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Berufe

Eine Zitterpartie für Masseure

Ein Urteil könnte Masseuren die Existenzgrundlage rauben. Dagegen kämpfen sie. Bislang reichte es nur zu einem Teilerfolg.
Von Bernhard Fleischmann

Viele Masseure bilden sich ständig weiter und erlernen neue Techniken. Manuelle Therapie dürfte künftig kaum dazugehören. Foto: Tobias Hase/dpa
Viele Masseure bilden sich ständig weiter und erlernen neue Techniken. Manuelle Therapie dürfte künftig kaum dazugehören. Foto: Tobias Hase/dpa

Regensburg.Das Haus ist soeben gebaut und mit Krediten finanziert. Zwei Kinder, die Ehefrau bleibt zuhause bei ihnen. Und dann das: Sein Arbeitgeber kündigt dem Masseur die Entlassung an. „Der Mann war am Telefon ruhig. Sehr ruhig, deprimiert. Er weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll.“ Solche Gespräche hat Thomas Steinbrenner in den vergangenen Monaten immer wieder geführt. Er ist bundesweit verantwortlich für Kommunikation beim VDB-Physiotherapieverband.

Mehrere hundert Masseure in Bayern kämpfen um ihre Existenz. Ausgelöst hat das Beben das Bundessozialgericht (BSG). Es hat am 16. März geurteilt, dass Masseure und medizinische Bademeister in Bayern nicht berechtigt sind, Leistungen der Manuellen Therapie zu Lasten der Krankenkassen zu erbringen und abzurechnen. Damit kippte das Gericht eine Ausnahmeregelung für Bayern.

Großalarm seit Ende August

Nach dem Spruch des BSG warteten die Verbände gespannt auf die schriftliche Begründung. Die lag Ende August vor. Die schlimmsten Befürchtungen waren eingetreten. Ab diesem Zeitpunkt herrschte Großalarm.

Die Krankenkassen sahen sich gezwungen, das Urteil zeitnah umzusetzen. Sie informierten die Praxen Anfang September, dass sie nur noch bis Ende Oktober MT-Abrechnungen von Masseuren akzeptieren.

Für die Masseure war das ein Donnerschlag, sagt der Regensburger Marcus Troidl. Er betreibt eine Physio-Praxis und ist Bundesvorsitzender des VDB. Die Entscheidung, dass Masseure keine Leistungen der manuellen Therapie (MT) mehr mit den Kassen abrechnen dürfen, bedeutet nach seinen Worten für viele von ihnen das Aus.

Politischer Druck hat gewirkt

Berufsverbände kämpfen seither um eine tragbare Lösung. Die ist aber noch nicht in Sicht. Immerhin haben sie eine Atempause erreicht: Die Krankenkassen haben die Übergangsfrist von ursprünglich Ende Oktober 2017 auf den 31. März 2018 verlängert.

Dabei half offenbar politischer Druck. Troidl alarmierte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml und Klaus Holetschek (beide CSU), der dem Kneipp-Bund in Deutschland vorsitzt. Die Masseure wurden zum Thema im Landtag. Der Ausschuss für Gesundheit und Pflege unterstützte laut dem VDB geschlossen die Forderung nach einer Verlängerung der Übergangsfrist. Alle Fraktionen hätten das mitgetragen, berichtet Hans Ortmann, Vorstand des Verbands Physikalische Therapie (VPT) in Bayern. In einem einstimmig beschlossenen Antrag wurde die bayerische Staatsregierung aufgefordert, sich aus Gründen des Vertrauensschutzes bei den gesetzlichen Krankenkassen für eine großzügige Übergangsfrist einzusetzen. Huml habe bei den Kassen daraufhin die Fristverlängerung bis 31. März erreicht.

Keineswegs befriedigend

Das ist aus Sicht der Berufsverbände und der Masseure zwar hilfreich, aber noch keineswegs befriedigend. Ortmann sagt, Ziel sei ein Bestandsschutz für Masseure, die mit ihrer Zusatzausbildung bereits für die MT zugelassen sind. Klar sei aber auch, dass das Urteil des BSG umgesetzt werden müsse. Deshalb gesteht Ortmann auch zu, dass keine Masseure mehr neu für MT zugelassen werden könnten.

Die Berufsverbände prüfen weitere rechtliche Schritte. Denn an der prekären Situation der betroffenen Masseure ändere die Fristverlängerung um fünf Monate nichts, sagen die Branchenvertreter. Sobald sie MT nicht mehr abrechnen können, sei das Aus einiger Praxen ebenso besiegelt wie der Arbeitsplatzverlust von Masseuren.

Manuelle Therapie

  • Die Manuelle Therapie

    Bei Manueller Therapie behandelt der Therapeut direkt am Gelenk. Dort versucht er, Blockaden zu lösen. Das soll sich auf umliegende Muskeln positiv auswirken.

  • Die Massage

    Bei der Massage ist es umgekehrt: Hier arbeitet der Therapeut direkt am Muskel. Das soll auch dem Gelenk zugute kommen. (fl)

Der Hintergrund: Die Ärzte verordnen laut Troidl viel öfter MT als Massagen. „Von Massagen alleine kann niemand mehr leben“, sagt er. Hinter dieser Verschreibepraxis stehe die Kassenärztliche Vereinigung. Viele Masseure haben sich auch deshalb weiterqualifiziert, um MT anbieten zu können. Das wäre nun schlagartig wertlos, zumindest bei der Behandlung von Kassenpatienten. Die privaten Kassen sind nicht an das Urteil des Bundessozialgerichts gebunden und akzeptieren nach aktuellem Stand weiterhin die MT-Behandlung durch Masseure.

Herzzerreißende Tränen

Der private Bereich bietet durchaus Beschäftigung für Masseure und medizinische Bademeister: in Rehabilitationseinrichtungen, Badebetrieben, Wellnessbädern oder Hotels mit entsprechendem Tourismus. Aber im klassischen Gesundheitsbereich bleibe kaum noch Raum für sie, bekräftigt VDB-Sprecher Steinbrenner.

Er hat für den Verband in den vergangenen Monaten das Ohr hingehalten. Ob für Selbstständige, die um ihre Praxis bangen, oder für Angestellte, denen die Kündigung droht. Um die 75 Anrufe sind es gewesen, schätzt Steinbrenner. Besonders deprimiert seien Masseure im Alter ab 55 Jahren aufwärts. Die könnten keinen Neustart mehr versuchen. Sie seien deprimiert und resigniert. Eine 62-jährige Masseurin habe herzzerreißend geweint, als sie ihm schilderte, dass sie noch arbeiten wolle und müsse, um vernünftig das Rentenalter zu erreichen. Nun befürchte sie, ihre Ersparnisse bereits aufzehren zu müssen, um die Zeit bis zur Rente zu überbrücken. Und die Rente falle dann ja auch niedriger aus.

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