MyMz

MZ-Interview

Fall Eisenberg: Ärger und Enttäuschung

Knapp über ein Jahr nach dem Tod des Regensburger Studenten sprach die MZ mit Vertretern des Polizeipräsidiums über den Fall.
Von Josef Pöllmann und Frank Betthausen, MZ

Der Student Tennessee Eisenberg starb vor einem Jahr bei einem Polizeieinsatz.

Regensburg. Vor wenigen Wochen jährte sich der Fall „Tennessee Eisenberg“ zum ersten Mal. Am 30. April 2009 hatte der 24 Jahre alte Musikstudent seinen Mitbewohner mit einem Messer bedroht und war in der Folge mit der Waffe auf Polizisten losgegangen. Am Ende der Tragödie war der junge Mann tot – getroffen von zwölf Kugeln aus Dienstwaffen. Nach langen Ermittlungen stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen die beiden Beamten, die Eisenberg erschossen hatten, ein. Seine Familie will sich damit nicht abfinden. Anwalt Andreas Tronicsek hat vor dem Oberlandesgericht Nürnberg ein Klageerzwingungsverfahren angestrengt.

Während sich Juristen, Familienangehörige Eisenbergs und Kritiker des Einsatzes regelmäßig zu Wort meldeten, hatten sich die Verantwortlichen der Polizei des laufenden Verfahrens wegen Zurückhaltung auferlegt. Im MZ-Interview (Samstagsausgabe) äußerten sich der Präsident des Polizeipräsidiums Oberpfalz, Rudolf Kraus, sein Stellvertreter Michael Liegl und Pressesprecher Michael Rebele erstmals zu den Ereignissen.

Kraus kündigte dabei an, nach dem Abschluss der Ermittlungen demnächst ein Gespräch mit den Angehörigen Eisenbergs führen zu wollen. In erster Linie wolle er der Familie seine Anteilnahme aussprechen, sagte er. Aber auch die am Einsatz beteiligten Beamten seien durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen: „Insbesondere Mutmaßungen, wonach es hier zu einer Hinrichtung gekommen sei, haben sie emotional stark berührt.“ Ein Schusswaffengebrauch mit tödlichem Ausgang sei mit das Extremste, was einem Beamten passieren könne. „Es besteht die Gefahr, dass das Erlebte zum Trauma wird. Daher ist es wichtig, die Mitarbeiter bei der Verarbeitung zu unterstützen“, so Kraus.

„Noch bei der Tatrekonstruktion im Dezember 2009, die emotional sehr aufwühlend war, haben wir die beteiligten Beamten intensiv betreuen müssen“, ergänzt sein Stellvertreter Michael Liegl. „Wer noch nie in Lebensgefahr war, kann nicht nachvollziehen, was ein derartiges Ereignis bedeutet. Ich denke aber, der Überlebenstrieb ist in solchen Momenten sehr ausgeprägt.“

Berührt haben Kraus auch die teils extremen Anfeindungen gegenüber Polizeibeamten. „Es ist belastend, zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass es Menschen gibt, die glauben, Polizeibeamte seien gefühllose Maschinen.“ Auch Polizisten hätten Kinder, seien treu sorgende Väter und Mütter. „Dazu kamen die Unterstellungen, das Ermittlungsverfahren werde hinausgezögert“, so Kraus.

Auch die Tatsache, dass es 16 Schüsse – davon zwölf Treffer – gebraucht habe, um den Studenten zu stoppen, werfe Fragen auf, räumt Kraus ein. „Mir ist klar, dass dies schwer zu vermitteln ist.“ Gutachter könnten sich dies nur dadurch erklären, dassEisenberg sich in einem außergewöhnlichen Bewusstseinszustand befunden haben könnte. „Darauf deutet auch die Auseinandersetzung mit seinem Mitbewohner hin. Leider haben wir zur Motivlage keine näheren Erkenntnisse gewonnen.“

Problematisch war, dass der Student aus der Wohnung ging und die Beamten angriff, sagt Liegl. „Mehrfache Appelle, das Messer wegzuwerfen, blieben wirkungslos. Bei einem Messerangreifer besteht Lebensgefahr, sobald eine Distanz von fünf Metern unterschritten ist – und diese Distanz war während der gesamten Zeit unterschritten.“

Auf ein Sonderkommando zu warten, war laut Polizei-Pressesprecher Michael Rebele nicht möglich – es sei nicht klar gewesen, ob außer Eisenbergs Mitbewohner noch andere Personen im Haus und somit gefährdet waren.

„Nach unserer Erfahrung gelingt es, Bedrohungssituationen mit einem Messer in aller Regel kommunikativ zu bewältigen“, sagt Kraus. „Das war hier nicht so. Hier kamen die Kollegen nicht zum ersten Agieren, sondern mussten sofort reagieren – unter äußerst bedrohlichen und beengten Verhältnissen.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht