MyMz

Buch

Heiligenverehrung mit Gruselfaktor

Ein Kunsthistoriker aus den USA hat einem besonderen Reliquienkult nachgespürt, der auch in der Oberpfalz verbreitet war.

Die zehn Schreine im Kloster Waldsassen gelten als die bekanntesten „heiligen Leiber“ nördlich der Alpen.
Die zehn Schreine im Kloster Waldsassen gelten als die bekanntesten „heiligen Leiber“ nördlich der Alpen. Foto: dpa-Archiv.

Regensburg.Der Amberger Pfarrer wünschte sich für seine im Dreißigjährigen Krieg verwüstete Kirche einen heiligen Leib. Ein angesehener Bürger von Amberg – der später auch Geld zur Verfügung stellte – konnte gar nicht mit ansehen, in welchem Zustand sich die Kirche der Stadt befand, die eher „einem calvinistischen denn einem römisch-katholischen Gotteshaus“ ähnelte. Und auch der Amberger Stadtrat legte sein Gewicht in die Waagschale: Die heiligen Gebeine würden Amberg in den Augen von Besuchern mehr Prestige verleihen, vor allem würden sie mehr Kaufleute anziehen, die dann ihre Geschäfte in der Stadt tätigten. Aus diesen religiösen und weltlichen Gründen erwarb Amberg 1699 die Gebeine des heiligen Crescentius, wie der US-Kunsthistoriker Paul Koudounaris erklärt.

Sein Buch „Katakombenheilige – Verehrt, verleugnet, vergessen“, in dem er die Geschichte hinter diesen gruseligen Schreinen nachzeichnet, ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen. Der Kunsthistoriker hat mehr als 70 Orte besucht, an denen Katakombenheilige verehrt wurden. Die kurzweilig geschriebenen fünf Kapitel sind gespickt mit Anekdoten. Verstörend sind die Bilder, die Koudounanis von den Skeletten und ihrem teuren Zubehör gemacht hat. Neben dem Amberger Katakombenheiligen geht er in seinem Buch unter anderem auch auf die Reliquien in der Basilika Waldsassen und der Kirche St. Emmeram in Regensburg ein. Die zehn in kunstvoller Filigranarbeit mit Gold- und Silberfäden, Perlen und falschen Edelsteinen verzierten Skelette im Kloster Waldsassen gelten als reichster Reliquienschatz dieser Art.

Die Katakombenheiligen sind Teil einer weitgehend vergessenen Ära in der katholischen Kirche. Ab dem späten 16.Jahrhundert gelangten sie aus Italien über die Alpen in deutschsprachige Regionen. 1578 war in Rom ein Labyrinth unterirdischer Begräbnisgänge entdeckt worden, in denen sich die sterblichen Überreste tausender Menschen – mutmaßlich frühchristlicher Märtyrer – fanden. Die Überreste dieser sogenannten Katakombenheiligen wurden geborgen und in Klöster und Kirchen in Süddeutschland, in der Schweiz und in Österreich gebracht. Dort gab es nach dem Bildersturm und im Zuge der Reformation gewissermaßen einen dringenden Bedarf an „neuen“ Reliquien. Annähernd drei Jahrhunderte wurden die „heiligen Leiber“ als Wundertäter und Beschützer der Gemeinde verehrt. Dann gewannen Zweifel hinsichtlich des Wahrheitsgehaltes endgültig die Oberhand. Im 19. Jahrhundert wurde klar, dass die katholische Kirche diese Heiligen nie katalogisiert hatte. In einem Dekret von 1878 rief der Kardinalvikar die Bischöfe zu Skepsis gegenüber den Reliquien auf. Plötzlich waren die gebenedeiten Gebeine wenig mehr als Abfall. Vielerorts wurden die Reliquien darauf hin zerstört oder versteckt. (ct)

Paul Koudounaris: Katakombenheilige: Verehrt – Verleugnet – Vergessen. Grubbe Verlag, München, 24,95 Euro, ISBN: 978-3-942194-18-1.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht