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Kinder

Eltern kämpfen um Hortplätze

Viele Regensburger Abc-Schützen kommen nicht im Hort unter. In Kelheim ist es eng, in Cham entspannt.
Von Marion Koller

Hortplätze sind begehrt, weil die Öffnungszeiten und Räume großzügig sind. Das Personal ist anders als in der Mittagsbetreuung durchwegs pädagogisch ausgebildet. Foto: Oliver Berg/dpa
Hortplätze sind begehrt, weil die Öffnungszeiten und Räume großzügig sind. Das Personal ist anders als in der Mittagsbetreuung durchwegs pädagogisch ausgebildet. Foto: Oliver Berg/dpa

Regensburg.Juliana Knerr ist verzweifelt. Ihre Tochter Paulina besucht ab Herbst die Gerhardinger-Schule in Regensburg. Bei der Einschreibung letzte Woche wollten Knerr und ihr Mann das Mädchen auch gleich im dortigen Hort in Stadtamhof anmelden – und kassierten eine Absage. „Wir haben ganz fest damit gerechnet, in unserer Situation einen Hortplatz zu kriegen“, sagt die berufstätige Mutter. Sie arbeitet als selbstständige Lerntherapeutin jeden Nachmittag, ihr Mann ist unter der Woche in Frankfurt. Deshalb braucht die Familie die nachmittägliche Betreuung für Paulina bis 17.30 Uhr, die bisher wie ihr kleiner Bruder in eine Ganztagskita geht.

Die Familie könnte einen Platz in der Mittagsbetreuung ergattern, doch die Abholzeit bis 17 Uhr schafft Juliana Knerr (45) nicht. Außerdem schließt die Mittagsbetreuung in den Ferien. So viel Urlaub aber kann sich die Selbstständige nicht leisten. „Ich bin völlig am Ende“, sagt Knerr. Für sie sei das existenzbedrohlich.

Mütter wollen Ferienbetreuung

Vielen Regensburger Eltern geht es wie ihr. Die städtische Pressestelle gibt keine Zahl heraus, ehe die Gesamtauswertung vorliegt. Sprecherin Dagmar Obermeier-Kundel räumt aber ein: „Man kann jetzt bereits sagen, dass die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigen wird.“ Als Alternativen schlägt sie Mittagsbetreuung oder Ganztagsschule vor. Doch Ganztagsklassen existieren nicht überall – zum Beispiel gibt es keine an der Gerhardinger-Schule – und die Mittagsbetreuungen sind zum Teil voll belegt. Außerdem bleibt das Ferienproblem.

Im Gerhardinger-Hort wurden laut Mutter Juliana Knerr rund 25 Kinder abgelehnt. Der Hort in der Bajuwarenstraße, den die Schüler von „Napoleonstein“ besuchen, hat 30 Familien abgesagt. Dort ist auch die verlängerte Mittagsbetreuung voll. Die Liste ließe sich fortsetzen.

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Der Freistaat garantiert den Eltern seit 2013 einen Kitaplatz, auf eine Nachmittagsbetreuung der Schulkinder haben sie jedoch keinen rechtlichen Anspruch. Es wird ein Bedarf geschaffen und ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr nicht mehr erfüllt. „Die Kinder stehen auf der Straße“, sorgt sich die Freiberuflerin Michaela H. (41) aus Regensburg. Sie hat bei der Einschreibung ihrer Tochter an der Von-der-Tann-Schule erfahren, dass sie keinen Hortplatz bekommt. „Das ist eine absolute Unverschämtheit.“ Auch sie und ihr Mann sind ganztags berufstätig.

Regensburg kommt mit Ausbau kaum nach

  • Oberpfalz:

    36 049 Kinder besuchen im laufenden Schuljahr die Grundschulen in der Oberpfalz. Laut Pressesprecher Markus Roth von der Regierung der Oberpfalz sind im Jahr 2016 rund 3470 Schüler in Horten und Kinderhäusern betreut worden. 2017 wird erst ausgewertet.

  • Regensburg:

    In Regensburg leben 4000 Grundschüler. Für ein Viertel von ihnen stehen rund 1000 Hortplätze im Stadtgebiet zur Verfügung, und zwar an 16 städtischen Hortstandplätzen und 3 von freien Trägern. In den Ferien bieten die Horte eine Betreuung für 1030 Kinder an.

