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Bildung

Harte Kritik an den Schulen

Wirtschaftsvertreter Brossardt prangert das Mathe-Niveau und die langsame Digitalisierung an. Lehrer sollen nachsitzen.
Von Marion Koller

Die Tabletnutzung allein reicht nicht aus. Schüler brauchen dringend grundlegende Informatik-Kenntnisse, fordert die Wirtschaft. Foto: Ina Fassbender/dpa
Die Tabletnutzung allein reicht nicht aus. Schüler brauchen dringend grundlegende Informatik-Kenntnisse, fordert die Wirtschaft. Foto: Ina Fassbender/dpa

Regensburg.Bayern boomt. 590 000 neue Jobs sind seit 2010 entstanden. Die Zahl der Studierenden ist in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen. Trotzdem sorgt sich Bertram Brossardt von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW). Die Unternehmen brauchen mehr Mitarbeiter mit technischem und digitalem Sachverstand. Der werde jedoch in den Schulen zu zögerlich gefördert. „Nur 41 Prozent der Lehrer verwenden Medien für interaktives Lernen“, zitiert Brossardt eine Studie seines Verbands.

Digitale Souveränität der Schüler müsse aber ein übergreifendes Bildungsziel sein. Er wünscht sich junge Leute, die kritisch mit dem Netz umgehen und grundlegende Informatik-Kenntnisse besitzen. „Ohne die kommt man heute im Beruf nicht mehr mit“, sagt er am Freitag bei einer Diskussion in der Continental Arena. Es geht um „Bildungspolitik in Bayern aus Sicht der Wirtschaft“. Brossardt fordert ein Personalentwicklungsprogramm für Lehrkräfte und Fachleute für Digitalisierung an den Schulen.

Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt, sieht Mängel an den Schulen. Foto: Matthias Balk/dpa
Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Bertram Brossardt, sieht Mängel an den Schulen. Foto: Matthias Balk/dpa

Das bayerische Schul- und Hochschulsystem sei so „durchlässig“ geworden, dass bei vielen Absolventen das mathematische Wissen nicht ausreicht. „Da sehe ich extremen Optimierungsbedarf.“ Brossardts Worte haben Gewicht, denn er vertritt 132 bayerische Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände sowie 41 Einzelunternehmen.

Abbrecherquoten sind zu hoch

Die hohen Abbrecherquoten bei Ausbildung und Studium prangert er an. „Ein Viertel der Azubis löst Lehrverträge auf, 29 Prozent der Bachelorstudenten brechen ab.“

Die Landtagsabgeordneten Margit Wild (SPD), Jürgen Mistol (Grüne), Thomas Kreuzer (CSU), Joachim Hanisch (FW) sowie Martin Hagen, FDP-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, diskutieren mit. Beim E-Voting am Smartphone benotet das Publikum die Digitalisierung an bayerischen Schulen mit einer schlechten Drei. MdL Thomas Kreuzer, CSU-Fraktionschef im Landtag, wehrt sich: Immerhin gebe es rein rechnerisch in jeder der 5000 Schulen zehn digitale Klassenzimmer.

Bei der Debatte werden altbekannte Bildungsthemen besprochen. Auch die vorgeschlagenen Lösungen überraschen nicht. Wild argumentiert für mehr Ganztagsschulen. Einzelne Kinder benötigten Hilfe, die Eltern könnten das nicht alleine leisten. Die schleppende Digitalisierung fange schon beim fehlenden Glasfaseranschluss an. „Wenn in Weiden die ganze Klasse ins Netz will, funktioniert es nicht.“ Joachim Hanisch betont, es könne nicht sein, dass eine reiche Kommune jede Schule mit Glasfaseranschluss ausrüste und die Schulen in einer armen Stadt auf der Strecke bleiben. „Wir müssen gleiche Standards schaffen im IT-Bereich.“ Jürgen Mistol hält das Handyverbot an Schulen für weltfremd. Die grüne Landtagsfraktion will das Fach Digitalkunde einführen.

Bildungspolitik an Schulen war Thema einer Veranstaltung in der Continental Arena Regensburg. Foto: Stefan Hanke.
Bildungspolitik an Schulen war Thema einer Veranstaltung in der Continental Arena Regensburg. Foto: Stefan Hanke.

Der Moderator, Journalist Hans Oberberger, will von CSU-Mann Kreuzer wissen, ob etwas versäumt worden ist. Der verneint. Die Schulen würden nach und nach ans schnelle Netz angeschlossen. Im Freistaat spiele Lehrerweiterbildung eine große Rolle.

Während Joachim Hanisch und Margit Wild die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums begrüßen, hätte die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft lieber das G8 behalten. Brossardt sagt: „Wir haben Frieden mit dem G9 gemacht, aber nur dann, wenn die Bildung verbessert wird.“ Wild kontert: „Es geht nicht nur um schnelles, sondern um vertieftes Lernen.“ Kreuzer betont, die Übertrittszahlen ans Gymnasium hätten sich erhöht während der G8-Jahre. Inzwischen wechseln durchschnittlich 39 Prozent der bayerischen Kinder aufs Gymnasium und 29 Prozent auf die Realschule.

Da die Zeit drängt, kommen nur noch wenige Zuhörer zu Wort. Der Elternbeiratsvorsitzende des Regensburger Goethe-Gymnasiums sorgt sich über den fehlenden Lehrernachwuchs. MdL Kreuzer räumt ein, damit kämpfe die Staatsregierung – vor allem aber an der Grundschule. Eine Lösung hat er nicht. „Die Wirtschaft brummt, die Leute wechseln nicht an die Schulen.“ Ein Berufsschullehrer bricht eine Lanze für seinen Berufsstand. „Wir Lehrer können digitale Bildung.“ Es sollten wieder Grundkompetenzen gelehrt werden: sinnerfassendes Lernen und Lesen. Prof. Erich Kohnhäuser, der frühere FH-Präsident, hält die Hochschulen für sehr gut aufgestellt. Abbrecherquoten unterschieden sich je nach Studiengang. „In Informatik sind sie hoch, in der Technik mittel und in der Sozialpädagogik niedrig.“ Die jungen Leute nähmen das Studium mit falschen Vorstellungen auf. „Schulen sollten bei der Studienwahl helfen.“

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