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Interview

Equal Pay: Frauen wollen auch Karriere

Katrin Auspurg ist Professorin für Soziologie und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.
Von Angelika Sauerer

Katrin Auspurg lehrt an der LMU München.
Katrin Auspurg lehrt an der LMU München.

Regensburg.Frau Auspurg, Sie erforschen unter anderem soziale Ungleichheiten am Arbeitsmarkt und zwischen den Geschlechtern. Die Lohnlücke ist ein Fakt. Warum sind Frauen bereit, für geringeren Lohn zu arbeiten?

Es gibt viele empirische Hinweise, dass das stark mit der familiären Situation zu tun hat. Die Lohnlücke ist in den Jahren am größten, in denen Personen eine Familie haben. Männer sind dann üblicherweise im Schnitt drei Jahre älter, das bedeutet, sie sind auch in der Karriere weiter fortgeschritten. In Deutschland gibt es für das Modell Hauptverdiener und Zweitverdiener starke steuerliche Anreize. Die Entscheidungslogik in Haushalten ist dann, gerade wenn ein Kind geboren wird, oft so, dass die Person, die das höhere Einkommenspotenzial hat, Vollzeit arbeiten geht. Somit werden Frauen leicht zu Zweitverdienerinnen. Ihr möglicher Stundenumfang ist geringer, da Betreuungsmöglichkeiten fehlen, und sie können weniger weit pendeln. Das schränkt die möglichen Stellen ein. Teilzeitarbeit lässt sich zudem nicht so gut mit Karriereabsichten verbinden und ist weniger gut entlohnt wie Vollzeitarbeit.

Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern:

Warum ist Teilzeitarbeit billiger?

In Teilzeit arbeiten sehr viele Mütter, die dann weniger Berufserfahrung haben. Gerade Berufserfahrung zahlt sich in Deutschland stark mit einem höheren Gehalt aus. Durch diese vielen Teilzeitstellen – eine Besonderheit im deutschen Arbeitsmarkt – hat man es in den letzten Jahrzehnten allerdings geschafft, dass sehr viele Mütter in den Arbeitsmarkt zurückgekehrt sind.

Altenpfleger

Equal Pay: Leute wie Schwester Sabine

Kranken- und Altenpflege ist ein frauendominierter Beruf. Dort gibt es weniger Lohn – bei hoher Verantwortung.

Setzen Frauen ihre Gehaltsforderungen weniger gut durch?

Die Vermutung wird immer wieder geäußert. Auch die, dass Frauen nicht so an Karriere interessiert sind. Gerade das kann ich nicht bestätigen. In einer Studie haben wir Frauen und Männern fiktive Jobangebote mit mehr oder weniger guten Karriereaussichten vorgelegt. Wir konnten beobachten, dass Frauen genauso an den Karrieren interessiert sind. Aber auch, dass sie stärker bereit sind, für flexiblere und kürzere Arbeitszeiten, kürzere Pendelzeiten und weniger Überstunden ein Stück vom Gehalt aufzugeben. Das waren jetzt keine Riesenunterschiede, aber sie summieren sich dann doch. Wieder spielte der Faktor Familie oder Partnerschaft eine Rolle: Bei alleinstehenden Frauen gab es keine Unterschiede zu den Männern. Ich vermute, dass die Annahme, Frauen setzten sich weniger im Gehalt durch, viel mit der Position im Haushalt zu tun hat. Als Zweitverdienerinnen habe sie nicht so viele alternative Angebote. Da traut man sich nicht – oder kann es sich gar nicht leisten – auf Gehalt oder Karriere zu setzen.

Gender Pay Gap

  • Unbereinigte Lohnlücke:

    Hier werden die absoluten Bruttostundenverdienste von Frauen und Männern miteinander verglichen. Dabei werden keine Faktoren berücksichtigt, die den sogenannten „Gender Pay Gap“ oder „Gender Wage Gap“ erklären könnten. Der auf diese Weise ermittelte geschlechtsspezifische Lohnunterschied bewegt sich in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre zwischen 21 und 23 Prozent.

