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Analyse

Fragen und Antworten zum Zugunglück

Technischer Fehler? Menschliches Versagen? Nach dem Zusammenstoß zweier Züge bei Bad Aibling ist die Ursache weiter unklar.
von Christine Straßer, MZ

Ein Kran wird am Mittwoch zur Unfallstelle des Zugunglücks in der Nähe von Bad Aibling gebracht. Foto: dpa
Ein Kran wird am Mittwoch zur Unfallstelle des Zugunglücks in der Nähe von Bad Aibling gebracht. Foto: dpa

Warum sind die beiden Züge aufeinandergetroffen?

Laut Fahrplan hätten sich die beiden Züge in Kolbermoor treffen sollen. Der Bahnhof in Kolbermoor ist nur wenige Kilometer vom Unglücksort entfernt. Normalerweise wartet dort einer der Züge auf einem anderen Gleis, bis der andere den Bahnhof passiert hat. Am Faschingsdienstag hatte der Zug aus Bad Aibling Verspätung. Der Zug von Kolbermoor nach Bad Aibling war bereits auf der Strecke, als der andere Zug ebenfalls in Bad Aibling losfuhr. Warum das geschehen ist, ist noch unklar.

Gibt es kein Sicherheitssystem, das ein Zusammentreffen von zwei Zügen verhindert?

Doch. Bis Tempo 160 wird die „Punktförmige Zugbeeinflussung“ (PZB) eingesetzt. Installiert ist sie auch auf der 37 Kilometer langen eingleisigen Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim. Nach Angaben der Deutschen Bahn ist das 33 000 Kilometer lange Gleisnetz inzwischen zu mehr als 96 Prozent mit PZB ausgestattet.

Wie funktioniert das PZB?

Bei dem PZB-System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett – diese sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst. Das System kann auch eingreifen, wenn Züge etwa in engen Kurven die Geschwindigkeit nicht wie vorgeschrieben gedrosselt haben.

Ist es möglich, dass das PZB versagt hat?

Bisher ist kein Fall bekannt, in dem das PZB-System jemals versagt hat, wie ein Sprecher der Bahn bestätigt. Der Bahnexperte Edmund Mühlhans, der an der Technischen Universität Darmstadt die Professur „Eisenbahnwesen einschließlich bauliche und betriebliche Gestaltung des spurgebundenen Nahverkehrs“ innehatte, beschreibt das PZB als sehr modern und zuverlässig. Auch er kennt keinen Fall, in dem es versagt hat. Mühlhans zufolge wird das Sicherheitssystem jeden Morgen vor der Inbetriebnahme geprüft. Bei einer Routinekontrolle war das System erst vor einer Woche technisch gewahrtet worden. Dabei habe es keine Probleme gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn (DB) für Bayern, Klaus-Dieter Josel, am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Bad Aibling.

War menschliches Versagen die Unfallursache?

Laut dem Bahnexperten Mühlhans ist das zumindest sehr wahrscheinlich. Er sagt: „Es ist technisch unmöglich, dass beide Züge ein grünes Signal hatten.“ Bei einer Störung der Signalanlage würde in beiden Richtungen automatisch rotes Licht gezeigt. Und er betont: Wenn ein Zug bereits auf der Strecke unterwegs sei, lasse sich ein Ausfahrtsignal nicht erteilen. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk könne aber ein sogenanntes Ersatzsignal stellen. Das zeige dem Lokführer an, dass eine Störung vorliegt, er aber trotzdem weiterfahren kann. Mühlhans erläutert, dass dieses Ersatzsignal technisch völlig unabhängig ist. Der Fahrdienstleiter muss allerdings vorher Rücksprache halten. Das Ersatzsignal stellt er über eine Hilfsbedienung. Wenn sie betätigt wird, bekommt jeder Vorgang eine Zählwerksnummer und der Fahrdienstleiter muss in einem Störungsbuch eintragen, warum und zu welchem Zeitpunkt er die Hilfsbedienung betätigt hat. Wenn der Fehler hier liegt, lässt sich das leicht überprüfen. „Das wird alles aufgezeichnet“, sagt der Bahnexperte. Der Fahrdienstleiter wurde unmittelbar nach dem Unfall befragt. Daraus ergebe sich noch „kein dringender Tatverdacht“, sagte ein Polizeisprecher. Denkbar ist dem Bahnexperten Mühlhans zufolge auch ein anderer Fehler. Es ist möglich, dass der Lokführer trotz des roten Signals losgefahren ist. Dann wird er, wie Mühlhans erläutert, zwar durch das PZB abgebremst, der Lokführer kann dieses Bremssignal aber eigenmächtig wieder lösen und weiterfahren. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) zufolge gibt es bislang keinen Hinweis auf Fehler bei der Signalbedienung durch einen der Lokführer.

