MyMz

„Es liegt am System und nicht an Einzeltätern“

Manfred van Hove, als Kind bei den Domspatzen missbraucht, fordert eine größere staatliche Aufsichtspflicht für kirchliche Einrichtungen.
Von Frank Betthausen, MZ

Zu nächtlicher Stunde berichtete Manfred van Hove am Mittwoch im ZDF von seiner Zeit bei den Domspatzen. Ob er eine Schadenersatzklage gegen das Bistum Regensburg anstrengt, ist offen. Screenshot: Betthausen

Regensburg.Manfred van Hove war nicht bei der Beerdigung seiner Mutter. Warum hast Du mir das angetan? Dieser unausgesprochene Vorwurf begleitete ihn sein Leben lang. Reden konnte er nie mit ihr über das, was ihm als Kind widerfahren war. Selbst zu der Zeit nicht, als sie todsterbenskrank im Pflegeheim lag. Antworten, da ist sich der 65-Jährige sicher, hätte er sowieso keine bekommen.

„Sie hätte etwas zugeben müssen und war damit in der gleichen Situation wie die katholische Kirche – in der, etwas zugeben zu müssen“, glaubt van Hove. Der Münchner, der in Berlin lebt, berichtete am Mittwoch in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ über seine Zeit bei den Regensburger Domspatzen – über massive sexuelle Übergriffe und seine Mutter, die seiner Einschätzung nach Bescheid wusste. „Ich vermute, sie hat sich geschämt“, sagte er.

„Den Zeugen auf die Seite geräumt“

Von 1951 bis 1958 – bis zu jenem Tag, an dem ihn seine Mutter ohne ein erklärendes Wort abholte („Nachträglich würde ich sagen, man hat den Zeugen auf die Seite geräumt.“) – lernte, lebte und litt van Hove in der Domstadt. Als Achtjähriger war er an die Domspatzen-Vorschule nach Etterzhausen gekommen. Zwei Jahre später wechselte er nach Regensburg, ans Internat des berühmten Knabenchors. Zweimal pro Woche verging sich dort nach seiner Schilderung der Geistliche Friedrich Zeitler an ihm. Einen regelrechten Harem habe sich der Internatsdirektor gehalten. „Es war ein Verkehr, wie Homosexuelle miteinander verkehren“, sagte van Hove, zur betreffenden Zeit zwölf Jahre alt.

Der stellvertretende Institutsleiter, so lautete die damalige Bezeichnung, wurde 1958 aus dem Dienst entfernt und für seine Taten zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. 1984 starb der Geistliche – nachdem er bis zu seinem Ruhestand an einem Schwesternkonvent mit Mädchenschule in der Schweiz tätig gewesen war. Die Geschichte Zeitlers ist einer der Fälle, die das Bistum Regensburg derzeit aufzuhellen versucht – um Gerechtigkeit für die Opfer zu erreichen, wie der Sprecher der Diözese, Clemens Neck, betont.

Für van Hove sind diese Absichten und das generelle Bemühen der Kirche, Aufklärungsarbeit zu betreiben, „reine Schauspielerei“, wie er während der Sendung zu verstehen gab. Auch am Tag nach dem Fernsehbeitrag übte der pensionierte Kaufmann in einem MZ-Interview Kritik. „Was ich bisher gehört habe, ist Schadensbegrenzung“, sagte van Hove. Die Kirche, forderte er im Gespräch mit Moderator Markus Lanz, solle von ihrem Weihrauchfass herunterkommen und zugeben, dass es das System sei, das falsch sei. „Es liegt am System und nicht an ein paar Einzeltätern“, verdeutlichte er seinen Standpunkt auf MZ-Nachfrage. Die Kirche solle endlich aufhören, es zölibatären Menschen zu überlassen, Kinder zu erziehen. „Das kann nicht funktionieren.“

Der Politik warf van Hove vor, die bekannt gewordenen Missstände „in Wellenform“ immer wieder zur Kenntnis genommen, aber nichts getan zu haben. „Die Politik muss endlich reagieren. Es geht nicht, dass man der Kirche so etwas in Eigenregie überlässt“, sagte er und bezog diese Aussage auf die Aufklärungsarbeit der Institution genauso wie auf ihr erzieherisches Wirken. So tritt van Hove für eine größere staatliche Aufsichtspflicht in kirchlichen Einrichtungen ein.

„Man hat mitgemacht“

Seine Forderungen untermauert er mit seinen Erfahrungen bei den Domspatzen. Schlimmer als im Gefängnis sei der Tagesablauf dort gewesen. „Irgendwann passt man in die Schablone, wenn man hineingeprügelt worden ist“, sagte er. Und: „Der sexuelle Missbrauch ist die Folge dieses Systems.“

Seinen Peiniger von einst, Friedrich Zeitler, beschrieb er im ZDF als Ersatz für den eigenen Vater, der aus dem Krieg nicht zurückkehrte. „Was der getan hat, musste stimmen“, sagte er und versuchte, Lanz zu erklären, weshalb er das, was ihm widerfuhr, lange für normal hielt. „Man hat mitgemacht. Nicht, weil man Spaß oder Lust daran hat, sondern weil es offensichtlich ein Stück der Pflichten war, die man tun musste.“ Erst mit 17 oder 18 und den ersten Kontakten zum anderen Geschlecht stellte er fest, dass die Geschehnisse „nicht in Ordnung“ waren.

Sein Leben haben die Ereignisse bis heute beeinflusst. Mit Männerfreundschaften tat er sich immer schwer und seine drei Söhne – van Hove hat außerdem eine Tochter – habe er nie so drücken können, wie es ein Vater mache. Seiner Frau, die inzwischen gestorben ist, vermochte er sich nie anzuvertrauen.

Dass er nach mehr als 50 Jahren sein Schweigen brach, erklärte der Münchner damit, heute den Widerstand nachholen zu können, den er damals nicht gezeigt habe. „Ich habe den Mut nicht bereut“, sagte er im MZ-Interview über seinen Schritt an die Öffentlichkeit. Ob er eine Schadenersatzklage gegen das Bistum Regensburg anstrengen wird, hat er noch nicht endgültig entschieden. Ums Geld gehe es ihm ohnehin nicht. Das Eingeständnis der Kirche, dass damals Unrecht geschehen sei, ist ihm wichtiger.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht