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Gesundheit

Herbergen mit Hebammen gesucht

Zehn Kreißsäle wurden seit 2015 in Bayern geschlossen, die meisten auf dem Land. Der Weg zur Hebamme wird immer weiter.
Von Julia Weidner

Der Trend zeigt: Die Geburtenrate in Bayern steigt wieder. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/dpa

Regensburg.Die berühmteste Geburtsgeschichte der Welt vor etwa 2017 Jahren: Maria und Josef müssen nach Bethlehem reisen, doch als die Geburt losgeht, will keine Herberge sie aufnehmen. Das Kind kommt schließlich in einem Stall zur Welt. Streng theologisch betrachtet, ist das natürlich alles Symbolik: Der Gottessohn wird in ärmlicher Umgebung geboren, macht sich gemein mit den Ausgegrenzten am unteren Ende der Gesellschaft. Und trotzdem kann Weihnachten der Anlass sein, einmal nachzufragen, wie denn heute, im Jahr 2017, die Kinder zur Welt kommen.

Glaubt man Schilderungen in einschlägigen Foren oder Blogs und den Zahlen, die Verbände engagierter Eltern oder Hebammen vorlegen, ist die Situation von Maria und Josef gerade in heutiger Zeit werdenden Müttern und Vätern nicht fremd.

Im Klinikum St. Hedwig kamen über 3000 Kinder auf die Welt. Nachdem das Evangelische Krankenhaus 2012 seine Geburtshilfe-Station geschlossen hat, gibt es in Regensburg nur noch zwei Krankenhäuser mit Kreißsälen. Foto: Weidnere

Überfüllte Kreißsäle, zu wenig Personal, Kreißsaalschließungen: Wenn einer Frau gesagt wird, es gebe keinen Platz, sie solle sich doch bitte in eine andere Klinik fahren lassen, wird sie sich vermutlich fühlen wie die biblische Maria auf Herbergsuche. Die Wahlfreiheit der Frauen beim Geburtsort werde derzeit eingeschränkt, „das ist schon ein Einschnitt“, sagt Susanne Weyherter, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Hebammen-Landesverbands (BHLV). „Und das bedeutet auch Stress für Gebärende und hat damit Einfluss auf den Verlauf einer Geburt.“

Seit 2015 acht Kreißsäle weniger

Nach Angaben des Deutschen Hebammen-Verbands wurden seit 2015 allein in Bayern acht Kreißsäle geschlossen, zwei weitere vorübergehend. Auch in Ostbayern wird es für die Schwangeren schwerer eine Klinik mit Geburtshilfe in unmittelbarer Nähe zu finden. In den letzten Jahren schlossen in der Oberpfalz die Krankenhäuser in Oberviechtach, Burglengenfeld und das Evangelische Krankenhaus in Regensburg. Zusammen gezählt kamen dort in den Jahren zuvor zwischen 800 und 850 Kinder auf die Welt.

Wer in Schönsee im Nordosten des Oberpfälzer Landkreises Schwandorf wohnt, braucht mindestens 40 Minuten in das nächstgelegene Krankenhaus mit Geburtshilfe nach Cham. Dabei steigt laut einer Studie das Risiko für Mutter und Kind rasant, wenn 30 Minuten nach dem Einsetzen der Wehen noch keine ärztliche Untersuchung stattfand. „Es gibt keine Regelung, wie weit entfernt ein Klinikum mit Geburtshilfe sein darf“, sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes.

Von Schönsee aus ist das nächstgelegene Krankenhaus mit Geburtshilfestation in Cham. In Oberviechtach wurde der Kreißsaal 2011 geschlossen.

Seit 2008 sank die Anzahl der Krankenhäuser mit Geburtshilfen von 143 auf 119. Gerade auf dem Land schließen immer mehr Kliniken. Dabei entbinden 63 Prozent der Frauen in kleineren Kliniken, die höchstens 1000 Geburten pro Jahr betreuen. Als Grund für die Schließung gab die Mehrzahl der Krankenhäuser einen Mangel an Hebammen an.

Doch die Zahl der Geburtshelferinnen ist laut Astrid Giesen in den letzten Jahren nicht geschrumpft. Vielmehr wurde die Wochenbett-Betreuung sehr viel intensiver und zeitaufwendiger. „Es werden doppelt so viel Leistungen von Hebammen wie früher verlangt“, sagt Giesen. Schon drei Tage nach der Geburt gehen die meisten Frauen mit ihren Neugeborenen wieder nach Hause, die meisten Krankenkassen würden die Kosten von zwölf Wochen Nachbetreuung durch die Hebamme und weitere acht Besuche zum Thema Ernährung bezahlen. Doch zehn Tage nach der Geburt ist die medizinische Nachsorge laut Astrid Giesen schon abgeschlossen. Alles was danach kommt, seien Tipps zum Umgang mit dem Baby. Das hätten früher Großeltern oder Tanten übernommen, doch jetzt sind viele Kleinfamilien auf sich gestellt.

„Es wurde versäumt, genügend Hebammen auszubilden und die Ausbildung dementsprechend attraktiv zu gestalten.“

Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes

Diese Entwicklung sei allerdings schon früh zu erkennen gewesen, sagt Astrid Giesen. Denn die Zahl der Geburten stieg wieder. „Es wurde versäumt, genügend Hebammen auszubilden und die Ausbildung dementsprechend attraktiv zu gestalten“, so die Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes. Auch die Neuregelung zu Abrechnung der Beleghebammen habe Unruhe gebracht. Nach einem Schiedsspruch dürfen die Geburtshelferinnen nur noch die Betreuung von zwei Frauen gleichzeitig abrechnen. „Welche Auswirkungen diese Entscheidung auf den Alltag hat, ist noch nicht abzusehen“, erklärt Astrid Giesen. Denn die Regelung tritt erst zum 1. Januar 2018 in Kraft.

In München gab es Probleme

Die Vorsitzende des Bayerische Hebammen Landesverbands, Astrid Giesen, sorgt sich um ausreichend Hebammen in Ostbayern. Foto: Armin Weigel dpa/lby

Abgewiesen wird in der Oberpfalz aber keine Schwangere. „Das ist bis jetzt zum Glück noch nicht vorgekommen“, so Giesen. In größeren Städten wie München war das aber keine Ausnahme. Vor zwei Jahren wurde die Höchstkapazität der Kliniken erreicht, es kam regelmäßig vor, dass Schwangere mit Wehen nicht angenommen werden konnten, weil kein Platz mehr für sie war. Deswegen wurde eine Regelung getroffen, nach der das überfüllte Krankenhaus ein Klinikum finden musste, in dem die Frau garantiert aufgenommen wurde. Denn zuvor gab es laut Giesen schon Fälle, bei denen eine Schwangere mit Wehen von Klinik zu Klinik hetzte, bis sie endlich unterkam.

„Das erinnerte schon ein wenig an Maria und Josef“, sagt Astrid Giesen.

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