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Happy End im Streit um das Bier

2016 ging ein Riss durch die Brauszene. Auf der Münchner Messe „Braukunst Live!“ trafen Tradition und Innovation aufeinander.
Von Leopold Zaak, MZ

  • Sommelier Stephan Butz von der Brauerei Schneider Weiße führt auf der Messe das traditionelle „Bierstacheln“ vor. Fotos: Zaak
  • Mario Hanel von der Craft-Brauerei Crew Republic
  • Mathias Lottes von der Craft-Brauerei Braukraft

Regensburg.„Braucht’s das?“ – „Muss das sein?“ Die Hardliner in der Szene waren alles andere als begeistert. Sie glaubten es mit einer Revolution zu tun zu haben, mit Rebellen, die gekommen waren, um ihnen das wegzunehmen, für das sie jahrhundertelang standen. Die traditionelle, „harte“ Brauszene war mehr als irritiert, als die Leute kamen, die ihr Bier aus Weingläsern tranken.

Leute, die sich daranmachten, das Bier zu verändern. Quereinsteiger, Hipster mit Tattoos und Bärten, Büro- menschen ohne Ausbildung wollten es den alten Hasen vormachen. Hand- werklich soll es sein, ursprünglich. Craft-Bier nennen sie es. Der Name ist aus den USA importiert, wo es diese Idee schon länger gibt.

Den vorläufigen Höhepunkt ihrer Aufmerksamkeit erlangte die deutsche Craft-Bier-Bewegung im vergangenen Jahr, dem Jahr des Bieres. Die Traditionsbrauer feierten den 500. Geburtstag des Reinheitsgebotes – und sich selbst. Die Bierwelt in Deutschland lag im Streit darüber, was ins Bier darf. Die einen wollten ihrem Bier Gewürze hinzugeben, die anderen fühlten sich um das Erbe ihrer Väter und Großväter betrogen.

Auf der Messe „Braukunst Live!“ in München trafen diesen Februar beide Lager aufeinander. Veranstalter Frank-Michael Böer möchte sie hier vereinigen. Es sei „kein Craft-Bier-Festival“, sagt Böer. Es soll nicht zu spezi-ell werden, kein Teil des Hypes um das Craft-Bier. Auf der Messe für den brauenden Mittelstand und das Bier-Start-Up stellt sich die Frage: Was ist passiert, nach dem „Jahr des Bieres“?

Nach dem Hype nun die große Ka-terstimmung? „Nein“, sagt Mario Ha- nel von der Münchner Craft-Brauerei Crew Republic. Hanel ist einer dieser Quereinsteiger. Er und sein Kollege Timm Schnigula stellten 2011 im Büro die Stühle hoch und sich selbst hinter den Braukessel. Sie gehören zu den erfolgreichsten Brauern der deutschen Craft-Bier-Szene, ihr Bier ist längst zu einer kleinen Marke gereift. Auf seinem Pullover steht „Join the Revolution“ darunter das Logo der Crew – eine Hopfendolde in Form einer Handgranate. Sind das die Revoluzzer, von denen alle reden?

Revolution ja – Tradition auch

Revolution ja, aber keine gegen traditionelles Brauen. „Das Reinheitsgebot finden wir prinzipiell richtig gut“, sagt Hanel. Das Jubiläum des Reinheitsgebotes war für die Crew die perfekte Plattform, „ein Initialschuss“. Kein Umsturz, keine Katerstimmung. „Wir geben aber weiter Vollgas!“, sagt Hanel.

Man möchte keine Dinge umstürzen, die Revolution richtet sich gegen Standardbiere, gegen 08/15. Craft-Bier, das ist das Bier gegen den Trend. Ein Bier mit einer Geschichte dahinter, authentisch und eben nicht am Markt orientiert. „Man fragt sich nun, was ist Bier und wonach schmeckt es eigentlich“, erzählt Mario Hanel, Vielfalt ist für ihn mehr als die Wahl zwischen Pils und Weißbier.

Sein Bier hat einen neuen Ge- schmack. Fruchtnoten und Röstaromen machen seine Sorten besonders. Sein Bier ist aber für eine kleine Gruppe von Craft-Biertrinkern bereits identitätsstiftend. Pullover, Shirts, Kappen, Mützen: Brauer verkaufen längst nicht mehr nur ihr Bier, sondern auch Mer- chandise.

Wichtig ist für Mario Hanel aber, dass das Bier weiter im Vordergrund steht. „Merchandise ist nur eine kleine Spielerei und das soll es auch bleiben“. Sonst wird es ein Produkt für die Massen, das sich am Markt orientiert. Und das ist eine Entwicklung, die er kritisch sieht. Einige Industriebrauereien versuchen bereits, Craft-Bier für die Masse zu produzieren. Hanel sieht das aber nicht nur kritisch. „Im besten Fall kann das die Leute auch auf unser Bier anfixen.“ Industrie-Craft-Bier als Einstiegsdroge quasi.

Genau das Gegenteil von Industrie findet man bei Braukraft, der Brauerei von Mathias Lottes. Lottes ist der typische Craft-Bier-Brauer nach der Defi-nition von Mario Hanel. Er trägt zwar weder Bart noch Tattoo, aber dafür ist er der Quereinsteiger schlechthin. Als Lufthansapilot reiste Lottes rund um den Globus und brachte Eindrücke der verschiedenen Biersorten der Welt mit nach Hause und in den heimischen Braukessel.

Revolution nein – nur Spaß

Er nimmt auch nicht Teil an der sogenannten „Revolution“, er möchte niemanden umstimmen. „Einen geübten Augustiner-Trinker werde ich nicht überzeugen und das will ich auch nicht. Ich will nur mit viel Spaß gutes Bier brauen“, sagt Lottes.

Wesentlich ernster geht es da in der Brauerei Schneider Weiße zu. Georg Schneider ist in seiner Traditionsbrauerei mittlerweile der sechste Georg in der Generationsfolge. Er genießt in Deutschland und darüber hinaus hohes Ansehen. Alle Biersorten, die in Deutschland auf den Markt kommen, werden vorher in den USA getestet. Seine Brauerei vereint Innovation mit der jahrhundertealten Tradition der Braukunst. So traditionell, dass die Bräuche beinahe wieder neu und ungewöhnlich sind.

Auf der Messe führt sein Sommelier Stephan Butz das sogenannten „Bierstacheln“ vor. Ein heißes Schmiedeei- sen wird in ein zucker- und malzhaltiges Bier gehalten, der Zucker karamellisiert und es entsteht ein „cappuccinoartiger Schaum im Bier“, erzählt Stephan Butz, der damit in der Schneider Weiße Tradition und Innovation zusammenbringt.

Man erlebt dieses Jahr auf der Messe „Braukunst Live!“ viel Versöhnung. Es ist eine Messe, auf der beide Lager zueinander kommen und sich gegenseitig zu schätzen gelernt haben. Brauerei-Riese Paulaner ist beispielsweise mit seinen beiden hauseigenen Kleinstbrauereien „Paulaner Bräuhaus“ und der „Brauerei im Eiswerk“ auf der Messe vertreten. Veranstalter Frank-Michael Böer spricht von einem viel besseren Verhältnis zur „harten“ Brauszene. Seine Messe war im Jahr 2017 ein wichtiger Beitrag, um weiter zu beruhigen – gerade nach dem Streit im vergangenen Jahr.

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