verabschiedete sich der Amberger Oberstleutnant a. D. Hans Dick zu einer Tageswanderung an der bayerisch-böhmischen Grenze von seiner Frau. Er sollte nicht nach Hause zurückkehren.

Denn statt der gewohnten, ruhigen Waldeinsamkeit auf dem Weg zwischen Hermannsreuth und Treppenstein traf der Wanderer seinen Mörder in Gestalt eines kaum 20-jährigen tschechoslowakischen Grenzsoldaten. Dick war das letzte Todesopfer am Eisernen Vorhang zwischen Bayern und Böhmen. Gut drei Jahre später fielen die Schlagbäume.

Hermann Köpf, damals und heute Förster des Reviers Griesbach, ist gerade auf der Pirsch, als er die Schüsse hört. „Das ging rrrrrt! rrrrrrt! Aber ich dachte mir nichts dabei, auf der anderen Seite der Grenze war ein Schießstand“, berichtet er der MZ. Er pirscht weiter und erlegt einen Hirsch — nur einen Kilometer vom Ort der Tragödie entfernt.

Nach allem, was man weiß, spielt sich dort zur selben Zeit folgendes ab: Hans Dick ist nach einem acht Kilometer langen Fußmarsch nur mehr etwa zwei Kilometer von seinem Tagesziel Mähring entfernt, wo er Mittagsrast halten will. Kurz nach 13 Uhr dann plötzlich Schreie und Schüsse: Eine Gruppe Grenzsoldaten der CSSR verfolgt zwei Flüchtige aus Polen.

Was dann geschieht, steht bis heute nicht genau fest. Fakt ist, dass sich Dicks Wege und die der Verfolger gekreuzt haben. Fakt ist auch, dass ein Grenzsoldat Hans Dick mit seiner automatischen Schnellfeuerwaffe niederstreckt — von hinten und mehrere hundert Meter tief auf deutschem Gebiet. Die Soldaten — es sollen bis zu 15 gewesen sein — legen den Schwerverletzten auf eine Trage und verschleppen ihn über die Grenze. Im fernen Pilsen erliegt Dick dann seiner Verletzung, einem Magendurchschuss. Revierförster Köpf, der erst Tage später im Autoradio bei der Rückkehr von einem Jagdurlaub von der Tragödie erfuhr, ist sich heute sicher: „Wenn die das nicht vertuschen hätten wollen, wäre er noch am Leben“.

Als Hans Dick am Abend des 18. September nicht heimkehrt, beginnt sich seine Familie Sorgen zu machen. Der 59-Jährige hat Herzprobleme, man befürchtet, dass er hilflos im Wald liegt. Eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei durchkämmt daraufhin erfolglos das Revier von Hermann Köpf.

Fast noch schlimmer als die Angst ist die Ungewissheit. Die tschechische Seite schweigt, auch als sich Hinweise verdichten, dass der Täter in ihren Reihen zu suchen ist. Erst als der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei seinem tschechoslowakischen Amtskollegen Chnoupek einschreitet, übergibt das angeschlagene CSSR-Regime die Leiche Hans Dicks. Den entscheidenden Hinweis auf den Todesschuss haben die Pathologen auf höhere Weisung amputiert. Prag muss den Beweis nachliefern, nachdem Genscher den Skandal bei der UNO in New York angeprangert hatte.

Die Familie Dick lebte in den Tagen nach der Tat in völliger Unsicherheit — nicht nur wegen der obligatorischen Funkstille zwischen westlichem Lager und Ostblock. „Die Kommunikation lief zwischen Bonn, Prag, den Amerikanern und München. Bis das bis zu uns gedrungen ist, hat das gedauert“, sagt Sohn Gerhard J. Dick. „Ich habe niemanden gehabt, der mir geholfen hat“, beschreibt seine Mutter ihre damaligen Ohnmachtsgefühle.

Für die Witwe von Hans Dick ist die Bluttat noch immer nicht ganz aufgeklärt. Sie hält es für denkbar, dass ihr Mann, ein korrekter Bundeswehr-Offizier, den polnischen Flüchtlingen geholfen hat. Welche Motivation der Todesschütze auch immer hatte: Nicht ihn, den blutjungen Grenzsoldaten, der nach der Wende vor Gericht stand, mag Traude Dick verurteilen, sondern das System, das hinter den Schüssen stand. Einer Soldatenwitwe ist der Begriff „Befehlsnotstand“ nicht fremd.

Der Tatsache, dass jetzt die letzten Grenzbarrieren fallen, kann die Ambergerin nur wenig abgewinnen: „Sie sehen doch, was alles passiert“. Ihr Ehemann war davon überzeugt, dass sich das System der alten Männer in Osteuropa nicht halten werde: „Mein Mann hat immer gesagt, dass eines Tages die Grenzen fallen“. Es war Hans Dick nicht vergönnt, diesen Tag zu erleben.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht