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Altenpfleger

Equal Pay: Leute wie Schwester Sabine

Kranken- und Altenpflege ist ein frauendominierter Beruf. Dort gibt es weniger Lohn – bei hoher Verantwortung.
Von Angelika Sauerer

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Foto: Christoph Schmidt/dpa
Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Regensburg.Für Schwester Sabine beginnt die Frühschicht um sechs Uhr. Sie erfährt, wer diese Nacht unruhig durch die Gänge lief. Wer Fieber bekam oder Durchfall. Ob es einen Notruf gab, ob jemand gestürzt ist, ins Krankenhaus musste. Sie geht auf ihre Station und bereitet sich auf einen Tag vor, an dem jeder Zwischenfall den engen Zeitplan durcheinanderbringen wird, und jeder Notfall ein Todesfall sein kann.

Die 50-Jährige leitet einen Wohnbereich im Regensburger Altenheim St. Ägid. Pro Schicht versorgt sie mit zwei Kolleginnen 35 Bewohnerinnen und Bewohner von rüstig bis bettlägrig. Als Erstes sortiert sie die Medikamente, dann folgt die Grundpflege: Toilette, Waschen, Anziehen. „Po auswischen, wickeln, Spucke wegputzen, füttern“ – Schwester Sabine kennt die Kommentare über ihren Job. Sie kann sie nicht mehr hören. Sie selbst drückt sich anders aus, um die Tätigkeiten zu benennen. „Vorlagen wechseln“ und „Frühstück eingeben“ – die Pflegebedürftigen seien doch erwachsene Menschen mit Würde und Scham. „Gut, dass es solche Leute wie dich gibt“, auch das hört sie oft.

2018 fehlten 40 000 Pflegekräfte

Leute wie Schwester Sabine sind gefragt. 2018 fehlten laut Bundesagentur für Arbeit (BA) auf dem deutschen Arbeitsmarkt 40 000 Pflegekräfte, die Stellen blieben unbesetzt. Die Initiatoren des Volksbegehrens gegen den Pflegenotstand rechnen vor, dass in Bayern 12 000 Pflegestellen in Krankenhäusern fehlen. „Pflege wird nur als Kostenfaktor gesehen“, sagt Sabine Karg vom deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Dabei wird dort ohnehin wenig bezahlt. Das mittlere Entgelt in Deutschland für Alten- oder Krankenpflegerinnen und -pfleger beträgt pro Monat im Tarif um die 2800 Euro brutto; außertariflich liegt es deutlich darunter. Dagegen bewegte sich das durchschnittliche Bruttogehalt eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers in Deutschland 2017 bei circa 3770 Euro. Die Gesellschaft leistet es sich, Leute wie Schwester Sabine schlechter zu bezahlen, als Fachkräfte in der Industrie. Kein Wunder, dass Stellen unbesetzt bleiben. „Warum werden Pflegeberufe nicht so anerkannt wie zum Beispiel ein Werkmeister?“, fragt sich Schwester Sabine.

Der Pflegenotstand hat mit der Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern zu tun:

Pflege ist ein frauendominierter Beruf. In St. Ägid arbeiten in der Pflege 13 Männer und 44 Frauen. Bundesweit liegt der Frauenanteil in der Altenpflege laut Bundesagentur für Arbeit bei 84, in der Krankenpflege bei 81 Prozent. „Care-Berufe“ werden als typisch weiblich eingestuft und damit unterbewertet, argumentieren Anastasia Bamesberger und Stefanie Bickert von der Equal-Pay-Kampagne. Sie würden geringer geschätzt und bezahlt „als solche, die traditionell auf dem klassichen Arbeitsmarkt mit einem hohen Preis und einer hohen Wertschöpfung verbunden waren, die sich in Lohnhöhe umsetzte.“ Durchschnittlich verdienten vollzeitbeschäftigte Männer 2017 in Deutschland 3964 Euro, Frauen dagegen nur 3330 Euro.

Unbereinigte Lohnlücke zwischen Männern und Frauen nach Bundesländern:

Die genauen Werte erscheinen, wenn der User mit der Maus oder dem Finger über die Bundesländer fährt bzw. darauf klickt.

Karriere in der Altenpflege

Schwester Sabine hat Glück, sie ist bei einer kirchlichen Einrichtung beschäftigt. Öffentliche und kirchliche Träger bezahlen deutlich mehr als private, laut praktischarzt.de beträgt der Unterschied bis zu 1000 Euro. Schwester Sabine gehört quasi zu den Bestverdienerinnen in ihrem Berufsfeld. Sie begann als Quereinsteigerin in Teilzeit. Vorher war sie Arzthelferin. Doch die Rückkehr in den Beruf nach fünf Jahren Kinderpause gestaltete sich schwierig. Das Arbeitsamt vermittelte ihr die Umschulung zur Altenpflegerin. Inzwischen hat sie sich zur verantwortlichen Pflegekraft und Leiterin eines Wohnbereichs weiterqualifiziert, ihr Gehalt spiegelt das mit 3400 Euro wieder. Und nun arbeitet sie an ihrem nächsten Karriereschritt: Sie bildet sich zur „Leiterin des Pflegedienstes in einer Einrichtung der Altenpflege“ weiter.

