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Er war der letzte und tüchtigste Henker

Der letzte deutsche Scharfrichter Johann Reichhart hat in seinem Leben 3165 Menschen hingerichtet. Er stammte aus Wichenbach bei Wörth.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Der Arzt Dr. Joseph Ignace Guillontin – Erfinder des Fallbeils
  • Scharfrichter Johann Reichhart (Mitte) 1925 im Hof des Regensburger Landgerichtsgefängnisses Fotos: MZ-Archiv
  • Reichharts Leumunds-Zeugnis – ohne guten Leumund kein Henkerjob
  • Zeigte sich gern in Zylinder und Gehrock: Johann Reichhart

Wörth a.D. Donau. Nur bei wenigen Menschen gruselt’s einen so stark wie bei Johann Reichhart. Der Mann gilt als der meistbeschäftigte und tüchtigste Scharfrichter in Deutschland. Er köpfte und henkte in der Weimarer Republik, in der Nazi-Diktatur und er diente danach auch noch der amerikanischen Militärregierung.

Zu Reichharts Todeskandidaten gehören die Wiener Giftmörderin Martha Marek und die Widerstandskämpfer der Weißen Rose, Sophie (21) und Hans Scholl (24). Nach dem Krieg knüpfte er 156 Nazigrößen auf, darunter Oswald Pohl, den Chef des SS-Wirtschaftshauptamtes. An dessen Dienststelle waren die von den Leichen jüdischer KZ-Opfer gefledderten Gegenstände (Schmuck, Zahngold) abgeführt worden. Insgesamt brachte Johann Reichhart 3165 Menschen vom Leben zum Tode.

Johann Reichhart kam am 29. April 1893 in Wichenbach, einer Einöde zwischen Wörth an der Donau und dem Dörfchen Tiefenthal (Lkr. Regensburg) zur Welt. Er entstammte einer „Wasenmeister“- (Abdecker oder Schinder) und Scharfrichtersippe, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht.

Am 23.März 1924 bewarb sich Johann Reichhart beim Bayerischen Staatsministerium der Justiz in München schriftlich „um die Stelle des Scharfrichters“. Die Staatsanwaltschaft nahm seine Bewerbung sofort an und schloss vier Tage später mit ihm einen Arbeitsvertrag, worin dessen Aufgaben akribisch aufgelistet sind: „Ab 1.April 1924 übernimmt Reichhart die Ausführung sämtlicher im Freistaat Bayern zur Vollstreckung kommenden Todesurteile durch Enthauptung mit dem Fallbeil. (...) Als Vergütung erhält Reichhart für jede Hinrichtung 150 Goldmark.“

Bald war er überall geächtet

Reichhart war, so zynisch es klingt, ein fachlich „guter“ Scharfrichter, denn er war „geschickt“. Er beschleunigte den Hinrichtungsablauf, um die Verurteilten so wenig wie möglich zu quälen. Ab 1939 ersetzte er das Kippbrett (bascule) an der Guillotine durch eine fest montierte Richtbank, auf der das Opfer durch Scharfrichter-Assistenten ohne vorheriges Anschnallen festgehalten wurde, bis das Beil gefallen war. Dadurch verkürzte sich die Vollstreckung auf wenige Sekunden.

Anfangs war Johann Reichhart ein Angeber und dummer Renommierhansl. Entgegen seiner Dienstvorschrift brüstete er sich in Kneipen: „Keiner der Scharfrichter in unserer langen Familiengeschichte, die ich allesamt namentlich kenne, hat es je fertiggebracht, in weniger als vier Minuten eine Enthauptung durchzuziehen.“ Bald war er überall geächtet. 1929 floh er nach Holland und eröffnete in Den Haag einen Gemüsehandel. Mijnheer Reichhart lebte eine friedliche Existenz und fuhr nur heim ins Reich, wenn ihn in einem verschlüsselten Telegramm mitgeteilt wurde, dass nun wieder eine Hinrichtung zu vollziehen sei. Mit Hitlers Machtergreifung änderte sich Reichharts Status vollkommen. Er sympathisierte schon lange mit der Nazi-Bewegung und wurde rasch Mitglied in NSDAP-Gliederungen wie Kraftfahrer-Korps oder Volkswohlfahrt. 1937 trat er der Partei bei. Sein Gehalt wurde auf 3000 Reichsmark angehoben, und seine Arbeit nahm zu. Reichhart richtete nicht nur Mörder und Sexualtäter, jetzt kamen auch in großer Menge „Volksschädlinge“, „Wehrkraftzersetzer“ und „Kriegswirtschaftsverbrecher“ dazu. Und gegen Urteile der Sondergerichte gab es selbstverständlich kein Rechtsmittel. Allein im Dritten Reich führte Reichhart knapp 3000 Hinrichtungen durch, zum Beispiel an einem Mann, der unter ein Plakat, das am Bahnhof hing: „Räder müssen rollen für den Sieg“ geschrieben hatte: „...und Hitlerköpfe nach dem Krieg“.

Wohlstand durch die Kopfprämien

Durch die vielen Todesurteile, die er zu vollziehen hatte, war Reichhart zu bescheidenem Wohlstand gekommen, konnte sich 1942 sogar ein Haus in Gleißental bei Deisenhofen südlich von München kaufen. 1943 flossen ihm neben seinem Grundeinkommen 41748,20 Reichsmark an Sonderzahlungen und 35790 Reichsmark Sondervergütung für 764 Enthauptungen zu. Auch zwei Mitglieder der Regensburger „Neupfarrplatzgruppe“ waren darunter. Mitte März 1943 trat der 6.Senat des Volksgerichtshofes in Regensburg zusammen und verurteilte die Arbeiter Josef Bollwein und Johann Kellner wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode. Sie wurden am 12. August 1943 in München-Stadelheim von Reichhart geköpft.

Mit dem Einmarsch der US-Army änderte sich für Johann Reichhart der Arbeitgeber. Nun henkte er Nazimörder – und sie alle bewusst mit dem Strick, 156 Mal: Auch hier war er darauf bedacht, kurz und schmerzlos zu töten: „Ich hab’ nie einen erdrosselt, hab’ keinem weh getan“, sagte er.

Angefeindet, gebrandmarkt, verfemt und geächtet verbrachte Reichhart seine letzten Jahre. Er war einsam, unglücklich und krank. Sein Sohn Hans beging 1950 Suizid. 1963, als es eine Welle von Taximorden und Banküberfällen in Deutschland gab, meldete sich der Henker a.D., Ehrenmitglied des „Vereins zur Wiedereinführung des Todesstrafe e.V.“, noch einmal zu Wort: Er empfahl sich unseligerweise mit seinem bewährten Geschick an der Guillotine. Am 26. April 1972 starb Reichhart als Pflegefall in Altglasing.

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