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Bayern
Mittwoch, 20. Juni 2018 30° 2

Porträt

Held: Verfassungstreu bis zuletzt

Heinrich Held war der letzte bayerische Ministerpräsident der Weimarer Republik. Fast hätte er die Monarchie zurückgeholt.
von Benedikt Dietsch

Er musste vor den Nationalsozialisten fliehen: Am 6. Juni wäre Heinrich Held 150 Jahre alt geworden.
Er musste vor den Nationalsozialisten fliehen: Am 6. Juni wäre Heinrich Held 150 Jahre alt geworden.

Regensburg.Als Franz, Herzog von Bayern, geboren wurde, war Heinrich Held bereits auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Als der eine fünf Jahre alt war, starb der andere. Die beiden haben sich nie getroffen. Doch Held stand kurz davor, eine Entscheidung zu treffen, die das Leben des heute 84-jährigen Franz von Bayern grundlegend verändert hätte: Vielleicht wäre er heute König von Bayern.

Denn 1933 spielt Held mit dem Gedanken, Prinz Rupprecht, den Großvater Franz von Bayerns, erst als Generalkommissar in Bayern einzusetzen und später zum König zu machen – und die Monarchie somit zum Bollwerk gegen den Nationalsozialismus. Doch dazu kommt es nicht.

Berger will Held in die Köpfe der Menschen bringen

Dr. Johann Berger (l.), Dr. Hermann Reidel und Helds Enkelin Susanne Feichtmeyer-Arnold wollen nicht, dass man Held vergisst, Foto: Benedikt Dietsch
Dr. Johann Berger (l.), Dr. Hermann Reidel und Helds Enkelin Susanne Feichtmeyer-Arnold wollen nicht, dass man Held vergisst, Foto: Benedikt Dietsch

Im Jahr 1933 ist Held bereits neun Jahre lang Ministerpräsident, die meiste Zeit der Weimarer Republik. Er hat den Freistaat in diesen Jahren politisch und wirtschaftlich stabilisiert. Einige Zeit schon geht er mit der Idee schwanger, Prinz Rupprecht an die Spitze Bayerns zu stellen und das Königreich wieder auferstehen zu lassen. Das Problem: Dieser Schritt wäre verfassungswidrig.

„Heinrich Held war ein Mann des Rechts.“

Johann Berger

„Heinrich Held war ein Mann des Rechts“, sagt Johann Berger. Und leider einer, der im Bewusstsein der Menschen nicht so fest verankert ist. Zumindest musste Berger erleben, wie eine Politikerin in einer Rede alle Minister des Freistaats von Eisner bis Seehofer aufzählte – doch Held vergaß sie. Seitdem hat Berger sich zum Ziel gesetzt, Heinrich Held wieder in die Köpfe der Menschen zu bringen. Den Zeitpunkt wählte er geschickt: Am 6. Juni dieses Jahres jährt sich der Geburtstag Helds zum 150. Mal. Susanne Feichtmeyer-Arnold unterstützt Berger. Die Enkelin Helds hat ihren Großvater zwar nie persönlich kennenlernen dürfen. Doch in ihrer Familie erzählt man sich bis heute Geschichten über ihn.

Für das Studium nach Regensburg

„Er war ein sehr religiöser Mensch. Er ist nicht nur sonntags, sondern bei jeder Gelegenheit in die Kirche gegangen“, sagt Feichtmeyer-Arnold. Das wird auch deutlich, als Held nach seinem Jurastudium 1899 nach Regensburg kommt und dort den Posten als Chefredakteur des „Regensburger Morgenblatts“ übernimmt. In der neuen Stadt sieht er sich und andere Katholiken benachteiligt. „Regensburg war überwiegend katholisch, doch der Stadtrat ausschließlich protestantisch“, sagt Berger. „Wählen konnte damals nur, wer das Bürgerrecht hatte. Und für das musste man zahlen. Das Geld hatten viele Bürger nicht. Traditionsgemäß herrschten in Regensburg ein paar protestantische Familien.“