  • Ziel:

    Die Stadt strebt laut ihrem Schulentwicklungsplan 2018 an, dass bis in spätestens zehn Jahren für 70 bis 75 Prozent der Regensburger Grundschüler ein Ganztagsschulplatz oder eine Ganztagsbetreuung mit Mittagessen zur Verfügung stehen.

  • Kriterien:

    Bevorzugt werden für den Platz in einem Hort Kinder, die im Schulsprengel wohnen; die berufstätige, alleinerziehende Mütter oder Väter haben; deren Eltern beide berufstätig sind; Kinder mit Förderbedarf; Kinder, deren Geschwister bereits in der Einrichtung betreut werden; jüngere Kinder haben Vorrang vor älteren.

Nicht nur in Regensburg kämpfen die Eltern um einen Hortplatz, schwierig ist die Situation auch in Kelheim. In der Kleinstadt gibt es nur den Schülerhort der Arbeiterwohlfahrt. 30 Kinder sind vorgemerkt. Nur zehn oder elf könnten aufgenommen werden, sagt die stellvertretende Leiterin Belinda Geyer. „Auch die Mittagsbetreuung platzt aus allen Nähten.“ Die Ganztagsschule im Ortsteil Hohenpfahl aber sei vielen Eltern wegen der täglichen Anwesenheitspflicht am Nachmittag „zu unflexibel“. Angela Steinberger, die bei der Stadt Kelheim das Sachgebiet Bildung und Soziales leitet, weiß gar nicht, dass 30 Kindernamen auf der Warteliste stehen. „Das sind schon viel.“ Sie befürwortet trotzdem keine zweite Gruppe, sondern setzt auf die Ganztagsschule Hohenpfahl – die jedoch nicht wie der Hort bis 17.30 Uhr geöffnet ist. In den Ferien werden die Schüler aber weitgehend im AWO-Hort beaufsichtigt. „Das hat bisher gereicht“, sagt Steinberger.

Mutter Juliana Knerr hofft, dass sie doch noch einen Hortplatz für Paulina bekommt. Foto: Knerr
Mutter Juliana Knerr hofft, dass sie doch noch einen Hortplatz für Paulina bekommt. Foto: Knerr

Völlig anders läuft es in Cham. Die Stadt im Bayerwald bietet gar keinen Hort. Bei der letzten Elternbefragung 2015 meldeten laut geschäftsleitender Beamtin Sigrid Stebe-Hoffmann nur acht Mütter und Väter Interesse an. Für die Ferienbetreuung 2017 wurden nur drei Kinder für jeweils eine Woche eingeschrieben. Bürgermeisterin Karin Bucher setzt auf einen zweiten Ganztagszug an der Grundschule.

Rechtsanspruch kommt 2025

Über dem Antrag brütet bereits die Regierung der Oberpfalz. Die übrigen Wünsche deckt die Mittagsbetreuung bis 14 oder 15 Uhr ab. „Das reicht bei uns im ländlichen Raum“, betont Bucher. „Teilweise ist die Mama in Teilzeit tätig oder bleibt ganz zu Hause. So etwas gibt es bei uns auch noch.“

Ein Blick nach Neumarkt: Die Eltern kommen offenbar mit drei Horten und 155 Plätzen aus. „Bisher haben wir alle Kinder untergebracht und es gibt auch keine Wartelisten“, erklärt Martina Hösch vom Presseamt der Stadt.

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Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter soll im Jahr 2025 realisiert werden. Das wurde bei den Koalitionsverhandlungen im Bund festgezurrt. Marion Gehlert, stellvertretende Pressesprecherin des bayerischen Ministeriums für Familie, Soziales und Arbeit teilte mit, für die Umsetzung müssten die schulische Ganztagsbetreuung (Ganztagsschule, Mittagsbetreuung) und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe (Horte, Kinderhäuser mit Schülerbetreuung) eng verzahnt werden. Sie rät den Regensburger Eltern, den Hortplatz bei der Stadt einzufordern. Ansonsten lässt das Ministerium die Familien alleine: Wegen des fehlenden Rechtsanspruchs könne der Platz nicht eingeklagt werden.

Die Mütter Juliana Knerr und Michaela H. geben nicht auf. Es steht zu viel auf dem Spiel. „Wir wollen, dass die Stadt neue Hortplätze schafft.“ Beide setzen auf Gespräche mit dem Amt für Tagesbetreuung von Kindern.

Leiterin Dr. Eleonore Hartl-Grötsch verspricht im Gespräch mit der Mittelbayerischen, dass die Stadt Nachrückerplätze offerieren wird. „Und es kann sein, dass bis zum Herbst noch erweitert wird.“

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