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Ex-Domspatz berichtet von „System sadistischer Strafen“

Internatsdirektor habe sich Buben zum Masturbieren aufs Zimmer geholt, berichtet Wittenbrink.
Von Christine Schröpf, MZ

Franz Wittenbrink Foto: dpa/Archiv

Regensburg.Im Missbrauchsskandal an katholischen Schulen hat sich nun der Regisseur und Komponist Franz Wittenbrink zu Wort gemeldet. Der Neffe des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel war ab dem Jahr 1958 für neun Jahre lang Internatsschüler im Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen und berichtet von einem „ausgeklügelten System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust“. InternatsdirektorZ. habe sich abends zwei bis drei Buben ausgesucht und mit in seine Wohnung genommen. Dort habe es Alkohol zu trinken gegeben, und der Geistliche habe mit den Minderjährigen masturbiert. Unter den Internatschülern seien diese sexuellen Übergriffe ein offenes Geheimnis gewesen. „Jeder wusste es.“ Z. sei dann von einem Tag auf dem anderen versetzt worden, angeblich in ein Altenheim in der Oberpfalz. „Auch die Jungs, die er missbraucht hat, flogen von der Schule.“ Mit einer Begründung, die Wittenbrink schon damals perfide fand. Sie hätten gehen müssen, „weil sie mit der Sünde konfrontiert waren“. Wittenbrink war selbst kein Opfer von sexuellem Missbrauch, wohl aber von körperlicher Gewalt. Die Präfekten aus dem Priesterseminar hätten mit dem Rohrstock oder der Hand zugeschlagen, teilweise auf das nackte Gesäß. „Das war eklig. Wir haben sie dafür sehr verachtet.“

Kinderstar und geprügeltes Nichts

Im Unterricht wurden als Strafen für Vergehen Ohrfeigen auf einem „Prügelkonto“ angesammelt und später vollstreckt. „Einmal habe ich 18 Ohrfeigen hintereinander bekommen.“ Die Sängerknaben, die sich auf Tourneen als Kinderstars fühlten, hätten sich im Internat als „geprügeltes Nichts“ erlebt. „Die Fallhöhe war sehr extrem.“ Er habe die Übergriffe seit Jahren mehrfach in Interviews geschildert, so Wittenbrink, allerdings ohne öffentliche oder kirchliche Reaktionen. „Ich habe mich gewundert über die Kultur des Übergehens.“ Als Kind habe er sich niemanden anvertraut. „Ich habe auch meinen Eltern nichts erzählt.“ Er und die anderen Buben hätten sich schuldig gefühlt, obwohl sie keine Schuld gehabt hätten – es ist ein bekanntes Phänomen bei Opfern.

In einem Interview für die neueste Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ hatte Wittenbrink die Vermutung geäußert, dass der Domkapellmeister und Papstbruder Georg Ratzinger, der ab 1964 bei den Domspatzen tätig war, von den sexuellen Übergriffen etwas gewusst haben müsste. „Warum er davon nichts mitbekommen haben soll, ist mir unerklärlich“, so der Komponist. Im MZ-Gespräch relativierte er dies gestern ein wenig. Tatsächlich seien die Päderasten-Priester nicht mehr im Internat tätig gewesen, als Ratzinger ins Amt gekommen sei. Wenn der Missbrauch im Nachhinein tatsächlich niemals Gesprächsthema der Domspatzen-Verantwortlichen gewesen sei, müsste aber alles völlig tabuisiert worden sein. „Dann hat die Decke sehr dicht gehalten.“ Ratzinger selbst habe keine Übergriffe auf die Buben begangen, betont Wittenbrink. „Er war ein richtig Lieber. Er hat ein sanftes Wesen. Vor ihm hatten wir nie Schiss. Er war halt verrückt nach seiner Musik und das haben wir verstanden.“

Bistum verspricht Aufklärung

Das Bistum versprach gestern erneut, allen Vorwürfen zu körperlichen und sexuellen Übergriffen nachzugehen. „Wir haben einen Rechtsanwalt beauftragt, der die Fakten recherchieren soll“, so Pressesprecher Clemens Neck. Der Jurist soll heute oder morgen der Öffentlichkeit präsentiert werden. „Herr Wittenbrink soll zu uns Kontakt aufnehmen, dann können wir die Vorwürfe klären.“ Unklar war gestern, ob es sich bei dem von Wittenbrink geschilderten sexuellen Missbrauchstaten möglicherweise um Fälle handelt, bei denen es schon zu einem Prozess mit Verurteilung gekommen ist.

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