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Interview

Frauen könnten Wahlen entscheiden

Am Super-Wahlsonntag in drei Bundesländern steigt die Spannung. Die Politik-Expertin Ursula Münch analysiert die Lage.
Von Dagmar Unrecht, MZ

Wahlplakate in Baden-Württemberg: Nicht nur im Ländle haben die Bürger am Sonntag die Wahl, auch in Rheinland-Pfalz und in Sachsen-Anhalt wird abgestimmt. Foto: dpa
Wahlplakate in Baden-Württemberg: Nicht nur im Ländle haben die Bürger am Sonntag die Wahl, auch in Rheinland-Pfalz und in Sachsen-Anhalt wird abgestimmt. Foto: dpa

Regensburg.Die AfD kann bei Frauen nicht punkten, Donald Trump hat ebenfalls Schwierigkeiten, weibliche Wähler für sich zu gewinnen. Wählen Frauen anders als Männer?

Die Frage liegt nahe, ist aber nicht einfach zu beantworten. Tatsächlich wählen Frauen ein bisschen anders, dass liegt aber nicht nur am Geschlecht. Vor allem sind Unterschiede im Wahlverhalten auf die Faktoren Bildung, Alter und soziale Stellung zurückzuführen.

Welche Parteien sind für Frauen interessant?

Frauen tendieren eher zur Mitte. Die Linke, die AfD oder auch die NPD sind eher Männerparteien. Auch die FDP wird tendenziell mehr von Männern gewählt. Die Grünen finden dagegen bei Frauen mehr Zuspruch. Das liegt vor allem an den Themen Ökologie, Gerechtigkeit und Sozialpolitik. Diese sprechen mehr weibliche Wähler an. Aber auch das Thema Arbeitsmarkt ist für Frauen wichtig. Männer tun zumindest in Umfragen so, als würden sie sich mehr für Wirtschaft interessieren.

Frauen dürfen seit fast 100 Jahren wählen. Wie hat sich ihr Wahlverhalten im Laufe der Zeit verändert?

In den Anfängen der Bundesrepublik haben Frauen öfter Union gewählt als Männer. Bis 1972 war das so. Dann gab es eine gewisse Angleichung des Wahlverhaltens von Frauen und Männern bis Anfang der 1990er Jahre. Interessant waren dann die Bundestagswahlen 2002 und 2005: Frauen haben damals eher SPD gewählt, das hatte auch mit dem Kandidaten Gerhard Schröder zu tun. Schon 2009 und vor allem 2013 hat sich das Wahlverhalten der Frauen wieder in Richtung Unionsparteien geändert. Hier spielte der Kanzlerinnen-Effekt eine Rolle. Allerdings darf man sich davon nicht täuschen lassen, das Geschlecht erklärt nicht so viel.

Inwiefern?

Frauen werden älter als Männer. Das Alter kann das geschlechtsspezifische Wahlverhalten überlagern. Dazu kommt, dass Frauen ein anderes Bildungsniveau als Männer haben. Das betrifft besonders die Über-50-Jährigen. Und formal schlechter Gebildete wählen anders als besser Ausgebildete, Bessergestellte wählen anders als sozial Schwache.

Es gibt in Deutschland mehr weibliche Wahlberechtigte als männliche. Können Frauen also Wahlen entscheiden?

Ja, Frauen könnten Wahlen entscheiden -– sofern sie zur Wahl gehen.

Wie wird sich das Wahlverhalten der Frauen in Zukunft verändern?

In Deutschland hat sich die Wahlbeteiligung über die Jahre angeglichen. In der Nachkriegszeit war es anders, damals war die Wahlbeteiligung der Frauen deutlich niedriger. Frauen zwischen 21 und 60 Jahren wählen heute etwas häufiger als gleichalte Männer. Große Unterschiede gibt es aber bei den älteren Herrschaften. Männer, die älter als 60 sind, wählen viel öfter als Frauen dieses Alters. Beispiel Bundestagswahl 2013: Von den über 70-jährigen Männern sind fast 80 Prozent zum Wählen gegangen, bei den Frauen waren es gut 71 Prozent.

Prof. Dr. Ursula Münch ist Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing
Prof. Dr. Ursula Münch ist Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing

Welche Kriterien spielen bei der Wahlentscheidung eine Rolle?

Zentral ist bei Wahlentscheidungen die Parteibindung. Aber Parteibindungen lassen nach. Wahlentscheidungen werden immer kurzfristiger gefällt. Personen können dann entscheidend sein oder auch kurzfristige politische Entwicklungen. Ein Teil der Wähler legt sich erst einen Tag vor der Wahl fest. Das Wahlverhalten ist heute viel volatiler als in den 1970er Jahren. Die Parteibindung hat Familien früher über Jahrzehnte begleitet. Diese schwächer werdende Bereitschaft, sich längerfristig an eine Organisation zu binden, spüren auch die Kirchen, die Gewerkschaften und Vereine. Außerdem sind auch weniger Frauen Parteimitglieder als Männer.

Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz kämpfen zwei Frauen um den Sieg. Ist der Wahlkampf dadurch besonders?

Wahlkampf bleibt Wahlkampf und ist hochkompetitiv. Wir erleben in Rheinland-Pfalz keinen weiblichen Wahlkampf. Beide Frauen müssen alle Themen abdecken. Sie sind in der Wortwahl recht ruhig und diszipliniert. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Wahlkampf anders geführt wird, weil zwei Frauen konkurrieren.

Wie wirkt sich das Thema Flüchtlinge auf das Wahlverhalten von Frauen aus?

Das Flüchtlingsthema spricht Frauen sehr stark an. Grundsätzlich sind Frauen häufiger konfessionell gebunden. Das trägt beim Thema Flüchtlinge zur Positionierung bei. Neben dem humanitären Aspekt gibt es bei dem Thema aber auch einen Sicherheitsaspekt. Bei unsicheren Frauen und Frauen mit niedrigerem Bildungsstatus werden rechte Parteien bei den kommenden Wahlen versuchen, das zu ihren Gunsten zu nutzen.

Was erwarten Sie von den anstehenden Landtagswahlen?

Die FDP kann in Baden-Württemberg im Landtag bleiben oder, wie in den anderen beiden Bundesländern, eventuell wieder in den Landtag einziehen. Die AfD wird in Sachsen-Anhalt stark werden und ein zweistelliges Ergebnis erreichen, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erwarte ich hohe einstellige Werte. Diese gewaltige Stärkung der AfD wird sicher nicht in den Untergang des Abendlandes münden, aber natürlich hat sie Folgen: Es wird mühsam werden, Mehrheiten zu finden. Wunschkonstellationen werden schwierig, weil sich die Mandate auf mehr Fraktionen verteilen. Die große Unbekannte sind allerdings die Nichtwähler. Bei Umfragen gibt kaum jemand zu, nicht wählen zu gehen. Man kann davon ausgehen, dass die AfD ihre Anhänger leichter mobilisieren kann als klassische Parteien. Protestwähler sind immer leichter anzusprechen.

Was bedeuten die Landtagswahlen für die Kanzlerin?

Es kann passieren, dass die CDU schlecht abschneidet, aber dennoch mitregieren kann, weil die AfD in die Landtage einzieht und den anderen Parteien Mandate wegzieht. Niedrigere Werte wird die CDU auf Bayern schieben. Die CSU wird wiederum sagen, die CDU macht die falsche Politik. Zu erwarten ist ein gegenseitiges Mutmaßen, wer wem wie schadet. Es geht also so weiter wie gehabt.

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