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Literatur

Hansis Drang nach Freiheit

Im Buch „Was du nie siehst“ von Tibor Baumann erfährt der Leser, dass es für den blinden Hansi Mühlbauer keine Grenzen gibt.
Von Angelika Lukesch

Hansi Mühlbauer schreckt auch ohne Augenlicht nicht vor sportlichen Abenteuern zurück. Foto: Mühlbauer
Hansi Mühlbauer schreckt auch ohne Augenlicht nicht vor sportlichen Abenteuern zurück. Foto: Mühlbauer

Regensburg.„Ich sehe was, was du nicht siehst“ ist ein Spiel für Menschen mit gesunden Augen. Es geht darum, etwas zu finden, das sich der eine aus der ganzen Szenerie, die man für dieses Spiel ausgesucht hat, stillschweigend erwählt hat. Der andere Mitspieler muss nun diese Sache auch finden und sehen. Wie aber funktioniert dieses Spiel, wenn der eine von beiden blind ist?

Der Schriftsteller Tibor Baumann aus Berlin und der blinde Physiotherapeut, Surfer, Kletterer und Wildnispädagoge Hansi Mühlbauer aus der Oberpfalz haben die Spannungen, Verwerfungen, sichtbaren und nicht sichtbaren Eindrücke, die sich aus diesem Ungleichgewicht ergeben, zu einem Buch verarbeitet. „Was du nie siehst“ (Carpathia Verlag) lautet der Titel des Buches, bei dem nur einige wenige Buchstaben aus dem Kinderspiel verändert wurden, durch diese Änderung jedoch die Dramatik eines blinden Lebens, sei sie nun positiv oder negativ, ausgedrückt wird. Das Buch handelt von einer fiktiven Woche im Leben des blinden Hansi Mühlbauer.

Aus Kollegen wurden Freunde

Hansi Mühlbauer und Tibor Baumann (rechts)  Foto: Baumann
Hansi Mühlbauer und Tibor Baumann (rechts) Foto: Baumann

Tibor Baumann lernte Mühlbauer 2014 zufällig in einer Bar kennen und wurde von ihm gefragt, ob er Lust hätte, seine Biografie zu schreiben. Doch Baumann ist eigentlich kein Biograf, arbeitet jedoch mit biografischen Elementen, – seinen eigenen und den von anderen. Er sagte zu. Acht Monate dauerte Baumanns Recherchearbeit, die auch von gemeinsamen Reisen und Unternehmungen geprägt wurde. Dramatisch, aufregend, anregend, irritierend und beeindruckend war die Auseinandersetzung des Blinden und des Sehenden während dieser Zeit, in der sich zwischen den Männern eine echte Freundschaft entwickelte. Baumann schrieb ein Buch über Hansi Mühlbauer – und auch über sich selbst. Der Reiz der Aufgabe bestand für ihn darin, wie ein biografischer Roman um den blinden Mühlbauer wohl ausschauen könnte.

Der Schriftsteller wählte eine spannungsgeladene Form zwischen Biografie und Fiktion, in die er auf zwei Ich-Ebenen schreibt, einmal auf der eigenen Ich-Ebene als Schriftsteller und einmal auf der Ich-Ebene von Hansi Mühlbauer. In dieser einen fiktiven Woche, in der Baumann den Leser an Mühlbauers Leben teilnehmen lässt, entrollt sich das ganze Leben des blinden Hauptprotagonisten von „Was du nie siehst“. Mühlbauer ist seit seinem zweiten Lebensjahr blind. Eingewoben in eine fiktive Rahmenhandlung, in deren Mittelpunkt die Suche nach Mühlbauers Handy mit der Nummer einer Frau, für die sich Mühlbauer interessiert, steht, berührt Mühlbauers fiktiv normaler Alltag im Laufe der Woche alle bedeutsamen Ereignisse und prägenden Erlebnisse seines ganzen bisherigen Lebens.

Es ist eine Mischung aus Erinnerungen an die Vergangenheit und philosophischer Betrachtung des Lebens aus der „Sicht“ eines Blinden, der die Welt auf andere Weise wahrnimmt als ein Sehender. Vor allem diese Einblicke, nicht nur in die Lebenswelt eines Blinden, sondern auch in dessen Seele und dessen Verarbeitung von Eindrücken, wie man sie als Sehender nie gewinnen kann, machen dieses Buch besonders interessant zu lesen. Es eröffnet einem sehenden Menschen Perspektiven, die er vorher nie wahrgenommen hat.

Berühmte blinde Menschen

  • Louis Braille (1809-1852):

    Er entwickelte als 16-jähriger 1825 die aus sechs Punkten bestehende Blindenschrift und öffnete Blinden damit das Tor zur Bildung.

  • Helen Keller (1880-1968):

    Sie verlor mit 19 Monaten ihr Augenlicht und Gehör, erlernte dennoch mehrere Sprachen, studierte, wurde Schriftstellerin und Förderin für Blinde und Gehörlose.

  • Er war der Mitbegründer und Direktor der Deutschen Blindenanstalt und Honorarprofessor an der Philipps Universität Marburg.

  • Regina Vollbrecht (43):

    Sie ist eine Langstreckenläuferin, Goalball-Spielerin und hält aktuell den Weltrekord im Blindenmarathon der Frauen. Sie ist mehrfache Deutsche Meisterin im Blindentriathlon.

Freiheit und Selbstständigkeit

Der Leser erfährt im Laufe dieser fiktiven Woche, wie sich der blinde kleine Hansi dem Leben stellt, wie er zum jungen Mann heranreift, der den ständigen Kampf zwischen den ihn einschließenden Mauern der Blindheit und dem großen Drang nach Freiheit und Selbstständigkeit Zeit seines Lebens ausfechten muss.

Eines kann man bei der Lektüre dieses Buches von Hansi Mühlbauer lernen: den Mut, sich Herausforderungen zu stellen und über den eigenen Schatten zu springen. Tibor Baumann lässt den Leser an Hansi Mühlbauers Reise in die Freiheit teilnehmen. Der Leser erlebt Mühlbauer als Physiotherapeuten, als Rockstar, als begeisterten Surfer, als Kletterer, als Reisenden um die Welt, als Wildnispädagogen. Man lebt und liebt mit ihm und man lernt dabei, wie sich die Welt und die Menschen einem blinden Mann gegenüber darstellen und verhalten.

Hansi Mühlbauer sagt, dass er sich „in diesem Buch zu dieser Zeit“ völlig wiederfinde. „Manchmal kam es mir so vor, wenn ich das Buch gelesen habe, als ob ich meine Stimme auf einem Aufnahmegerät wiedergegeben hören würde, auch wenn Tibor alle Texte selbst geschrieben hat“, sagt Mühlbauer. Ob das Leben als sehende Person einfacher sei, kann Mühlbauer weder im Buch noch im Jetzt beurteilen: „Ich vermag nicht zu beurteilen, welche Lebensumstände einfacher und welche schwieriger sind, auch weiß ich nicht, wenn ich sehen würde, was dann meine Hürden im Leben darstellen würden.“

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