MyMz

Streckensperrung

Großer Pendlerfrust im München-Zug

Bauarbeiten bremsen im Sommer sechs Wochen die Passagiere. Ab Freising ist Schluss. Die Fahrtzeit verlängert sich drastisch.
Von Christine Schröpf

Geduld und starke Nerven sind bald von den Passagieren im Zug nach München gefragt. Ab Freising wird die Strecke ab 28. Juli für sechs Wochen komplett gesperrt. Foto: Frank Leonhardt/dpa
Geduld und starke Nerven sind bald von den Passagieren im Zug nach München gefragt. Ab Freising wird die Strecke ab 28. Juli für sechs Wochen komplett gesperrt. Foto: Frank Leonhardt/dpa

München.Karin Reiser ist Kummer gewöhnt: Seit zehn Jahren pendelt die Beamtin im bayerischen Sozialministerium fast täglich von Regensburg zu ihrem Arbeitsplatz in München. Gut drei Stunden Zugfahrt macht das hin und zurück – sofern alles nach Fahrplan läuft. Im Sommer wird sie noch zwei bis drei Stunden draufpacken müssen. Denn vom 28. Juli an wird die Strecke ab Freising für sechs Wochen komplett gesperrt. Pendler müssen große Umwege auf sich nehmen, in Busse und S-Bahnen umsteigen. „Das betrifft den gesamten Großraum Ostbayern mit abertausenden Pendlern“, sagt Reiser. Die Informationspolitik der Deutschen Bahn nennt sie „katastrophal“. Dauer-Kunden flatterte im März ein Brief ins Haus, der Reiser erzürnte, statt beruhigte. Als Ausgleich für künftige Unannehmlichkeiten wurden ihr zehn Prozent Preisnachlass auf ein Monatsticket angeboten, alternativ ein Gratisparkplatz am Münchner Flughafen – dort stehe ein Kontingent für 50 Autofahrer bereit. Obendrauf gab‘s einen Rabattzettel für den „After-Work-Relax“-Besuch in der Therme Erding inklusive Rutschspaß. „Der größte Witz. Was macht ein Pendler aus Ostbayern damit?“, fragt sie sich.

Bauarbeiten auf 33 Kilometern

Reiser mobilisiert derzeit Streitgenossen. Sie hat Oberpfälzer Landtagsabgeordnete wie Jürgen Mistol (Grüne), Margit Wild (SPD) und Sylvia Stierstorfer (CSU) kontaktiert, die sie von vielen gemeinsamen Zugfahrten kennt. Die Pendlerin rechnet mit einem Bahnchaos, gerade im Sommermonat August, wenn viele Urlauber aus Ostbayern mit großem Gepäck unterwegs sind und vermehrt Ausflugsradler zusteigen. Sie weiß, dass die Sperrung nicht zu verhindern ist – doch sie möchte wenigstens Druck auf die Bahn machen, den Ersatzverkehr akribisch genau zu organisieren.

„Das betrifft den gesamten Großraum Ostbayern mit abertausenden Pendlern.“

Pendlerin Karin Reiser

Grund für die Sperrung ist ein Bündel von Bauarbeiten mit einem Volumen von über 60 Millionen Euro. Wichtigster Part: Die Bahn schließt die neue Neufahrner Kurve an das elektronische Stellwerk an. Eigentlich eine grundsätzlich gute Nachricht – die Trasse bringt Ostbayern ab Jahresende den direkten Flughafenanschluss. Zudem werden die Bahnhöfe Unterschleißheim und Lohhof barrierefrei ausgebaut. Auf 33 Kilometern Länge werden außerdem Gleise und Weichen erneuert. 61 000 Schwellen und 42 000 Tonnen Schotter werden dabei ausgetauscht.

Die Bahn wirbt um Verständnis. Ohne sechswöchige Komplettsperrung würden sich die Bauarbeiten über Monate erstrecken – mit weit größeren Belastungen für die Passagiere. Es sei ein umfangreicher Ersatzverkehr organisiert, sagt ein Bahnsprecher. „Wir muten unseren Fahrgästen etwas zu. Aber wir bauen, damit der Schienenverkehr besser wird.“ Die Gleise auf der Strecke seien im schlechten Zustand. „Im vergangenen Winter hat es mehrere Schienenbrüche gegeben.“

Geduld und starke Nerven

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol möchte, dass sich die Bahn kulant zeigt. Foto: altrofoto.de
Der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol möchte, dass sich die Bahn kulant zeigt. Foto: altrofoto.de

Passagieren werden während der Bauarbeiten viel Geduld und starke Nerven abverlangt. Ein Beispiel: Wer aktuell morgens um 6.22 Uhr in Regensburg in den Regionalzug nach München steigt, kommt fahrplanmäßig um 7.57 Uhr in München an. Fahrzeit 1:35 Stunden. Ab Streckensperrung ist er auf jeden Fall 2:23 Stunden unterwegs, wenn er die gewohnte Route wählt. In Freising warten zwei Optionen: Mit einer Sonder-S-Bahn direkt nach München, der Zug verkehrt allerdings nur zu Stoßzeiten im 30-Minuten-Takt, sonst jede Stunde, zwischen 19.30 und 6 Uhr gar nicht. Alternative ist der Busshuttle zum Flughafen-Besucherpark und dann von dort mit S1 oder S8 in die City. Der Grünen-Abgeordnete Mistol bringt als dritte Variante ab Regensburg den Umweg über Ingolstadt ins Spiel. Bei Abfahrt um 6.09 ist man laut Fahrplan nach 2.27 Stunden am Ziel, wäre den Regionalkunden in Ingolstadt aus Kulanz der Einstieg in den ICE erlaubt, sogar nach knapp zwei Stunden.

Zeitsparen mit dem ICE? Die Bahn winkt ab. Der Fernverkehr sei wirtschaftlich eigenständig organisiert, sagt ein Sprecher. Auch Mistols Idee von Expressbussen wird verworfen, wegen der großen Staugefahr in München, die Fahrtzeiten unwägbar macht.

CSU-Frau Stierstorfer lässt nicht locker. „Es muss geprüft werden, ob beim ICE nicht doch eine Ausnahme gemacht werden kann.“ SPD-Frau Wild wünscht sich, dass die Bahn vor allem Dauerkunden entgegenkommt. „Sonst steigen einige auf das Auto um.“ Pendlerin Karin Reiser denkt derweil darüber nach, sich im Sommer in eine Pension in München einzuquartieren, um sich sechs Wochen Dauer-Ärger mit der Bahn zu ersparen. Sie hat wohl nicht als einzige die Idee. „Ich habe gehört, dass schon die Preise anziehen“, sagt sie.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht