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NS-Verbrechen

Gedenkweg erinnert an NS-Opfer

Hans Simon-Pelanda stritt 36 Jahre lang für ein würdiges Erinnern am Colosseum in Regensburg. Am Montagabend ist er am Ziel.
Von Katharina Kellner

Hans Simon-Pelanda beim Gedenkweg 2015 in Regensburg. Der 2016 verstorbene Zbigniew Kolakowski (re.) nahm als letzter Überlebender des ehemaligen KZ-Außenlagers Colosseum am Gedenken teil. Foto: Herbert Baumgärtner

Regensburg.Nicht, dass Regensburg eine Ausnahme wäre. Die meisten deutschen Städte haben sich schwer getan mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte in der NS-Zeit. Das offizielle Regensburg hat sich lange nicht für das ehemalige KZ-Außenlager am Fuß der Steinernen Brücke interessiert. Fast vier Jahrzehnte nach Kriegsende entrissen Dr. Hans Simon-Pelanda und seine Schüler es 1982 dem Vergessen. Damit begann die Geschichte einer heute unbegreiflichen Missachtung von bürgerschaftlichem Engagement.

Das Colosseum in der NS-Zeit

  • Von 19. März bis 23. April 1945

    bestand das Lager in Regensburg-Stadtamhof. Es gehörte zu den rund 90 Außenlagern des KZ Flossenbürg, die sich von Dresden bis Plattling und von Würzburg bis Westböhmen ausdehnten. Ab 1942 vermietete die SS deren Insassen als billige Arbeitskräfte an Firmen der Rüstungsindustrie oder an öffentliche Arbeitgeber. Im Colosseum waren etwa 400 Gefangene aus europäischen Ländern interniert. Mindestens 53 von ihnen starben durch die Gefangenschaft. Dies ist selbst für ein KZ-Außenlagereine außerordentlich hohe Sterblichkeit.

  • Die Häftlinge leisteten Zwangsarbeit

    . Zwölf Stunden täglich beseitigten sie Schäden an den Gleisen und am Güterbahnhof. Wie der Überlebende Tadeusz Sobolewicz im Erinnerungsbuch „Aus der Hölle zurück“ berichtet, waren sie dabei häufig den Bombardements der Amerikaner ausgesetzt, vor denen sie sich nicht in Sicherheit bringen durften. Den Kommandanten des Colosseums, Ludwig Plagge, beschreibt Sobolewicz als einen „der blutrünstigsten Verbrecher des KZ Auschwitz“. (kk)

Wenn am Montagabend der Gedenkweg für die Opfer des Faschismus am Colosseum startet, findet das beharrliche Anrennen des heute 68-jährigen Pädagogen Simon-Pelanda gegen die Widerstände aus Politik und Stadtverwaltung ein erfolgreiches Ende.

Begonnen hatte alles 1982: Simon-Pelanda, damals Aushilfslehrer an der städtischen Regensburger Berufsfachschule für Wirtschaft, nahm mit der Klasse 11 a am Schülerwettbewerb zur deutschen Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten teil. Die Schüler sollten nach Regensburger Kriegsgefangenenlagern aus der Zeit vor 1945 recherchieren. Diese Idee verwarfen sie. Denn auf eine Anzeige in der Mittelbayerischen hin meldete sich eine Frau aus Stadtamhof. Sie berichtete den Schülern unter Tränen von ausgehungerten Häftlingen in gestreiften Anzügen, die jeden Morgen mit Holzpantinen an den Füßen über die Steinerne Brücke geklappert seien. Simon-Pelanda recherchierte. Schließlich fand er das Colosseum auf einer Liste des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen als letztes Außenlager des KZ Flossenbürg genannt. Nun konzentrierten sich die Schüler mit ihrer Recherche auf Zeugenberichte aus Stadtamhof. Dort war das Klappern der Holzschuhe mehreren Anwohnern in Erinnerung. „Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was das für ein Krach war“, sagte einer im Interview.

Lappersdorfer Zeitzeugen schwiegen lange über die Todesmärsche. Das ändert sich langsam. Eine Zeitzeugin erzählt.

Eine Spende mit Hintersinn

Für ihre Recherche zum Colosseum gewannen die Regensburger Schüler tatsächlich den zweiten Preis des bundesweiten Wettbewerbs. Sie veröffentlichten ihren Beitrag und verfielen auf einen listigen Schachzug: Sie spendeten einen Teil des Preisgeldes an die Stadt Regensburg mit dem Hinweis, eine Tafel anzuschaffen, um der Gefangenen im Colosseum würdig zu gedenken. „Wir hatten den fiesen Hintergedanken: Wenn erstmal eine Spende da ist, muss eine deutsche Verwaltung damit umgehen“, erzählt Simon-Pelanda, der seine gelegentliche Lust an der Provokation offen zugibt. Die Stadtverwaltung erklärte lapidar, der Eigentümer des Colosseum sei nicht mit dem Anbringen einer Gedenktafel einverstanden. Die Spende versickerte am Ende im städtischen Haushalt. Sie sollte aber Initialzündung für eine 36 Jahre dauernde Auseinandersetzung werden, während derer nicht nur Argumente getauscht und Gedenktafeln an- und abmontiert wurden. Simon-Pelanda bekam Drohungen: Politiker wollten ihn um eine Festanstellung als Lehrer bringen, Rechtsradikale um seine körperliche Unversehrtheit.

