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Gesellschaft

Hass in vielen Gewändern

Die Sorge über Antisemitismus unter Migranten wächst. Juden in der Oberpfalz verunsichert. Es gibt Wege, um gegenzusteuern.
Von Jana Wolf

Lehrerin Patricia Broser unterrichtet in Schwandorf Flüchtlinge. Im Unterricht klärt sie auch über die deutsche NS-Vergangenheit auf, um einem importierten Antisemitismus entgegenzusteuern. Fotos: Wolf/Buck /Privat
Lehrerin Patricia Broser unterrichtet in Schwandorf Flüchtlinge. Im Unterricht klärt sie auch über die deutsche NS-Vergangenheit auf, um einem importierten Antisemitismus entgegenzusteuern. Fotos: Wolf/Buck /Privat

Regensburg.Bevor Elias Dray außer Haus geht, steht immer eine Entscheidung: Zeigt er sich mit Kippa oder lieber nicht? Unbeschwert macht er den Schritt aus der Wohnung auf die Straße kaum noch. „Ich fühle mich nicht mehr so sicher wie vor zehn Jahren, definitiv nicht“, sagt der Rabbiner, der im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Amberg ist. Geboren und aufgewachsen ist Dray in Amberg. Heute lebt er zur einen Hälfte in seinem Oberpfälzer Heimatort, zur anderen in Berlin. Dass ihm Schläge angedroht werden, wenn er sich als Jude zu erkennen gibt, dass er in sozialen Medien im Netz mit Sätzen wie ,Der Holocaust ist eine Lüge‘ konfrontiert wird, erlebt Dray immer wieder. Wegen Holocaustleugnung hat er bereits eine Anzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Nicht nur für Dray, für viele Juden wachsen das Unbehagen und die Angst vor Anfeindungen.

Auch Patricia Broser ist vorsichtig geworden. Für die Lehrerin aus Schwandorf geht es nicht um ihre eigene Religion. Aber ihre Worte wählt sie heute mit Bedacht. Anfang Februar äußerte sich Broser in der Wochenzeitung „Die Zeit“ unverblümt über einen Antisemitismus, der ihr im Unterricht mit Flüchtlingen begegnet. Broser unterrichtet Integrationsklassen am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf. Was sie von jungen arabischen Zuwanderern immer wieder zu hören bekommt, ist harter Tobak.

Die Lehrerin zitierte Schüler mit Aussagen wie ,Hitler war doch super‘ oder ,Israel will die Weltherrschaft an sich reißen‘. Jede dieser Äußerungen ist im Unterricht tatsächlich so gefallen. Trotzdem will die Lehrerin sie heute differenzierter einordnen: Nicht alle Flüchtlinge sind Antisemiten und der Antisemitismus ist nicht allein mit den Flüchtlingen zu uns gekommen. Seit Broser nach ihren Äußerungen in der Zeitung selbst angefeindet wurde, ist sie sensibler geworden. Sie will keinem Hass Vorschub leisten – weder gegen Juden, noch gegen Flüchtlinge.

Zwei Seiten eines Problems

Patricia Brosers Schüler sind zwischen 16 und 21 Jahre alt, sie stammen zum Großteil aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Äthiopien. Die Diskriminierung von Juden gehe aber nur von arabischstämmigen Flüchtlingen aus, sagt Broser. Und sie habe politische Gründe, keine religiösen. „Die Form von Antisemitismus, die wir in Deutschland bisher kannten, ist eine andere, als die, die jetzt mitgebracht wird, weil die Gründe andere sind.“ Was Broser hier benennt, lässt sich auch als Antiisraelismus bezeichnen.

„Die Form von Antisemitismus, die wir in Deutschland bisher kannten, ist eine andere, als die, die jetzt mitgebracht wird, weil die Gründe andere sind.“

Patricia Broser, Lehrerin am Beruflichen Schulzentrum in Schwandorf

Es gibt diese zwei Seiten: Den „hausgemachten“ Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft, der durch das Erstarken rechter Kräfte neu befeuert wird auf der einen; den importierten Antisemitismus unter arabisch-muslimischen Migranten auf der anderen – das sieht Rabbiner Dray mit großer Sorge. „Es ist diese Zange, die ich fühle, von beiden Seiten.“

Humam Sari sieht religiös motivierten Hass mit großer Sorge. Foto: privat
Humam Sari sieht religiös motivierten Hass mit großer Sorge. Foto: privat

Auch Humam Sari macht keinen Hehl daraus, dass mit Zuwanderern eine neue Form der Judenfeindlichkeit nach Deutschland kommt. Der Syrer ist selbst vor drei Jahren nach Deutschland geflohen und studiert jetzt an der OTH Regensburg Bauingenieurwesen. „Von unserer Regierung wird die Idee verbreitet, dass Israel der Feind ist. Das ist verwurzelt, von der Kindheit an“, sagt der 28-Jährige. „Es ist auch in den Medien. Jeder Jude gilt als Verräter.“ Die politischen Vorbehalte gegenüber Israel haben ihren Ursprung meist im Nahostkonflikt, das macht auch Sari im Gespräch deutlich. In arabischen Ländern wie Syrien oder dem Irak sind sie in der Zivilbevölkerung tief verwurzelt und werden durch viele Kanäle verstärkt: durch staatlich gesteuerte Medien, tendenziöse Fernsehsendungen und Filme, sogar durch Schulunterricht.

