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Er verehrte die Schönheit der Antike

Auf den Spuren von Johann Joachim Winckelmann: Der Ideengeber der Weimarer Klassik starb vor 250 Jahren in Triest.
Von Claudia Böckel

Johann Joachim Winckelmann in Marmor: Die Büste stammt vermutlich von Friedrich Wilhelm Doell und gehört einem privaten Sammler.  Foto: Böckel
Johann Joachim Winckelmann in Marmor: Die Büste stammt vermutlich von Friedrich Wilhelm Doell und gehört einem privaten Sammler. Foto: Böckel

München.Der Gast war schwer verwundet. Man fand ihn vor 250 Jahren, am 8. Juni 1768, gegen 10 Uhr morgens in der Osteria Grande an der Piazza San Pietro in Triest. Sechs Stunden später – nach medizinischer Betreuung, Befragung durch das Kriminalgericht und der letzten Ölung durch einen Priester – war er tot. Den Tathergang konnte er selbst noch beschreiben: Der flüchtige Koch Francesco Arcangeli habe zunächst versucht, ihn mit einer Schlinge zu erdrosseln, um in den Besitz der Reisekasse zu gelangen. Doch der Angegriffene wehrte sich, bis Arcangeli ein Messer zog und ihm siebenmal in die Brust stach.

Der Mörder wurde gefasst. Durch Zeugenaussagen und Indizien belastet gestand er die Tat schließlich. Der Strafprozess gehört zu den bestdokumentierten Kriminalfällen des 18. Jahrhunderts. Am 20. Juli 1768 wurde der Mörder auf der Piazza Grande, genau gegenüber dem Ort der Tat, lebendig aufs Rad geflochten.

Das spätere Mordopfer reiste inkognito

Doch wer war aber der Ermordete? Er reiste inkognito, war auf dem Weg nach Rom. Als im Zuge der Ermittlungen bekannt wurde, dass es sich um Johann Joachim Winckelmann handelte, den Präfekten der Altertümer Roms, den man in ganz Europa als Gelehrten feierte, fand das Geschehen international viel Aufmerksamkeit.

Winckelmann lebte seit 1755 in Rom. Schon längere Zeit hatte er eine Deutschlandreise geplant, zusammen mit seinem Freund, einem der ersten Restauratoren, Bartolomeo Cavaceppi. Über Loreto, Bologna und Venedig ging es über die Alpen, wo Winckelmann zunächst die hohen Berge als bedrohlich empfand, in Deutschland dann die spitzen Dächer der Häuser. Heute würde man wahrscheinlich eine Depression diagnostizieren.

Über Augsburg und München kamen die Reisenden nach Regensburg, wo Winckelmann seine Reise abbrach, sich von seinem Begleiter aber noch zu einem Abstecher zu Kaiserin Maria Theresia nach Wien überreden ließ. Sie schenkte ihm Gold- und Silbermünzen und stellte ihm einen Reisewagen zur Verfügung. Winckelmann hatte sich gesundheitlich erholt und schien bezüglich der baldigen Rückkehr nach Rom guter Dinge zu sein, als er alleine in Triest ankam. Cavaceppi war unterdessen nach Mitteldeutschland weitergereist.

Geboren wurde Winckelmann am 9. Dezember 1717 in ärmlichsten Verhältnissen als Sohn eines Schusters in Stendal. Seine Begabung wurde früh erkannt, Stiftungen förderten ihn. In der Bibliothek des Reichsgrafen von Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden und im Umgang mit Künstlern und Kunstliebhabern in Dresden entwickelte er neue Ideen zur bildenden Kunst, die rasch die Aufmerksamkeit des sächsischen Kurfürsten und des päpstlichen Nuntius in Sachsen fanden. 1755 nahm Winckelmann das Angebot an, nach Rom zu gehen.

Dort bearbeitete er verschiedene Antikensammlungen und nahm Einfluss auf die Gestaltung der Villa des Kardinals Alessandro Albani, bis er 1763 zum Commissario delle Antichità, zum obersten Denkmalpfleger in Rom und im ganzen Kirchenstaat, wurde. Seine Schriften waren schon bald in alle großen Sprachen Europas übersetzt. Er legte erstmals ein entwicklungsgeschichtliches System der antiken Kunst vor und gilt als Erneuerer der klassischen Archäologie und der modernen Kunstgeschichte und als Ideengeber der Weimarer Klassik.

Die „edlen Einfalt und stillen Größe“ antiker Kunst

Mit seiner Formel von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ antiker Kunst war er Wegbegleiter des Klassizismus, der in Bayern unter Ludwig I. große Bedeutung gewann. Als Gelehrter und Schriftsteller prägt Winckelmann den Blick auf die Antike bis heute. 1755 erschien seine Schrift „Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“, in der er ein emphatisches Bild der idealen Schönheit griechischer Antike entwarf, das in Europa Furore machte. 1764 folgte die „Geschichte der Kunst des Alterthums“, in der es gelungen ist, in den „Wald von vielleicht 70 000 Statuen und Busten, die man in Rom zählet“ (Herder) eine historische Ordnung einzufügen.

Als Mensch war Winckelmann wohl ein schwärmerischer Visionär und geistiger Abenteurer. In Rom verkehrte er in Künstlerkreisen und lebte seine Homosexualität relativ offen aus. Er eröffnete seinen Zeitgenossen einen neuen Zugang zur Antike durch seine auf eigener Anschauung beruhenden, sinnlich erfahrbaren und mit erotischem Blick unterlegten Kunstbeschreibungen. Er formulierte seine Vorstellung von der zeitgenössischen Kunst, die sich aus den Fesseln von Barock und Rokoko lösen sollte, so: „Der einzige Weg für uns, groß, ja wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“

Ein schwärmerischer Blick

Sein Blick auf die Statuen ist beides: ahistorisch-poetisch und schwärmerisch, aber auch akribisch in der Untersuchung der Details. Der Apoll und die Venus von Belvedere und die Laokoon-Gruppe hielt er für die herausragendsten Werke antiker Kunst, widmete ihnen seine berühmtesten Beschreibungen. Die Sixtinische Madonna Raffaels in Dresden, eines der populärsten Kunstwerke überhaupt, hat Winckelmann zum ersten Mal ausführlich beschrieben und erkannte es als erster als Meisterwerk.

Goethe schreibt mit 19 Jahren: „Nun vernahmen wir jungen Leute mit Jubel, dass Winckelmann aus Italien zurückkehren und also auch in unsern Gesichtskreis kommen würde.“ Er will Winckelmann treffen und ist in heller Aufregung. Und dann „fällt wie ein Donnerschlag bey klarem Himmel die Nachricht von Winckelmanns Tode zwischen uns nieder.“

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Bedeutung für Kunststandort München

  • Ausstellung:

    In der Antikensammlung und der Glyptothek am Königsplatz in München ist bis zum 9. Dezember, dem von der klassischen Archäologie jährlich begangenen Winckelmanntag, die Ausstellung „Tod in Triest“ zu sehen, die Winckelmanns Bedeutung für die klassische Archäologie, für das Kunstverständnis des Klassizismus und für den Kunststandort München beleuchtet.

  • Vorbild:

    Der Bayerische Kronprinz und spätere König Ludwig I. orientierte sich bei seinen Bauvorhaben an den Schriften Winckelmanns und an dessen entwicklungsgeschichtlichem Verständnis antiker Kunst. Am Königsplatz befinden sich berühmte Skulpturen aus der früheren römischen Sammlung des Kardinals Albani, dessen Bibliothekar Winckelmann in Rom war.

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