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Ausstellung

Glas ist mehr als ein Werkstoff

Es klirrt im Rathaus von Weiden. In Vitrinen sind Kunstwerke aus Glas zu sehen. Eine Skulptur trägt den Titel „Fake News“.
Von Michael Scheiner

Die Kunstwerke haben verschiedenste Farben und Formen. Foto: Scheiner
Die Kunstwerke haben verschiedenste Farben und Formen. Foto: Scheiner

Weiden. Weiden. Im Weidener Rathaus kann zur Zeit einiges zu Bruch gehen. Keineswegs politisch, wie es sich vielleicht der eine oder die andere insgeheim wünschen würde, sondern richtig materiell. Mit Splittern, Knacks und Scherben. Im großen Foyer des neuen Rathauses haben Schüler der 12. Klasse des Kepler-Gymnasiums mit ihrem Kunstlehrer Axel T. Schmidt eine exquisite und hochinteressante Ausstellung aufgebaut.

„Glas wieder entdeckt und ans Licht geholt“ stellt Schätze aus der städtischen Sammlung von Glaspreziosen neuen, künstlerischen Arbeiten gegenüber. Pädagoge Schmidt ist selbst mit zwei Arbeiten vertreten, eine davon als Referenzobjekt im städtischen Keramikmuseum. Als aktives Mitglied und Glaskünstler hat er dieses faszinierende Projekt über den Verein „Glasheimat Bayern“ angestoßen und in Kooperation mit der Stadt und seinen Schülern auf die Beine gestellt.

Die Sammlung hat viele Teile

In gewisser Weise knüpft die Ausstellung an die überregional bedeutenden Glas-Kunst-Orte-Ausstellungen der Bayerisch-Böhmischen Kulturtage an, die vor einigen Jahren eingestellt wurden. Mit der Gegenüberstellung alter und neuer Objekte und Themen – immer mit dem Fokus auf die Vielfalt und Einzigartigkeit bayerischer Glaskünstler – setzt sie dennoch eigene Akzente.

Ritterswürden Foto: Scheiner
Ritterswürden Foto: Scheiner

Und sie rückt einen Werkstoff ins Zentrum, der in der Region und im Raum des Bayerisch-Böhmischen Waldes eine lange und reiche Tradition hat. Davon zeugt auch die über Jahrzehnte gewachsene, viele hundert Teile umfassende Glassammlung im Stadtmuseum Weiden. Nach einem Besuch im Depot war Schmidt so überwältigt von der Entdeckung, dass er sich mit Karin Rühl vom Glasmuseum Frauenau traf und die Idee für das Ausstellungsprojekt entwickelte. „Ich habe daraufhin die Künstler der Glasheimat Bayern angesprochen und vorgeschlagen, ob sie nicht zu einem Stück aus der Sammlung jeweils ein eigenes, individuelles Kunstwerk schaffen möchten“, sagt Kunstlehrer Schmidt.

Viele haben spontan zugesagt. Manchmal haben sich dann zwei oder drei für das gleiche handverlesene Stück entschieden und sich davon inspirieren lassen. „Bei dem einen war dann die Farbgebung ausschlaggebend“, erläutert Schmidt bei einer Führung durch die Ausstellung, „bei der anderen die Form, das Dekor oder das Gefäß als Ganzes“. Fast zwei Dutzend Glaskünstler beteiligten sich schließlich an dem Projekt, darunter als Gastkünstler auch der tschechische Glasmacher und Maler Petr Stacho. Von ihm stammt eine der geheimnisvollsten und wuchtigsten Arbeiten in der Ausstellung.

Als Antwort auf eine zierliche, bräunlich-gelbe Glasdose mit Blütendekor und einem im Stil eines Fruchtstengels geformten Deckels hat Stacho eine abstrakte Form geschaffen. Der teils sauber geschliffene, teils roh und gebrochen wirkende Glasbrocken in einem warmen rotbraunen Ton erscheint wie eine Hieroglyphe oder ein archaischer Buchstabe und erzeugt eine fast schon magische Anziehungskraft. Andere Arbeiten greifen eher das Funktionale einer Vase, einer Schale oder eines Kruges auf. Wobei der neu gewendete und mit Zwirnfäden bespannte Glasdeckel von Susanne Sorg seine ursprüngliche Funktion komplett zugunsten einer kunstgeschichtlichen Verspieltheit aufgegeben hat.

