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Bayern
Freitag, 23. Februar 2018 2

Integration

Flüchtlinge lernen Verkehrsregeln

Viele Flüchtlinge kennen verbindliche Verkehrsregeln aus ihrer Heimat nicht. Nun startet ein Projekt, das Schule machen soll.
Von Roland Beck, dpa

Der Polizist Markus Dieret erklärt Flüchtlingskindern in Zirndorf, was die Verkehrsschilder bedeuten. Foto: Daniel Karmann/dpa

Zirndorf.Markus Dieret blickt in fragende Gesichter. Der Polizist steht mit zwölf jungen Flüchtlingen an einer Kreuzung. „Wer hat denn in Deutschland Vorfahrt, wenn wie hier keine Verkehrszeichen vorhanden sind?“, will er von der Gruppe wissen. Die meisten zucken mit den Schultern. „Vielleicht alle auf einmal?“, tippt schließlich ein Junge. „Das wäre ja katastrophal“, meint Dieret und schmunzelt. Dieret ist Verkehrserzieher bei der Polizeiinspektion Zirndorf im Landkreis Fürth. Mit seinem Kollegen Bernd Klaski bildet er Schülerlotsen aus und erklärt Grundschülern, wie sie sicher mit dem Rad zur Schule kommen. In ihrer Freizeit haben sie ein bayernweit einmaliges Projekt ins Leben gerufen: Sie bringen Flüchtlingen Verkehrsregeln bei und entwickelten für Schulen, an denen es spezielle Klassen für Flüchtlinge gibt, eine Übungsbox – die „Ü-Box“.

Kreuz und quer durch Straßen

Von der Regel rechts vor links haben die zwölf Flüchtlinge im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, mit denen Dieret heute unterwegs ist, noch nie etwas gehört. Sie stammen aus dem Irak, aus Indien, Syrien und Afrika. Hierzulande selbstverständliche Dinge wie Gehsteige oder Fußgängerüberquerungen kennen viele aus ihrer Heimat nicht – schon gar nicht verbindliche Verkehrsregeln. „Wir haben immer wieder Meldungen erhalten, dass gerade junge Flüchtlinge kreuz und quer mit gespendeten Fahrrädern durch die Straßen fahren – zum Glück ist aber nichts passiert“, sagt Dieret. Das Problem: Verursacht ein Flüchtling einen Unfall, bleiben die Geschädigten in der Regel auf den Kosten sitzen, weil Flüchtlinge meistens nicht versichert sind.

Die Unterrichtsbox

  • In der „Ü-Box“

    für junge Flüchtlinge sind Übungsaufgaben zu Verkehrsregeln, mehrsprachige Informationen zu Menschenrechten, Jugendschutz und das Polizeigesetz in Auszügen enthalten.

  • Zum Start des Projekts

    erhielten alle Schulen im Landkreis Fürth und in der Stadt Fürth, die Übergangsklassen für Flüchtlinge haben, jeweils eine Box.

  • Die Materialien verwenden Lehrer im Unterricht. (dpa)

Mit finanzieller Unterstützung eines Fördervereins und der örtlichen Verkehrswacht haben Dieret und Klaski ein ganzes Bündel an Materialien für den Schulunterricht zusammengestellt und in eine Box gepackt. Darunter eigens für das Projekt angefertigte Verkehrsschilder, die man in der Hand halten kann. An diesem Tag läuft Dieret mit Flüchtlingen einer Übergangsklasse der Mittelschule Zirndorf durch die Altstadt der mittelfränkischen Stadt. „Das ist eine Ampel“, sagt er und erklärt den Jugendlichen dann geduldig, was die Farben Rot, Grün und Gelb bedeuten. „Zügig gehen, wenn es grün ist, aber trotzdem auf die Autos schauen“, bläut der Polizist seinen Schülern ein, die brav mit dem Kopf nicken.

Viele haben erst einmal Angst

„Kommt man in Deutschland ins Gefängnis, wenn man einen Unfall baut?“, will einer der Flüchtlinge von ihm wissen. „Es gibt eine Strafe, aber ins Gefängnis kommt man nur, wenn man etwas ganz Schlimmes gemacht hat“, erklärt Dieret. Klaski hat festgestellt, dass viele Flüchtlinge von der Polizei ein falsches Bild haben. „Viele bekommen erst einmal ein Angstgefühl, wenn sie uns sehen, weil etliche in ihren Heimatländern Polizeigewalt erlebt haben.“ Der Unterricht mit den Kindern und Jugendlichen sei deshalb mehr als nur Verkehrszeichen-Erklären, betont Klaski. „Es soll auch ein Vertrauensverhältnis zur Polizei aufgebaut werden.“

Viele Flüchtlinge kennen verbindliche Verkehrsregeln aus ihrer Heimat nicht. Das kann gefährlich werden. Polizisten aus dem Kreis Fürth haben daher ein Projekt gestartet, das bayernweit Schule machen soll. Foto: Daniel Karmann/dpa

„Unsere ,Ü-Boxen‘ werden mittlerweile sogar von Schulen bestellt, die gar keine Übergangsklassen haben, sowie von kirchlichen Einrichtungen“, sagt Klaski, der gerade wieder Nachschub geordert hat. Und jetzt soll das Projekt sogar bayernweit Schule machen: Die Landesverkehrswacht will in wenigen Tagen ähnliche Boxen anbieten. Die Verkehrswacht will die Boxen an Ortsverbände im Freistaat ausleihen. Gestartet werde zunächst mit 20 Stück.

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