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Bayern
Montag, 25. Juni 2018 20° 3

Nockherberg

Hohn und Spott für Seehofer und Ude

Auf dem Nockherberg nimmt Kabarettistin Luise Kinseher vor allem Seehofer und Ude aufs Korn. Im Singspiel verblüfft ein illegitimer Strauß-Sohn.
Von Christine Schröpf, MZ

  • Die Schauspielerin Luise Kinseher predigt am Mittwoch als „Mama Bavaria“ beim traditionellen „Politiker-Derblecken“ auf dem Münchner Nockherberg. Foto: dpa
  • Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (l.) und der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier prosten sich beim traditionellen „Politiker-Derblecken“ auf dem Münchner Nockherberg zu. Foto: dpa
  • Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (l.), seine Frau Karin und Schankkellner Helmut Huber stehen beim traditionellen „Politiker-Derblecken“ auf dem Münchner Nockherberg am Schank. Foto: dpa
  • Mit dem traditionellen Verspotten, dem „Derblecken“ von Politikern am Münchner Nockherberg, wird die Starkbier-Saison in Bayern eröffnet. Foto: dpa
  • Mit dem traditionellen Verspotten, dem „Derblecken“ von Politikern am Münchner Nockherberg, wird die Starkbier-Saison in Bayern eröffnet. Foto: dpa

München. „Mama Bavaria“ hält Wort. Wie angekündigt, nimmt Kabarettistin Luise Kinseher auf dem Nockherberg den Ministerpräsidenten wieder mal besonders ins Gebet. Sie sieht eine Verwandtschaft zu Kaiser Ludwig dem Bayern. Wie dieser sei Horst Seehofer in der Torheit weise, in der Gleichgültigkeit sorgsam und im Kleinmut starkmütig. „Wenn die Angela Merkel wieder sagt, jetzt spinnt er aus taktischen Gründen, dann denke ich immer: Nein. Das ist genetisch bedingt.“ Kein Pardon mit Seehofer. Er hatte sich in den gestrengen Augen der Mama keine Bonus-Meilen erarbeitet, weil er tagsüber in Windeseile die 1400 Flugkilometer München-Rom-München hinter sich gebracht hatte, bevor er beim Paulaner-Starkbier-Event über den roten Teppich schritt. Der CSU-Chef hatte am Mittwochvormittag die letzte Generalaudienz von Papst Benedikt besucht. Auch im Singspiel ist das nur Steilvorlage für Spott. Von der Romvisite verspricht man sich Nachahmungseffekte. Der Pontifex habe einem Jüngeren Platz gemacht, erwähnt der Markus-Söder-Darsteller mehr als beiläufig.

Kostproben in Allianz-Arena

Der Nockherberg steht Mittwochabend in Konkurrenz zum Fußballspitzenspiel FC-Bayern München gegen Borussia Dortmund in der Allianz-Arena. Für die Politikprominenz aber gilt Anwesenheitspflicht. Das schwarz-gelbe Kabinett ist zahlreich vertreten – von Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) bis Europaministerin Emilia Müller (CSU). Bei der SPD hat Spitzenkandidat Christian Ude den früheren Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Schlepptau. Die Freien Wähler vertritt Hubert Aiwanger, Bundes- und Landesvorsitzender sowie Landtagsfraktionschef in Personalunion. Die Grünen sind mit Spitzenkandidatin Margarete Bause präsent.

Das Derblecken ist kabarettistisches Zwischenzeugnis vor dem Wahltermin im Herbst. Regierungschef Seehofer hatte schon vor Wochen prophezeit, dass der langwierige Koalitionsstreit um die Abschaffung der Studiengebühren aufgespießt wird. Er behält Recht. Der Horst habe sich jetzt doch noch mit seinen „Dipferlscheissern“ von der FDP geeinigt, sagt die Bavaria. „Was auch sonst. Die FDP ist doch gar nicht satisfaktionsfähig. Man schlägt keine Kranken und Halbtoten.“

Spott über SPD-Rettungsinseln

Auch die SPD bekommt ihr Fett weg. Spitzenkandidat Ude fällt für Kinseher in die Kategorie Traumschiffkapitän. „Der Christian beweist uns die Demut und Bescheidenheit der bayerischen Sozialdemokratie, die mit einer einzigen Wunderkerze ein großes Feuerwerk verspricht.“ Sie spöttelt über die Wahlkampfhilfe von Udes Ehefrau. „Unermüdlich fährt sie alle SPD-Rettungsinseln in Bayern an und sucht Überlebende. Viele halten sich nur noch mit Schwimmflügerl über Wasser.“ Ein Weckruf geht an Freie-Wähler-Kapitän Aiwanger. „Deine Passagiere sind alles nur CSUler auf Rundfahrt. Die sehn am Horizont schon die liebe Ilse – die Vollrumpffregatte der CSU.“

