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Medizin

Hier werden Zellen zu Medikamenten

Die Komplikationen nach Stammzelltransplantationen können für Patienten tödlich sein. Das wollen Forscher am RCI mit Zelltherapeutika verhindern.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Am José-Carreras-Centrum in Regensburg werden für die Patienten individuelle Zelltherapeutika entwickelt und hergestellt. Foto: RCI
  • Prof. Dr. Reinhard Andreesen ist seit 2010 Direktor des Regensburger Centrums für Interventionelle Immunologie. Foto: RCI
  • Prof. Dr. Matthias Edinger ist Leiter des José-Carreras-Centrums und stellvertretender Direktor und Wissenschaftlicher Leiter des Regensburger Centrums für Interventionelle Immunologie. Foto: RCI

Regensburg. Es war kurz vor Ostern. Agnes Stich fühlte sich schlapp, das Gesicht der 43-Jährigen war angeschwollen und wachsweiß. Vielleicht ist was mit den Nieren, dachte sie sich. Bis nach drei Tagen das Ergebnis des Blutbilds beim Arzt vorlag, ging sie trotzdem weiter arbeiten. Dann der Schock: „Sie müssen heute noch in die Klinik – fahren Sie heim und packen Sie“, eröffnete ihr der Arzt. Es waren nicht die Nieren. Agnes Stich litt an akuter myeloischer Leukämie (AML).

Wird der Blutkrebs nicht behandelt, kann man innerhalb weniger Wochen daran sterben. Da die Blutbildung gestört ist, entsteht bei den Patienten ein Mangel an roten Blutkörperchen, den sogenannten Erythrozyten, an Blutplättchen und bestimmten weißen Blutkörperchen, den Granulozyten. „Ich hätte wohl noch zwei, drei Wochen zu Leben gehabt“, berichtet Stich. Im Krankenhaus bekam sie Chemotherapie, aber es ging ihr so schlecht, dass eine Stammzelltransplantation mehrfach verschoben werden musste. Im Juni 2009 wurden Agnes Stich schließlich Blutstammzellen ihrer Schwester transplantiert.

Schwere Komplikationen möglich

„Fünf Monate nach der Transplantation ging es mir relativ gut“, erzählt sie. „Ich hoffte, dass alles überstanden ist.“ Doch es folgte ein Rückschlag: Die in den transplantierten Stammzellen enthaltenen T-Lymphozyten richteten sich gegen den Körper von Agnes Stich. Mediziner sprechen von einer Graft-versus-Host-Disease (GVHD), also einer Spender-gegen-Wirt-Erkrankung. Die Spender-T-Zellen attackieren dabei verschiedene Organe des Empfängers – bei Stich war es der Darm. Sie wurde wieder ins Krankenhaus eingeliefert, doch keine Behandlung wollte anschlagen. Zweieinhalb Monate kämpfte sie. „Ich habe mich durch meinen Lebenswillen selbst aus dem Sumpf gezogen“, sagt Stich.

Wie man die Komplikationen in Folge einer solchen Spender-gegen-Wirt-Erkrankung behandeln oder sogar verhindern kann, erforschen Wissenschaftler am Regensburger Centrum für Interventionelle Immunologie (RCI). Das Besondere: Als Medikamente werden Zellen eingesetzt, die so verändert wurden, dass sie therapeutisch wirksam sind. „Der Weg von chemischen Medikamenten hin zu biologischen Zelltherapeutika ist eine der großen, aber auch vielversprechenden Herausforderungen der modernen Medizin“, sagt Prof. Dr. Reinhard Andreesen, der Direktor des RCI.

Entwickelt und hergestellt werden solche Zellmedikamente am José-Carreras-Centrum für Somatische Zelltherapie am Universitätsklinikum Regensburg. Hier steht dafür ein Reinraumlabor zur Verfügung. Zunächst wird dem Spender der Stammzellen Blut abgenommen, um daraus bestimmte T-Zellen zu isolieren. „Das Immunsystem besitzt Lymphozyten, deren Aufgabe es ist, eine Immunreaktion wieder abzuschalten“, erklärt Prof. Dr. Matthias Edinger, der Leiter des José-Carreras-Centrums. „Diese Bremsfunktion wollen wir nutzen, um die Immunreaktion im Patienten wieder zu beruhigen.“

Etwa zwei Wochen dauert die Vermehrung dieser Zellen im Labor. „Es handelt sich dabei um individualisierte Medizin“, betont Andreesen. „Das Medikament wird aus den Zellen eines Spenders für einen Patienten hergestellt.“ Ein aufwändiges Verfahren, von dem sich die Forscher aber viel versprechen. In Kürze soll die erste klinische Studie starten. 29 Patienten mit solchen Transplantations-Komplikationen sollen dann deutschlandweit mit den in Regensburg hergestellten Zellmedikamenten behandelt werden. In den USA feierten Forscher kürzlich erste Erfolge in der Behandlung von Leukämie mit Zellmedikamenten. Sie hatten den Patienten T-Zellen entnommen – weiße Blutzellen, die der Immunabwehr dienen –und diese synthetisch so verändert, dass sie im Körper der Patienten gezielt Leukämiezellen erkannten und töteten. In Regensburg wollen die Forscher mit einem ähnlichen Verfahren in Zukunft T-Zellen herstellen, die gegen bestimmte Viren gerichtet sind.

Ein neues Laborgebäude für das RCI

Zunächst soll aber das RCI ausgebaut und personell aufgestockt werden. Das Bayerische Kabinett hat bei seiner Sitzung in Regensburg die entsprechenden Mittel beschlossen. Für 2014 sind im Nachtragshaushalt 800.000 Euro eingeplant, für 2015 und 2016 jeweils 4,5 Millionen Euro. Der Bau eines neuen Laborgebäudes wird außerdem mit zehn Millionen Euro finanziert. „Dass wir jetzt langfristig planen können, ist eine wichtige Botschaft“, sagt Andreesen. In dem neuen RCI-Gebäude in räumlicher Nachbarschaft zum José-Carreras-Centrum sollen die bestehenden Forschergruppen zusammengezogen und drei neue Gruppen eingerichtet werden, die sich mit verschiedenen Ansätzen beschäftigen, ins Immunsystem einzugreifen. Ein Lehrstuhl für Interventionelle Immunologie ist bereits zum 1. Oktober ausgeschrieben, gesucht wird ein Experte im Bereich der Transplantationsmedizin. Die zwei weiteren Lehrstühle sollen in den kommenden Jahren besetzt werden.

Andreesen und Edinger hoffen, mit der Studie zeigen zu können, dass die Behandlung mit den Zelltherapeutika wirksam und sicher ist. „Die Spender-gegen-Wirt-Erkrankung ist eine bedrohliche Komplikation, an der viele Patienten sterben“, so Andreesen.

Agnes Stich hat die GVHD überlebt. Anderthalb Jahre wurde sie behandelt, muss auch heute noch zu regelmäßigen Checks ins Krankenhaus. Durch die Einnahme von Cortison kam es bei ihr zu Knochenschwund – mehrere Brüche und massive Probleme mit der Wirbelsäule waren die Folge. Heute ist Agnes Stich zwölf Zentimeter kleiner als früher. „Wenn die GVHD nicht gewesen wäre, wäre mir die Osteoporose erspart geblieben“, ist sie sicher. Den Regensburger Forschern wünscht sie viel Erfolg: „Wenn diese Komplikationen minimiert oder ausgeschlossen werden könnten, dann hätten viele Patienten viel weniger Probleme.“

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