  • Bereinigte Lohnlücke:

    Die Gründe für geschlechtsspezifische Lohndifferenzen sind vielschichtig: Berufswahl, Beschäftigungsumfang (Teilzeit), Bildungsstand, Berufserfahrung, weniger Führungspositionen zählen zu den wichtigsten. Rechnet man diese strukturellen Gründe heraus, bleibt dennoch ein unerklärbarer Restunterschied in Höhe von etwa sechs Prozent. Das ist der bereinigte Gender Wage Gap.

  • Vergleich:

    Im EU-Mittel liegt der Gender Pay Gap bei 16 Prozent. Nur in Estland und in der Tschechischen Republik klafft die Lohnlücke weiter auseinander als in Deutschland. In Frankreich beträgt sie 15, in Schweden 13 und in Belgien sechs Prozent. Auffällig ist die kleine Lücke von 6-7 Prozent in den ostdeutschen Ländern. Hauptgrund: Dort verdienen Männer im Schnitt weniger, weil es weniger hoch bezahlte Jobs gibt.

  • Entgelttransparenzgesetz:

    Seit Januar 2018 besteht in Deutschland in Betrieben mit über 200 Beschäftigten ein Auskunftsrecht über Löhne in vergleichbaren Positionen. Eine Blitzumfrage bei großen Arbeitgebern in der Region zeigte: Es wird kaum genutzt. Bei Continental und Infineon gingen um die 20 Anfragen ein, bei der Maschinenfabrik Reinhausen eine, bei Krones vier, bei Osram und der Uni Regensburg keine. (asa)

Klingt ziemlich ungerecht...

Wir haben in einer Studie gefragt, ob die Leute es gerecht finden, wenn Frauen weniger verdienen als Männer. Erst mal sagen natürlich alle: Es ist total ungerecht. Dann aber haben wir den Leuten fiktive Beschäftigte vorgelegt mit unterschiedlichen Berufen, Alter, Geschlecht und Einkommen und gefragt: Ist dieses Einkommen gerecht oder ungerechterweise zu niedrig oder zu hoch? Das überraschende Ergebnis: Viele finden es doch gerecht, wenn Frauen etwas weniger verdienen als vergleichbar qualifizierte Männer.

Wie kann das sein?

Insbesondere Leute, die selbst mit einem Gender Wage Gap konfrontiert sind, empfinden die Lohnlücke als gerecht. Es gibt zudem die Status Construction Theory: Man schließt aus Belohnungen auf Leistungen, etwa dass ein Fußballer mit höherem Einkommen besser spielt. Wir sind alle mit der Lohnlücke aufgewachsen und beobachten viele gut entlohnte Männer, das schleicht sich in die Beurteilungsschemata ein. Die als gerecht tolerierte Lohnlücke ist nicht ganz so groß wie die tatsächliche, liegt aber immerhin bei neun bis zehn Prozent.

Aber die Frauen holen doch auf. Beobachten Sie Veränderungen?

Die Lohnlücke ist erstaunlich stabil. Seit Mitte der 90er Jahre haben wir diese 22 bis 23 Prozent. Wenn man genauer hinschaut, hat sich schon was getan. Vor allem in der Bildung liegen Frauen nun gleich auf oder schon vor den Männern. Das wirkt sich aus. Unsere Analysen mit dem sozioökonomischen Panel zeigten, dass sich die Lohnlücke um vier bis fünf Prozent geschlossen hätte, wenn nicht gleichzeitig so viele Frauen in Teilzeit auf den Arbeitsmarkt gekommen wären.

Wo müsste man ansetzen, um die Verdienstlücke zu schließen?

Bessere Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeiten schaffen. Durch Home-Office Pendel-Erfordernisse wegnehmen und Überstunden vermeiden.

In Deutschland ist die Verdienstlücke im Vergleich zu anderen Ländern besonders groß. Warum?

Der empirisch nachweisbare Hauptgrund ist, dass wir sehr großzügige Elternzeitregelungen haben, die lange Erwerbsunterbrechungen zulassen. Das ist ein Risiko für Arbeitgeber. Und es fehlt den Rückkehrerinnen – meist sind es ja Frauen – danach an Berufserfahrung, die wiederum relevant fürs Gehalt ist.

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