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Bayern
Sonntag, 23. September 2018 24° 6

Serie

Grußformeln im bayerischen Dialekt

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt – heute geht es um Grußformeln und etliche alte Ausdrücke.
Von Ludwig Zehetner

Dipfeln, eine neue bayerische Bezeichnung für den Smartphone-Wahn. Foto: Britta Pedersen/dpa
Dipfeln, eine neue bayerische Bezeichnung für den Smartphone-Wahn. Foto: Britta Pedersen/dpa

„Pfiat eich“ oder „Pfiats eich“?

Bei den geläufigen bairischen Begrüßungs- und Verabschiedungsfloskeln ist auszugehen von „Grüeß(e) dich / euch (Gott)“ und „Behüet(e) dich / euch (Gott)“, was in mundartlicher Lautung zu „Griaß-di, Griaß-eich /-eng, Pfiat-di, Pfiat-eich /-eng“ wird. Es handelt sich um gute Wünsche: „Gott möge dich / euch segnen, behüten“, und deshalb stehen die Optativformen (Konjunktiv Präsens). In jüngerer Zeit geht dieser Bezug in zunehmendem Maße verloren, wenn gesagt wird: „Griaßt-eich“. Das eingeschmuggelte „-t“ ließe sich als Angleichung an „Griaßdi“ interpretieren, doch wahrscheinlicher ist, dass sich indikativisches „(man) grüßt euch“ eingeschlichen hat. Noch deutlicher ist der Verlust der Konjunktivform beim Plural, wo man heute erstaunlich oft hört: „Pfiats-eich / -eng“. Die Verb-Endung „-ts“ ist eindeutig die der 2. Person Plural Indikativ, so dass diese junge Variante eigentlich eine Befehlsform darstellt: „Behütet euch!“ Gefragt, ob dies gemeint sei, antworten viele: „Ja, es soll heißen: Gebt auf euch Acht! Passt auf euch auf!“ Der ursprüngliche religiöse Hintergrund ist nicht mehr greifbar. Es tritt auch die Variante „Griaßts-eich“ auf, die dem Sinn nach vollends verfehlt ist, bedeutet dies doch: „Grüßt euch selbst!“ – was keinesfalls gemeint sein kann.

Zu einer Bemerkung von Franz Einhauser

Lesen Sie auch: Warum „Oiss“ nicht gleich „Ois“ ist.

Mai-Aff, Gick-Aff, Holz-Aff

Mit „-Aff“ als Zweitglied gibt es eine große Anzahl von Zusammensetzungen: „Brüll-, Teig- (Doag-), Dult-, Gier- (Giraffe), Gin- (zu „ginen“, gaffen), Gras-, Làck-, Scherg- (Schiag-Aff: Ausplauderer, Verräter), Schlauder- (Schlaraffe), Stàngerl-Aff“ und deren drei in dem Sprücherl „Mai-Aff, Gick-Aff, / gscheckerter Holz-Aff, / hättst ned gafft, / wàrst koa Aff.“

Ob sich „Mai-Aff“ auf den Monat Mai bezieht, bleibe dahingestellt, vielleicht als eine Entsprechung zum „April-Narr“. Wahrscheinlicher ist die Deutung als „Maul-Aff“ (mit vokalisiertem „l“ wie südlich der Donau üblich, wo es auch „Duid-, Hoiz-Aff“ heißt). Die Hochsprache kennt den Ausdruck „Maulaffen feilhalten“: mit aufgerissenem Mund dastehen und gaffen.

Zu einer Frage von Alfred Ehrnstraßer

3Wannst in da Lois bleibst

Der Einsender berichtet davon, dass er mit dem Fahrrad plötzlich vor einer tiefen Spurrinne stand, die ein Traktor in einem bepflanzten Feld hinterlassen hatte, und er überlegte: „Eigentlich deafst do niat duachfoan, awa wannst in da Lois bleibst, na schodt des de Pflanzn niat.“ Was ist „die Lois“? Im Althochdeutschen gab es das weibliche Substantiv „leisa“ für: Spur. Mit der Vorsilbe „Ge-“ gebildet ist neuhochdeutsch „Geleise“, was heute ausschließlich in der verkürzten Form „Gleis“ auftritt und die Eisenschienenspur bezeichnet, auf der die Züge fahren. Mundartlich versteht man unter „Gloas, Glois“ eine tiefe Wagenspur auf nicht befestigten Wegen oder in Wiesen und Äckern.

