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Bayern
Freitag, 23. Februar 2018 2

Kommentar

Erst furchtbar, dann super

Ein Kommentar von Marianne Sperb

Das Satiremagazin „Titanic“ teilt ordentlich aus – und steckt ordentlich ein. Wenn gemeckert wird, nimmt die Redaktion das als Ritterschlag. Solche Nehmerqualitäten brauchen auch Architekten. Stefan Traxler, der das Bayern-Museum in Regensburg plant, reagiert im Video-Beitrag unseres Medienhauses mit Humor auf die Schelte für seinen Entwurf. Vielleicht hat er sich da was vom Vater abgeschaut: Hans Traxler, der ab 1945 für einige Jahre in Regensburg lebte, war ein Gründer von „Titanic“.

„Monster“, „hässlicher geht’s nicht“, „abreißen!“ oder gar: die Verantwortlichen „mit der Mistgabel aus der Stadt jagen“: So lauten vor allem die anonym geposteten Kommentare zum halbfertigen Museumsgebäude in den sozialen Netzwerken.

Kunst hängt man sich ins Wohnzimmer. Architektur steht im öffentlichen Raum. Deshalb geht das Bauen jeden an. Das gilt erst recht für ein Museum, das der Bürger bezahlt und das bayerische Geschichte von unten, aus der Sicht der Bürger, erzählen wird. Die Auseinandersetzung über das Projekt ist richtig und unbedingt notwendig. Denn ohne Reden, Streiten und Erklären wird man über die eigenen Anschauungen nicht hinauskommen. In vielen Facebook-Posts geht es aber nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um das möglichst kernige Bekenntnis subjektiver und spontaner Regungen. So entsteht nur schwer ein Milieu, in dem fruchtbar gestritten wird für eine gemeinsame Sache, also für die Frage: Wie soll meine Stadt aussehen?

„Hässlich“ ist das Wort, das in der Debatte um das Bayern-Museum am häufigsten fällt. Aber wären unsere Gebäude schöner, wenn wir sie am momentanen ästhetischen Anspruch einer Mehrheit oder am kleinsten gemeinsamen Nenner ausrichten würden? Sicher nicht. Wie haltlos das erste öffentliche Urteil ist, kann man an anderen großen Museumsprojekten betrachten. In Münster gifteten Bürger gegen das LWL Landesmuseum (50 Millionen Euro, Architekt: Volker Staab). „Betonbunker“, hieß es. Als der Komplex 2014 fertig war, wählten ihn die Einwohner zum beliebtesten Gebäude der Stadt. In Mannheim gab es Protest gegen die Kunsthalle (70 Millionen Euro, Architekt: Gerkan, Marg und Partner). Kritiker spotteten über das filigrane Metallgewebe der Fassade: „Kunst hinter Gittern“. Nach dem Eröffnungsfest im Dezember 2017 zeigten sich die Besucher laut Medienberichten angetan, happy, begeistert.

Das Problem unserer Städte sind ja auch nicht massenhaft missglückte Museen, sondern das massenhafte Unglück, das der aktuelle Wohnungsbau produziert. Dass dort die Qualität fehlt, hat aber wenig mit möglicherweise unfähigen Architekten zu tun – und viel mit den unfassbar hohen Bodenpreisen und den erschütternd komplizierten Auflagen für Sicherheit, Lärmschutz, Energiesparen oder Barrierefreiheit, die sich teilweise auch noch gegenseitig torpedieren. Am Ende ist kein Geld und kein Spielraum mehr übrig für gute Materialien, für stimmige Details, für Lebensqualität.

Im Netz wird über das Bayern-Museum schnell der Daumen gesenkt; aber es findet, vor allem außerhalb von Facebook, auch kompetente Befürworter. Achim Hubel etwa, Mitglied im Welterbe-Denkmalrat, nennt es gelungen. Die Bürger werden sich beim Fest im Juni selbst ein Bild von ihrem Museum machen können. Sie werden durchs Foyer flanieren, in den Bayern-Film von Christoph Süß eintauchen und im Museumswirtshaus eine Halbe trinken. Sie werden über das Haus streiten und zur eigenen Anschauung neue Sichtweisen hinzugewinnen können. Nicht auf die Schnelle. Und ohne Mistgabel.

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