Hier sehen Sie Bilder von der Rettungsaktion an der Unglücksstelle in Bad Aibling:

Großrettung nach Zugunglück in Bad Aibling

Wie kann man herausfinden, was bei Bad Aibling passiert ist?

In den Zügen gibt es drei Blackboxen. Ähnlich wie in Flugzeugen sammeln sie Informationen über das Fahrzeug. Zwei Blackboxen wurden geborgen. Eine Blackbox wird noch gesucht. Diese Blackboxen dokumentieren den Geschwindigkeitsverlauf der Züge, alle Handlungen des Zugführers, alle Beeinflussungen von Gleismagneten und die Kommunikation zwischen Zug und Strecke. Eine 50-köpfige Sonderkommission der Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft analysieren den Inhalt dieser Art Fahrtenschreiber. Experten der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes (EUB) sind ebenfalls vor Ort.

Wie viele Strecken sind in Bayern noch eingleisig?

Relativ viele, vor allem auf Nebenlinien. 3000 Streckenkilometer verlaufen eingleisig, das sind 50 Prozent des bayerischen Gleisnetzes. In der Oberpfalz sind zehn eingleisige Strecken in Betrieb. Das teilte die Pressestelle der Bahn mit. Darunter sind auch stark befahrene Verbindungen wie die Strecke zwischen Schwandorf und Furth im Wald, die Strecke Schwandorf-Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg sowie die Verbindung zwischen Regensburg-Prüfening und dem niederbayerischen Saal an der Donau.

Sind eingleisige Strecken gefährlicher als zweigleisige?

Bahnexperte Mühlhans antwortet: Das lässt sich so nicht sagen. Auf eingleisigen Strecken sei die Zugdichte meist geringer, weshalb die technischen Ausstattungen dort früher nur dürftig waren. Mittlerweile seien die technisch aber durchgehend aufgerüstet worden.

Sind die Züge privater Unternehmen gefährlicher?

Diese Frage verneint Mühlhans. Personal und Ausstattung unterliegen den gleichen Vorschriften wie die Deutsche Bahn. Die bei Bad Aibling verunglückten Meridian-Züge seien beide relativ neuwertig und mit einem modernen Zugbeeinflussungssystem ausgestattet gewesen, sagt der Fachmann Mühlhans.

Was macht eigentlich ein Fahrdienstleiter?

Er entscheidet, ob ein Zug fährt oder nicht, denn er stellt Signale und Weichen per Hebel, Tasten oder Mausklick. Bei der Deutschen Bahn arbeiten rund 12 000 Fahrdienstleiter. Ihr Arbeitsplatz ist das Stellwerk. In Bad Aibling steht ein elektrisches Relaisstellwerk, das mit Drucktasten bedient wird. Die Tasten sind im Gleisbild dort angeordnet, wo sich die zugehörigen Elemente, etwa Weichen und Signale, draußen befinden.

Wer betreibt die Meridian-Züge?

Die beiden in Oberbayern verunglückten Meridian-Züge werden von der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) betrieben, die zum französischen Transportriesen Transdev gehört. Unter der Marke Meridian befährt die Bayerische Oberlandbahn seit Dezember 2013 drei Strecken von München nach Salzburg und nach Kufstein sowie von München über Holzkirchen nach Rosenheim. Auf den drei Strecken kommen 35 „hochmoderne, elektrische Triebzüge“ des Berliner Herstellers Stadler zum Einsatz. Sie stammen aus der Fahrzeugfamilie FLIRT - die Abkürzung steht für „Flinker Leichter Innovativer Regional-Triebzug“. Züge diesen Typs sind bei Eisenbahnunternehmen in mehreren Ländern in Betrieb.

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