Interview

Equal Pay: Frauen wollen auch Karriere

Katrin Auspurg ist Professorin für Soziologie und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Ihre Chefin, Heimleiterin Barbara Richter, unterstützt sie. Sie sagt: „Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für mich das Wichtigste.“ Diese Haltung zahlt sich aus. In ihrem Haus sei der Pflegefachkraftmangel derzeit noch kein Thema. Die Leute bleiben lange, meist bis zum Renteneintritt. Sie selbst ist seit 27 Jahren in St. Ägid. Ihren Aufstieg zur Führungskraft absolvierte sie in Teilzeit. Einen Tag in der Woche hat sie frei. Und als Mutter kennt sie die Bedürfnisse von Frauen und Männern mit Kindern. „Auf Teilzeitwünsche versuchen wir, sehr schnell und flexibel zu reagieren.“ Aber mit Blick auf private Häuser sagt sie: „Für eine Pflegekraft ist es dort oftmals nicht besonders lukrativ zu arbeiten.“

Unbereinigte Lohnlücke zwischen Männern und Frauen im Europavergleich:

Die genauen Werte erscheinen, wenn der User mit der Maus oder dem Finger über die Bundesländer fährt bzw. darauf klickt.

Die Arbeit an sich unterscheidet sich nicht von Schwester Sabines Tätigkeiten. Nach der Medikamentenvergabe folgt die Grundpflege. Manche Bewohner sind zu schwach, um aufzustehen, sie wäscht sie im Bett. Jeden Schritt – Decke wegziehen, Gesicht waschen, Oberkörper und so weiter – kündigt sie an, verbal oder mit Berührungen und Blickkontakt. Nicht alle können noch kommunizieren. Viel Zeit bleibt nicht. „Die Grundpflege wurde in der Ausbildung viel ausführlicher geübt, als sie in der Praxis möglich ist“, sagt Schwester Sabine. Und doch ist es neben der Essenvergabe oft die einzige Gelegenheit, in der direkte Gespräche möglich sind. Für die soziale Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner ist ein extra Team zuständig, das ab zehn Uhr auf die Station kommt.

Entgeldgleichheit

Ein Tag, den es nicht geben sollte

Frauen haben weniger in der Tasche als Männer. Zum Equal Pay Day gibt es ein Podium im Verlagshaus der Mittelbayerischen.

Was die Menschen verdrängen

Die Verantwortung, die sie trägt, ist immens hoch. Eine falsche Entscheidung, ein zu später Notruf, ein verwechseltes Medikament kann das Ende eines Lebens bedeuten. „Wenn in der Produktion jemand einen Fehler macht, ist vielleicht die Maschine kaputt oder das Fließband steht still. Bei uns ist es der Mensch“, sagt Schwester Sabine. Früher ging sie manchmal heim und fragte sich: „Habe ich das Richtige gemacht?“ Mittlerweile kann sie besser abschalten. An die körperliche und psychische Belastung hat sie sich gewöhnt, mit der Allgegenwart des Todes hat sie sich arrangiert. Er gehört dazu. „Das ist ein Altenheim und kein Jugendheim.“ Was sie nicht verstehen kann: Manche Angehörige wollen nicht verständigt werden, wenn es zu Ende geht. „Bitte erst in der Früh anrufen. Bitte erst, wenn’s vorbei ist.“

Schwester Sabine dagegen ist stolz darauf, Menschen bis zum Ende zu begleiten. „Wir kümmern uns hier um das, was die Gesellschaft verdrängt.“ Die Wertschätzung dafür könnte größer ausfallen.

Gender Pay Gap

  • Unbereinigte Lohnlücke:

    Hier werden die absoluten Bruttostundenverdienste von Frauen und Männern miteinander verglichen. Dabei werden keine Faktoren berücksichtigt, die den sogenannten „Gender Pay Gap“ oder „Gender Wage Gap“ erklären könnten. Der auf diese Weise ermittelte geschlechtsspezifische Lohnunterschied bewegt sich in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre zwischen 21 und 23 Prozent.

  • Bereinigte Lohnlücke:

    Die Gründe für geschlechtsspezifische Lohndifferenzen sind vielschichtig: Berufswahl, Beschäftigungsumfang (Teilzeit), Bildungsstand, Berufserfahrung, weniger Führungspositionen zählen zu den wichtigsten. Rechnet man diese strukturellen Gründe heraus, bleibt dennoch ein unerklärbarer Restunterschied in Höhe von etwa sechs Prozent. Das ist der bereinigte Gender Wage Gap.

  • Vergleich:

    Im EU-Mittel liegt der Gender Pay Gap bei 16 Prozent. Nur in Estland und in der Tschechischen Republik klafft die Lohnlücke weiter auseinander als in Deutschland. In Frankreich beträgt sie 15, in Schweden 13 und in Belgien sechs Prozent. Auffällig ist die kleine Lücke von 6-7 Prozent in den ostdeutschen Ländern. Hauptgrund: Dort verdienen Männer im Schnitt weniger, weil es weniger hoch bezahlte Jobs gibt.

  • Entgelttransparenzgesetz:

    Seit Januar 2018 besteht in Deutschland in Betrieben mit über 200 Beschäftigten ein Auskunftsrecht über Löhne in vergleichbaren Positionen. Eine Blitzumfrage bei großen Arbeitgebern in der Region zeigte: Es wird kaum genutzt. Bei Continental und Infineon gingen um die 20 Anfragen ein, bei der Maschinenfabrik Reinhausen eine, bei Krones vier, bei Osram und der Uni Regensburg keine. (asa)

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