„Er war ein sehr religiöser Mensch. Er ist nicht nur sonntags, sondern bei jeder Gelegenheit in die Kirche gegangen.“

Susanne Feichtmeyer-Arnold

Held kämpft mit allen Mitteln gegen Strukturen, die seit der Reformation in der Stadt vorherrschen. Sein Verleger, Josef Habbel, bringt ihn darüber hinaus dazu, in die Lokalpolitik zu gehen – und es stellt sich heraus, dass Held ein enormes politisches Geschick an den Tag legt. Mit anderen Mitgliedern der katholischen Zentrumspartei, der er inzwischen beigetreten ist, vergibt er zinslose Kredite an Leute, die das Bürgerrecht erwerben wollen. Die Initiative hat Erfolg: 1908 werden zum ersten Mal katholische Politiker der Zentrumspartei in den Stadtrat gewählt. Unter ihnen ist auch Heinrich Held. Damals ahnt noch niemand, dass er später einmal einer der wichtigsten bayerischen Politiker seiner Zeit sein wird.

Held glaubt an Gott. Und an das Recht. Insofern ist es für ihn in zweierlei Hinsicht ein Schock, als Kurt Eisner im Zuge der Novemberrevolution den Freistaat Bayern ausruft. Denn zum einen ist das – das haben Revolutionen nun einmal an sich – gegen die geltende Verfassung. Zum anderen setzt Eisner damit den von Gott legitimierten König, Ludwig III., ab.


Held verteidigt, was er nicht mag

Held ist schwer getroffen in seinem Rechtsverständnis und Weltbild. Doch er erholt sich. Er gestaltet selbst die neue bayerische Verfassung mit, die sogenannte Bamberger Verfassung. Zufrieden ist er nie so richtig damit. Weder mit der bayerischen noch mit der Reichsverfassung. 1924 wird er – inzwischen bei der Bayerischen Volkspartei – zum Ministerpräsidenten gewählt. Während seiner gesamten Regierungszeit versucht er, die Schwächen der Bamberger Verfassung auszumerzen, sie zu verändern. Zu verbessern. Aber er bekommt keine verfassungsändernde Mehrheit im Landtag.

Bayerische Ministerpräsidenten 1918-1933

  • Kurt Eisner:

    Von November 1918 bis Februar 1919, USPD.

  • Johannes Hoffmann:

    Von März 1919 bis März 1920, SPD.

  • Gustav Ritter von Kahr:

    Von März 1920 bis September 1921, parteilos, war später Generalstaatskommissar

  • Hugo Graf von Lerchenfeld-Köfering:

    Von September 1921 bis November 1922, BVP

  • Eugen Ritter von Knilling:

    Von November 1922 bis Juni 1924, BVP

  • Heinrich Held: Von Juli 1924 bis März 1933, BVP

Als die Reichsverfassung 1932 durch Notverordnungen ausgehebelt wird, werden Stimmen laut, Held solle die Verfassung reformieren, auch ohne Mehrheit. Doch für Heinrich Held kommt ein solcher Schritt nicht infrage. Er klagt stattdessen vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig. Seine Kritiker behaupten, er hätte sich damit die Hände gebunden, weil er die Verfassung nicht reformieren konnte, wenn er auf ihrer Grundlage klagt. „Es ist aber sehr fraglich, ob eine Reform zu diesem Zeitpunkt noch etwas gebracht hätte“, sagt Feichtmeyer-Arnold.

Ein Jahr nach der Klage übernehmen die Nationalsozialisten die Macht. Held wird abgesetzt und muss fliehen. Die Nationalsozialisten stehen vor Helds Wohnhaus und werfen Steine durch die Fenster. Held kann bis zu seinem Tod nur unentdeckt bleiben, weil die Familie ihn beschützt. „Mein Onkel Heinz, Heinrichs Sohn, kam schließlich ins KZ, weil er meinen Großvater nicht verraten wollte“, sagt Feichtmeyer-Arnold. Ihr Großvater war ein Mann des Rechts, bis zum Tod verfolgt ohne Rechtsgrundlage.

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