Wem gehört das Land Israel? Wir haben einem gläubigen Zionist und einem palästinensischen Aktivist die Frage gestellt, die beide am meisten umtreibt.

Rabbiner Elias Dray will Begegnungen zwischen Religionen ausbauen. Foto: Aron Buck
Rabbiner Elias Dray will Begegnungen zwischen Religionen ausbauen. Foto: Aron Buck

Die Feindschaft auf politischer Ebene wird dann pauschal auf Juden übertragen – so vermengt sich Antiisraelismus mit Antisemitismus zu einem gefährlichen Gebräu. „Viele Menschen, die aus Kriegsgebieten in Nahost jetzt nach Deutschland kommen, sind mit Antisemitismus aufgewachsen“, sagt Elias Dray. Trotzdem räumt der Jude auch ein: „Es muss möglich sein, Kritik an Israel zu üben.“

Aus Sicht von Patricia Broser fehlt es an Geschichtsbewusstsein: „Es gibt wenig Wissen und Gespür für die deutsche NS-Vergangenheit.“ Die Mischung aus einseitiger politischer Prägung im Heimatland und mangelndem Wissen über die deutsche Geschichte birgt Konflikte. Sie mag dazu beigetragen haben, dass am 8. Dezember 2017 am Brandenburger Tor in Berlin eine Israelflagge brannte.

Pauschale Feindbilder

Humam Sari hat sich von der Propaganda der syrischen Regierung frei gemacht. Ihm bereitet es Sorgen, dass viele seiner Landsleute stark von der staatlich gesteuerten Meinung geprägt sind, dass sie nicht mehr zwischen Politik und Religion trennen: Alle Juden werden pauschal für die israelische Politik verantwortlich gemacht. „Ich finde es überhaupt nicht schlecht, wenn Menschen eine politische Meinung haben“, sagt Sari. „Aber wenn Menschen einander hassen wegen Religion, das finde ich überhaupt nicht in Ordnung.“

„Ich finde es überhaupt nicht schlecht, wenn Menschen eine politische Meinung haben. Aber wenn Menschen einander hassen wegen Religion, das finde ich überhaupt nicht in Ordnung.“

Humam Sari, Flüchtling aus Syrien und Student an der OTH Regensburg

Wie also lässt sich mit einem importierten Antisemitismus umgehen, ohne von dem in der deutschen Gesellschaft abzulenken? Wie lässt sich das Problem benennen, ohne Flüchtlinge pauschal als Judenhasser abzustempeln? Lehrerin Patricia Broser setzt auf Aufklärung in der Schule. Erziehung zu Toleranz und Demokratie seien ein fester Bestandteil des Unterrichts. Dabei will sie nicht nur bei Antisemitismus entgegensteuern, sondern bei allen „-ismen“, sagt Broser. Jeder Form der Anfeindung von sozialen Gruppen, sei es aus politschen, religiösen oder ideologischen Gründen, müsse in der Schule entgegengewirkt werden.

Wirksamer noch als Demokratieerziehung streng nach Lehrplan sind aus Brosers Sicht aber persönliche Begegnungen und Erlebnisse. Ein Treffen mit dem Regensburger Holocaust-Überlebenden Ernst Grube, das die Schwandorfer Schule im vergangenen Schuljahr organisierte, habe bei den Schülern starken Eindruck hinterlassen. Die Geschichte wurde so greifbar, persönliches Schicksal sichtbar.

„Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man sieht, was in der Geschichte passiert ist.“

Rabbiner Elias Dray

Auch Elias Dray setzt auf Begegnungen und organisiert Treffen mit anderen Religionsgemeinschaften, um das gegenseitige Verständnis zu stärken. „Man muss vorsichtig sein und darf nicht alle Muslime unter Generalverdacht stellen“, sagt der Rabbiner. Er setzt auf eine weitere Methode: Jede Schulklasse, egal ob mit deutschen oder zugewanderten Schülern, sollte eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Von einem Pflichtbesuch, wie er zuletzt häufig gefordert wurde, will der Rabbiner trotzdem nicht sprechen. „Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man sieht, was in der Geschichte passiert ist.“

Humam Sari fängt bei sich selbst und seinen Landsleuten an: „Unsere Aufgabe ist, unser Image zu verbessern.“ Man müsse offen sein, sich auf Diskussionen einlassen und die eigene Meinung immer mit Argumenten begründen können.

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