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Energiekonzerne kippten die WAA

Große Schlagzeilen Ostbayerns: Mit einer nüchternen Analyse leitete der Vorstandschef des VEBA-Konzerns im April 1989 das Ende des Atomprojekts ein.
Von Elisabeth Hirzinger, MZ

  • Am Bauzaun kam es fast jedes Wochenende zu Auseinandersetzungen zwischen WAA-Gegnern und Polizeibeamten.Foto: Archiv Nowak
  • Hans Kalischek war 1989 Lokalchef der Schwandorfer MZ-Redaktion.
  • So titelte die Mittelbayerische Zeitung am 1. Juni 1989.

Schwandorf.Jahrelang hatten Hunderttausende von WAA-Gegnern einen erbitterten Kampf gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage bei Wackersdorf geführt – bis ein Wirtschaftsboss mit einem Wisch das Atomprojekt vom Tisch fegte. Was Atomkraftgegner und gewiefte Anwälte vor Gericht nicht erreicht hatten, ein Jurist an der Spitze des Energiekonzerns VEBA, schaffte es.

„Zu langwierig, zu teuer“, lautete das schnöde Fazit von Rudolf von Bennigsen-Foerder, der der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage bei Wackersdorf damit vor 24 Jahren den Todesstoß versetzte. Aber es war ein langes Sterben. Es sollte Wochen dauern, ehe das Ende der WAA offiziell verkündet wurde.

Verlockendes Angebot aus Frankreich

Hans Kalischek, war damals Lokalchef der Schwandorfer Redaktion der Mittelbayerischen Zeitung und konnte zunächst gar nicht glauben, was am 11. April 1989 über die Ticker lief. Das französische Nuklearunternehmen COGEMA hatte dem Düsseldorfer Energiekonzern ein verlockendes Angebot unterbreitet: Ausreichend Kapazität – und eine 49-prozentige Beteiligung am französischen Unternehmen.

Da konnte Bennigsen-Foerder, der als Marktwirtschaftler mit Weitsicht galt, kaum nein sagen. Zumal die Aufarbeitung der Brennstäbe aus deutschen Meilern in La Hague um Milliarden billiger möglich war als in Wackersdorf. Die Pläne der Energiegiganten VEBA und COGEMA, so viel stand für Kalischek fest, könnten die WAA in Wackersdorf kippen.

Benningsen-Foerder hatte noch nie ein Hehl daraus gemacht, dass er eine eigene bundesdeutsche Wiederaufarbeitungsanlage für unsinnig hielt. Aber der VEBA-Vorstandsvorsitzende wusste natürlich auch, dass er taktieren musste. Selbstverständlich werde er die Offerte nur annehmen, wenn Kohl ausdrücklich zustimme, ließ er die Regierung wissen. Er wäre ja bescheuert gewesen, wenn er Bonn nicht unterrichtet hätte, erklärte er später.

Bennigsen-Foerder wollte keine schlafenden Hunde wecken. Das übernahm Friedhelm Ost. Der Sprecher der Bundesregierung war es, der die zunächst geheimen Verhandlungen publik machte – zur Unzeit, für Bundeskanzler Helmut Kohl, und vor allem ohne Not.

Die Nachricht schlug jedenfalls ein wie eine Bombe, erinnert sich Hans Kalischek. Da stellte sich ein Wirtschaftsmanager hin und konstatierte, dass sich eine deutsche Wiederaufarbeitungsanlage nicht rentiert. Punkt.

Kein Wunder, dass die Aufregung groß war. Aber auch die Skepsis, sagt Hans Kalischek. Bedeutete das das Ende der WAA? „Wir hatten immer im Hinterkopf, was wohl als nächstes kommt“, erinnert sich der Redaktionsleiter. „Spontane Freude kam da nicht auf“.

Wochenlanges Hin und Her

Stattdessen gab es Dementis zuhauf. Friedhelm Ost wiegelte gleich am nächsten Tag ab: Die angekündigten Verhandlungen für eine gemeinsame Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente seien „reine Absichtserklärungen“. Die DWK verkündete, sie wollte ihre Ziele „auf jeden Fall weiterverfolgen“. Tage später pochte CSU-Vorsitzender Theo Waigel darauf, an dem umstrittenen WAA-Projekt festzuhalten. Und der Kanzler, der sagte, wie üblich bei heiklen Angelegenheiten, weder ja noch nein.

Das Hin und Her um Sinn und Unsinn einer deutschen Wiederaufarbeitung ging noch Wochen weiter. Erst am 30. Mai war Schluss mit den wilden Spekulationen. Um 10.39 Uhr tickerte die Meldung über den Fernschreiber, die von historischer Tragweite für die gesamte Region war.

Die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) ließ darin mitteilen, dass die Bauarbeiten an der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf eingestellt werden. Bis zu dem Zeitpunkte waren rund 2,7 Milliarden Mark verbaut worden.

Der Baustopp wurde am 31. Mai um 17 Uhr wirksam. Vier Jahre und vier Monate nach der Entscheidung, im Taxölderner Forst eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage zu bauen, vollzog die Betreibergesellschaft das Ende eines Projekts, das zum Scheitern verurteilt war, zum einen, weil es finanziell aus dem Ruder lief, zum anderen, weil die Atomlobby die Rechnung ohne die Oberpfälzer gemacht hatte. Dass die Menschen hier so massiven Widerstand leisten würden, damit hatte wohl niemand gerechnet.

Jahrelang hatte der Bau der Wiederaufarbeitungsanlage WAA-Gegner und Journalisten gleichermaßen in Atem gehalten. Der Kampf um die WAA war für die Redakteure vor Ort, wie Kalischek betont, „eine echte, mentale Herausforderung“. Eine Herausforderung, die die MZ-Redakteure offenbar gut meisterten. Für „hervorragende Leistungen auf dem Gebiet des Journalismus“ .… und ihre „souveräne Art der Stoffbehandlung“ wurden sie 1989 mit dem Drexel-Preis ausgezeichnet.

Für Hans Kalischek und seine Kolleginnen und Kollegen war dies, zumal sich die Chefredaktion nicht für den Preis beworben hatte, eine kleine Genugtuung und Anerkennung eines Engagements über Jahre hinweg. Journalist vor Ort zu sein war damals kein Zuckerschlecken. „Auch an uns gingen die Dauereinsätze auf dem WAA-Gelände nicht spurlos vorbei“, sagt Hans Kalischek, der in den Prügelorgien der Berliner Polizei im Oktober 1987 den Tiefpunkt erreicht sah.

Der zermürbende Kampf um die Wiederaufarbeitungsanlage hat Kraft gekostet. Kein Wunder, dass die Atomkraftgegner am 31. Mai 1989, als es endlich vorbei war, nicht in Feierlaune waren. „Da wollte keiner Freudenfeuer entzünden“, erinnert sich Kalischek, der selbst nur „große Erleichterung“ empfand. – Nur für’s Fernsehen haben die WAA-Gegner dann doch noch die Sektkorken knallen lassen.

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