Im KZ Saal erlebten Häftlinge des Nazi-Regimes ihre dunkelsten Stunden. Zum Gedenken reist ein Überlebender aus Israel an.

Neue Allianzen mit Überlebenden

Ab Mitte der 80er Jahre vollzog sich allgemein ein Bewusstseinwandel in der Erinnerungspolitik. „Im Regensburger Stadtrat übernahm die SPD die Forderung nach einem würdigen Gedenken“, erinnert sich Simon-Pelanda. Die CSU wolte dem nur zustimmen, wenn auch der deutschen Vertreibungsopfer aus den Ostgebieten gedacht würde.“ Seither erinnern Tafeln an verschiedenen Orten in der Stadt an den früheren Nazi-Terror – an der jüdischen Gemeinde, am Gewerkschaftshaus, an der Kreuzung Siemens-/Straubingerstraße und an der alten Pforte des Bezirksklinikums. Das Colosseum, das Ausgangspunkt der Debatte gewesen war, ging leer aus.

Nun kämpfte Simon-Pelanda mit neuer Strategie weiter. Die hieß: Allianzen schmieden. Er übernahm den Vorsitz der 1986 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg“, die erstmals Überlebendentreffen in Flossenbürg organisierte und zusammen mit der jüdischen Gemeinde Regensburg die Kampagne „Ein Denkmal am Colosseum – jetzt!“ organisierte. Vor allem die beiden polnischen Überlebenden Tadeusz Sobolewicz und Zbigniev Kolakowski nahmen mehmals an den Gedenkfeiern in Regensburg teil.

Ein erster Meilenstein für die Arge und Simon-Pelanda wurde 1994 erreicht: Gegen den Widerstand der CSU initiierte die damalige SPD-Oberbürgermeisterin Christa Maier die Aufstellung eines Gedenksteins. Es war das erste ausdrücklich den Colosseum-Häftlingen gewidmete Gedenken. Doch am Colosseum selbst erinnerte nach wie vor nichts an ihr Leid.

Seit der Jahrtausendwende war das Gedenken an die NS-Opfer vom Streit der politischen Lager überschattet. So gab es jahrelang am 23. April zwei getrennte Gedenkwege, einer mit Vertretern aus Kirche und Stadtpolitik, der andere organisiert von politisch linken Gruppen wie der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes, die den Gedenkweg initiiert hatten. Erstmals kam 2015 ein gemeinsamer Gedenkweg zustande.

2011 verlegte die Stadtverwaltung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Bodenplatte. Weder der Stadtrat noch die engagierten Bürger wurden darüber informiert. Weil die Inschrift der Platte auf Ablehnung stieß, beauftragte die Stadt 2013 ein Gutachten. Die drei Experten Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Prof. Marc Spoerer von der Universität Regensburg und Ulrich Fritz von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, sollten den Umgang mit der ehemaligen KZ-Außenstelle bewerten.

Auch am Saaler „Schicksalsberg“ wurde eine Gedenkfeier für KZ-Häftlinge abgehalten. Ex-Häftling Jakob Haiblum kehrte dafür aus Israel zurück.

„Kleine Irritation im Welterbe“

Das Gutachten brachte ein Umdenken in der Stadtverwaltung. Der Inhalt der Inschrift gehe „in fast grotesker Weise am Kern der Sache vorbei“, schreiben die Experten: Der Hinweis, dass Häftlinge vor dem Haus zum Appell hatten antreten müssen, „verschleiert, dass im Haus Häftlinge an Auszehrung und Misshandlung starben“. Doch auch den Gedenkstein von 1994 sieht das Gutachten nicht unkritisch. Dieser stelle keinen Bezug zum Colosseum her und vermittle kaum historische Informationen. 2016 entfernte die Stadt Regensburg die umstrittene Platte und stellte dem Gedenkstein Informationsstelen zur Seite. Seit Ende 2017 erinnert eine Informationstafel direkt am Colosseum an die Häftlinge.

Nun seien am Colosseum die Empfehlungen aus dem Gutachten „sehr optimal eingelöst, sowohl ästhetisch als auch inhaltlich“, sagte Skriebeleit auf MZ-Anfrage. Bei den Stelen mit Information zum Colosseum hielten nicht nur Einheimische an, sondern auch Reisende aus Touristenbussen. Die Stelen funktionierten „als kleine Irritation im Welterbe“.

Am Montagabend um 18 Uhr beginnt der Gedenkweg am Colosseum. Simon-Pelanda hofft, dort vor Beginn möglichst viele ehemalige Schüler zu treffen, die einst mit ihrer Recherche den Anstoß für das Gedenken gaben. Er selbst sieht die Forderungen der Arge Flossenbürg nach würdigem Gedenken erfüllt – sowohl im Colosseum als auch in der Gedenkstätte Flossenbürg. Engagierte Bürger wie ihn braucht es in Regensburg weiterhin. Es gibt noch einiges zu tun, um die NS-Zeit aufzuarbeiten: Zum Beispiel wirkungsvoll auf die Verbindung von KZ-Zwangsarbeit und dem Aufstieg des hiesigen Rüstungsgiganten Messerschmitt hinzuweisen.

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