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Hass und Verzweiflung im Schulalltag

„Ich wollte ihn tot machen“: Internatsleiter Johann M. brachte schon Kinder auf Mordgedanken.
Von Frank Betthausen, MZ

Drei Jugendliche gehen auf diesem Bild am Gymnasium der Domspatzen in Regensburg vorbei. Der weltberühmte Chor sieht sich immer mehr Vorwürfen ehemaliger Schüler ausgesetzt. Sie beziehen sich allerdings nicht auf die Einrichtungen in Regensburg, sondern auf die einstige Vorschule in Etterzhausen. Foto: dpa

Regensburg. Einen Mercedes habe er gefahren. Einen schwarzen Anzug habe er getragen. Schmächtig sei er gewesen. Und: Er habe überall HB geraucht. Es sind Details wie diese, die sich Werner Biller (Name geändert) eingeprägt hat, wenn er an seinen schlimmsten Peiniger denkt: Johann M., den früheren Direktor der ehemaligen Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen im Landkreis Regensburg. „Er hat wirklich jeden Schlag genossen, den er uns gegeben hat“, sagt der 43-Jährige.

Der Münchner ist einer von vielen, die im März 2010 zum ersten Mal über das reden können, was sie über Jahrzehnte tief in sich verborgen hatten – Demütigungen, Prügel und Sadismus in einer Einrichtung der katholischen Kirche. Anvertrauen konnten sich die Opfer selten jemandem. Zu groß war das Vertrauen ihrer Eltern in diese unantastbare Institution. „Ich glaube, wenn ich das meinem Vater gesagt hätte, der hätte mir noch eine reingegeben und gesagt: ‚Du wirst es schon gebraucht haben‘“, sagt Biller. So hat er geschwiegen über seine Zeit bei den Domspatzen, über die Jahre 1977 bis 1979, die er in Etterzhausen zubrachte.

Der einstige Grundschulstandort des Knabenchors rückt immer mehr in den Fokus, seitdem auch im Bistum Regensburg einer Reihe von Missbrauchsfällen aus der Zeit zwischen 1958 und 1973 nachgegangen wird. Dabei, das berichten Betroffene, waren es in Etterzhausen weniger sexuelle Übergriffe, die auf der Tagesordnung standen, sondern brutale, pädagogische Verfehlungen.

Ein Gesicht, das in der Erinnerung der Ex-Schüler immer wieder auftaucht, ist das von Johann M., jenem Geistlichen, an dessen Wohnungstür Werner Biller als verzweifelter Bengel einmal mitten in der Nacht stand. „Ich wollte ihn tot machen, weil er so böse war. Aber ich habe mich nicht getraut“, erinnert er sich. Vier Stunden lang saß der 43-Jährige am Wochenende mit seiner Mutter zusammen und erzählte ihr von seinen Erlebnissen als Zehnjähriger. „Sie war sprachlos“, sagt er. Etwa, als Biller ihr den blonden Mitschüler beschrieb, der sich im Schlaf immer wieder einnässte. „Wie der geschlagen wurde... Ich krieg’ die Bilder nicht aus meinem Kopf“, sagt er.

An unsittliche Berührungen kann sich der Münchner nicht erinnern. Allerdings habe der Direktor die Jungen beim Duschen „akribisch beglotzt“ und sie stets angewiesen, sie sollten sich auch unter der Badehose waschen. Ebenfalls gut in Erinnerung ist dem 43-Jährigen eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft in Etterzhausen. Er habe es stets so empfunden, dass der Umgang mit den reichen Kindern anders gewesen sei als mit den armen.

Nikolai G. besuchte die Vorschule 1980/81 kurz vor ihrem Umzug nach Pielenhofen. Auch zu dieser Zeit, berichtet der 39-Jährige, sei es dort rundgegangen. Als besonders grausam empfand er eine Szene im Speisesaal. Als ein Mitschüler gegen das Schweigegebot verstoßen und sein Brot schwungvoll in den Teller geworfen habe, sei er von M. oder einem Präfekten mit dem Stuhl verprügelt worden.

Clemens Neck, Sprecher der Diözese Regensburg, betont, dass das Bistum Fälle wie diese ernst nehme und prüfen wolle. „Damals war eine Ohrfeige nicht strafbar“, sagt er. Als Kriterium für die weitere Untersuchung soll nach seinen Worten daher der Straftatbestand der Körperverletzung gelten.

Ob der frühere Domkapellmeister Georg Ratzinger, der sich gestern für die Entgleisungen in Etterzhausen entschuldigte, möglicherweise tatsächlich nichts von den dortigen Praktiken wusste, will Neck nicht kommentieren. Aus informierten Kreisen verlautet, zwischen dem Standort in Etterzhausen und den Einrichtungen in Regensburg habe es durch die Zuordnung zu unterschiedlichen Stiftungen im Alltag kaum Berührungspunkte gegeben. Insider führen das als Grund dafür an, dass bei der Spitze der Domspatzen in Regensburg nichts von den Geschehnissen bekannt gewesen sei. Neck dazu: „Wir prüfen diese Dinge.“

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