Der bayerische Dialekt liefert viel Stoff für Diskussionen. Foto: Peter Kneffel dpa/lby
Der bayerische Dialekt liefert viel Stoff für Diskussionen. Foto: Peter Kneffel dpa/lby

Wie zu erwarten, ist der alte Zwielaut „ei“ zu „oa“ geworden, im Nordbairischen der Oberpfalz zu „oi“. „Aus de gfrouna Gloasa is a nimma aussakemma und hod umkeit“ (aus den gefrorenen Spurrillen ist er nicht mehr herausgekommen und hat umgeworfen). „In de Gloisn stäiht as Wasser.“ Daneben existiert die Form „Lois“ ohne vorangesetztes „G(e)-“. Der eingesandte Satz beweist es: „in da Lois“.

Eine Frage von Franz Ederer


Von Bleckan und Bladln

Als „Blecke(n), Bleckern, Blecka(n)“ bezeichnet man im Bairischen große Pflanzenblätter, so etwa die von Rhabarber, Lattich, Ampfer oder Rüben. Mit „Blecka“ kann scherzhaft die Zunge gemeint sein, so dass „blecken“ auch bedeuten kann: die Zunge herausstrecken.

Eigentlich bedeutet das Wort: die Zähne entblößen. Allgemein bekannt ist „derblecken“ für: verspotten. Kultcharakter besitzt das „Politiker-Derblecken“ beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg. Die Blätter des Sauerampfers heißen „saure Blecka“ oder „Dockablecka“. Letzteres ist wohl eine Zusammensetzung mit „Docke(n)“ (Puppe). Anstelle von „Blecke(n)“ tritt auch „Blàdl“ auf; die Blätter von Ampfer oder von Seerosen können „Dockablàdln“ genannt werden. Für das Wort „Blatt“ verwendet man in der Mundart nämlich ausschließlich die Verkleinerungsform „Blàdl, Blàll“: „Nimm a Blàdl Babia und schreib’s auf!“

Zu einer Anfrage von Karin Rampf

Sie sitzen rum und dipfeln.

In der MZ vom 27. April 2018 stand ein Beitrag von Helmut Wanner über ehemalige Regensburger Lokale wie etwa das Café Charlott gegenüber der Wurstkuchl. In dem Artikel zitiert der Autor zwei bemerkenswerte Feststellungen von Karin Helmberger, der Seniorchefin des Hotels Münchner Hof. Früher sei man nicht „in“ ein Wirtshaus gegangen, sondern „zum“ Wirt. So verabreden sich ältere Jahrgänge auch noch heute: Man wolle sich „beim Kneitinger“ oder „beim Auer-Bräu“ treffen, und sie gehen dann nicht „ins“ Lokal, sondern „zum Kneitinger, zum Auer“, so als gäbe es die Wirte dieses Namens noch persönlich. Man sagt auch: „zum Wirt, zum Bräu“ gehen, so als handle es sich um einen Besuch bei einem Freund oder guten Bekannten.

Frau Helmberger stellt ferner fest: „Es war eine Zeit, wo die Menschen noch miteinander geredet haben. Heute sitzen’s alle rum und dipfeln.“ Eine überraschende neue Bezeichnung für die Beschäftigung mit dem Smartphone! Es bleibt abzuwarten, ob sich das Wort in dieser Bedeutung einbürgert. Mit „dipfeln, dipfen“, der mundartlichen Lautform von „tüpfeln“, ist ja ursprünglich gemeint: mit Tupfen, Pünktchen versehen. Und außerdem wird das Verb gebraucht als verhüllender Ausdruck für eine der freudvollsten Aktivitäten der Welt. Im Bairischen sagt man dazu gern „vögeln“; doch es gibt dafür eine Fülle von Wörtern, die in der 4. Szene des Bairisch-Crashkurses „Mei Fähr Lady“ im Regensburger Turmtheater geboten werden.

Eine Anregung von Dr. Joseph Berlinger aufgreifend

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