Bavaria hat dieses Jahr allerdings selbst scharfe Konkurrenz. Das Singspiel erlebt einen Neustart. Erstmals führt Marcus H. Rosenmüller Regie. Er präsentiert ein hintergründiges Kabarett-Musical mit urig-bayerischer Note und dem Warnhinweis: „Vorsicht vor Gemütlichkeit“. Die Spitzen bayerischer Politik treffen unversehens in einem Hänsel-und-Gretel-Wald aufeinander. Zwischen dicken Baumstämmen und monströsen Pilzen campiert im Räuberzivil die Wandertruppe Ude, Bause und Aiwanger.

Pfadfinder Söder hat dort bereits für ein „Einschleimwochenende“ mit Seehofer sein Zelt aufgeschlagen. Ein gestrenger Förster sieht nach dem Rechten. Er entpuppt sich als unehelicher Sohn von Franz Josef Strauß, gezeugt bei der Jagd nahe Regensburg. Als Alter Ego spricht aus ihm der Vater, der die Protagonisten von heute, ob Möchtegern-Ministerpräsidenten oder Regierungschef, reihum abkanzelt. „Ihr Foto hängt bei unserem Dorfgriechen an der Spickerscheibe“, sagt er zu Söder. Eine dicke Mondscheibe mit Angela-Merkel-Antlitz steigt dazu am Horizont auf.

Singspiel-Autor Thomas Lienenlüke („Satiregipfel“, „Klugscheisser“) legt den Protagonisten wunderbare Dialoge in den Mund. Der messerwetzende Söder (Stephan Zinner), der die Weihnachtsschmutzeleien seines Chefs nicht überwunden hat, ist eine Schau. Der echte Seehofer hatte seinem Finanzminister bekanntlich Charakterschwächen attestiert. Die CSU scharte sich darauf für einen Moment aus Mitleid hinter dem Finanzminister. „Das wäre Dir mit einem Lob von mir nie passiert“, spottet Seehofer-Darsteller Wolfgang Krebs und triezt Söder ohne schlechtes Gewissen weiter – etwa als dieser das Zelt für die Nacht nicht richtig im Boden verankert. Keine Einsturzgefahr, kontert Söder: „Ich zelte grundsätzlich nur im Windschatten.“

Aigner entpuppt sich als Mata Hari

Die CSU präsentiert sich als Schlangennest: Söder umschmeichelt Seehofer, kollaboriert mit Aigner und hält hinter dem Rücken aller per Funkgerät („Bachstelze an Blaumeise“) mit Ex-CSU-Kronprinzessin Christine Haderthauer Kontakt. Aigner (Angela Ascher) wiederum entpuppt sich als Mata Hari, die mit Seehofer flirtet, Söder anspringt, aber Böses plant. Nach einem Wahlsieg im Herbst soll Seehofer wie weiland Vorvorgänger Edmund Stoiber bei einem Putsch in Wildbad Kreuth weggeräumt werden. „Lassen wir ihn verschwinden, in einer Lasagne ohne Pferdefleisch.“ Natürlich mit dem Prädikat „so schmeckt Bayern“, schickt sie hinterher. Später wird sie von der Regie in ein steifes Riesendirndl gesteckt. Ihr Kopf lugt in Miederhöhe hinaus. „Da wachse ich noch hinein“, sagt sie.

Im Oppositions-Zeltlager geht’s nicht ganz so martialisch zu. Der hypermotivierte Anführer Ude (Uli Bauer) bekommt Bause und Aiwanger jedoch nicht richtig in den Griff. Speziell Aiwanger (Stefan Murr), der sich als koalitionswillig nach allen Seiten gebärdet. O-Ton Ude: „Morgen bring ich ihn um.“ Bei der Suche nach potenziellen Regierungszielen gerät man sich in die Haare. Seehofer hat schließlich alles schon abgeräumt – von den Studiengebühren bis zum Donauausbau.

So einigt man sich auf die kleinsten gemeinsamen Nenner. Das „Öko-Sozial-Dings“ und als Hauptziel: „Der Seehofer darf nicht Ministerpräsident bleiben“. Das sei die einzige Botschaft, „die er von uns nicht übernehmen kann“, lautet Udes trotziger Kommentar. Der Strauß-Sohn (Gerhard Wittmann) hakt nach und will die Vorzüge eines SPD-Ministerpräsidenten wissen. „Er ist wie ein besserer Oberförster, nur dass es der Wald noch nicht weiß“, antwortet der Kandidat.

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