Zarte und filigrane Objekte

Auch die scheinbar so klar definierten Schalen von Irene Bachauer offenbaren bei genauerem Blick, wie weit sie ihre ursprüngliche Funktion als dekorative Aufbewahrung von Obst oder anderen Dingen hinter sich gelassen haben. Es sind ungemein zarte, filigrane Objekte, Gespinsten gleich, von zurückgenommener Schönheit. Regelrechte Geschichten erzählen die figürlichen Darstellungen von Hermann Ritterswürden, darunter „Tod und Weber“, der wie Silvia Lobenhofer-Albrecht zu den Großen der Branche zählt.

Geyermann Foto: Scheiner
Geyermann Foto: Scheiner

Zu sehen gibt es auch originelle Briefbeschwerer von Christian Schmidt, farbenprächtige „Rosenflacons“ von Olaf Schönherr als Lampenarbeit in Überfangtechnik, „Ein stilles Leben“ von Alexandra Geyermann als Tiefschnittgravur auf grünem Glas. Eingeschlossen im Glas, enthält die in einer Halterung hängende grüne Scheibe verrostete Schlüssel – „Schlüssel zum Glück“?

Es scheint kaum etwas zu geben, was man aus diesem nur scheinbar starren und zerbrechlichen Werkstoff nicht herstellen kann. Selbst die Ausstellungsarchitektur besteht zu großen Teilen aus Glas. Eine köstliche politische Bosheit leistet sich die Glasschleiferin Sabine Nein aus Hemhofen. Ihre Skulptur „Fake News“ aus Glas und Holz reckt frech und ungeniert eine überlange Nase in die Luft, während die Frisur an ein amtierendes Staatsoberhaupt erinnert. Präsentiert werden jeweils ein altes Sammlungsstück und die zeitgenössische Interpretation dazu in dunkelgrauen Schaukästen aus Glasschaum. Teils geschlossen, mit weißem Hintergrund oder mit geöffneter Durchsicht, ergibt das Ganze eine rundum gelungene Präsentation. Eine echte Entdeckung, die leider durch ungünstige Öffnungszeiten erheblich geschmälert wird.

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„Glaspalast“ bis Ende Mai

  • Termin:

    Die Ausstellung „Glas wieder entdeckt und ans Licht geholt“ ist bis 26. Mai im neuen Rathaus von Weiden zu sehen. Die Öffnungszeiten orientieren sich an den öffentlichen Besuchszeiten des Rathauses. Bedauerlicherweise sind die Glaskunstwerke damit am Wochenende gar nicht und an Nachmittagen nur jeweils donnerstags zugänglich.

  • Künstler:

    Zu sehen sind neue Arbeiten von Irene Bachauer, Uschi Distler, Barbara Felbinger, Ursula-Maren Fitz, Alexandra Geyermann, Jörg Kulow, Louise Lang, Anja Listl und Silvia Lobenhofer.

  • Weitere Künstler:

    Auch Marion Mack, Gusti Markefka, Hajo Mück, Sabine Nein, Alkie Osterland, Andreas Rieder, Hermann Ritterswürden, Patrick Roth, Axel T. Schmidt, Christian Schmidt, Olaf Schönherr, Susanne Sorg, Petr Stacho und Susanne Wolf stellen aus.

  • Verein:

    Glasheimat Bayern e.V. ist 2014 als Zusammenschluss professionell arbeitender Glaskünstler mit Geburtsort oder Wohnsitz in Bayern gegründet worden. Aktuell zählt der Verein 28 Mitglieder. Gemeinsames Ziel ist die Veranstaltung und die Beteiligung an Kunstausstellungen.

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