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Montag, 16. Juli 2018 29° 8

Serie

Im Inneren der Klangmaschine

Der Kraftwerk-Musiker Karl Bartos stammt aus Berchtesgaden. Jetzt erzählt er von der Techno-Revolution – und seinen Wurzeln.
Von Alois Braun

Karl Bartos am Synthesizer: In seiner Autobiografie blickt er auf seine Zeit bei einer der einflussreichsten Bands der Welt zurück. Foto: Patrick Beerhorst
Karl Bartos am Synthesizer: In seiner Autobiografie blickt er auf seine Zeit bei einer der einflussreichsten Bands der Welt zurück. Foto: Patrick Beerhorst

Berchtesgaden.Die Stunde Null. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende, die Ertragslage ist schlecht, es gibt kaum Arbeit. Mühevoll hält sich die Familie Bartos mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Der Kederlehen-Hof am Untersalzberg, der einmal der Familie von Rosa Bartos gehörte, war in den Wirren des Krieges verkauft worden. Schließlich nimmt der Plan Gestalt an, Berchtesgaden zu verlassen und in die aufstrebende Stadt Düsseldorf umzusiedeln. Im Rheinland entwickelt sich Sprössling Karl zu einem Musiker, der später sechzehn Jahre lang in der Band Kraftwerk spielt und als Autor an Hits wie „Das Model“, „Die Roboter“ oder „Tour de France“ beteiligt ist. Im Sommer veröffentlichte Karl Bartos seine Autobiografie: „Der Klang der Maschine“.

Erinnerung an Onkel Sepp

Seinen Geburtsort hat er nie aus den Augen verloren. Im Gegenteil. Karl Bartos war und ist oft in Berchtesgaden. „Wissen Sie, jetzt wo ich den bayerisch gefärbten Klang ihrer Stimme höre, sehe ich sofort den Watzmann vor mir“, lacht er beim Interview. „Die Gegend dort ist unglaublich schön.“ Während der Arbeit an seinem Buch besuchte er Orte seiner Kindheit und Jugend. Auch sein Geburtshaus in Marktschellenberg. „Das Haus in der Kirchgasse ist über einen Bach gebaut, der darunter hindurchrauscht“, erzählt Bartos und man merkt, dass er noch einen starken Bezug zu dieser Gegend hat. „Mein Onkel Sepp lebte noch lange nach unserem Wegzug hier, am Hintersee. Nicht nur deshalb verbrachte meine Familie die Sommerferien immer wieder hier. Ich hatte stets eine Verbindung zu Bayern.“

„Als ich etwa 18 Jahre alt war, wurde mir bewusst, dass ich das Musikerhandwerk vernünftig lernen musste, wenn ich wirklich weiterkommen wollte.“

Karl Bartos

Gelebt hat Karl Bartos aber überwiegend in Düsseldorf, war erst ein oder zwei Jahre alt, als die Familie dorthin zog und sich in einem Arbeiterviertel ein Leben aufbaute. „Im Gegensatz zu Berchtesgaden, wo die Erwerbslage nach dem Krieg nicht rosig war, fand man in der Stadt leichter eine Arbeit“, erzählt der Multiinstrumentalist, der seit den 90er-Jahren in Hamburg lebt. Über einen englischen Soldaten fand er den Einstieg in die Welt der Musik. „Meine Schwester Marietta ist sechs Jahre älter als ich. Sie hatte damals, als ich etwa 12 Jahre alt war, einen nordenglischen Gentleman kennengelernt: Lance Corporal Peter Hornshaw“, sagt er. Und dieser brachte Beatles-Platten ins Haus Bartos. „Ich hörte zum ersten Mal ‚A hard days night‘. Bang, mit diesem mehrdeutigen Akkord geht das Lied los.“

Man hört die Begeisterung in der Stimme von Karl Bartos. „Beatmusik erfasste damals die gesamte Jugend, in jedem Keller probte bald eine Band. Mir war bald klar, dass die Musik eine bedeutende Rolle in meinem Leben einnehmen wird!“ Ein paar Jahre spielte der Musiker in verschiedenen Bands die Songs aus den Charts der USA und Großbritannien. In einer dieser Formationen kreuzte sich gar sein Weg mit Marius Müller-Westernhagen.

Ein breit aufgestellter Musiker

„Als ich etwa 18 Jahre alt war, wurde mir bewusst, dass ich das Musikerhandwerk vernünftig lernen musste, wenn ich wirklich weiterkommen wollte“, erzählt Bartos. Deshalb ging er an die Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, studierte Schlagzeug, Vibraphon und Klavier. Ein Instrumentarium, das nicht zwangsläufig in Richtung Rock- und Popmusik zeigt. Tatsächlich war der Musiker stilistisch schon immer breit aufgestellt. So spielt er etwa mit dem späteren Rheingold-Musiker Bodo Staiger Jazzmusik in der Band Sinus. „Ich hatte das Glück, dass ich mit der ersten Welle der Popmusik aufgewachsen bin. Diese Musik war sehr hochwertig und die Autoren spielten ihre Musik selbst. Das war entscheidend. Denn so kam ich auch zum Komponieren“, blickt er zurück.

„Zum Musizieren benötigt man Hingabe, Handwerk, Emotion und ein wenig Verstand. Nimmt man einen dieser Punkte weg, entsteht nichts organisch Ganzes. Nur alle Punkte zusammen befähigt die Menschen, gute Musik zu machen.“ Karl Bartos

Die verschiedenen Ebenen der Kultur seien für ihn stets durchlässig gewesen. Popmusik, Jazz, der Kosmos der klassischen Musik und die elektronische Avantgarde, für Karl Bartos war das alles immer homogen und kein Widerspruch. Der Musiker hatte an der Berliner Universität der Künste fünf Jahre lang eine Gastprofessur inne und sagt: „Zum Musizieren benötigt man Hingabe, Handwerk, Emotion und ein wenig Verstand. Nimmt man einen dieser Punkte weg, entsteht nichts organisch Ganzes. Nur alle Punkte zusammen befähigt die Menschen, gute Musik zu machen.“ Und er fügt lachend hinzu: „Beim Spielen auf das zu hören, was die Mitmusiker gerade tun, ist natürlich eine relativ komplizierte Angelegenheit.“

Mitmusiker – damit sind wir bei den deutschen Elektropionieren Kraftwerk. Karl Bartos kam 1974 als Tour-Schlagzeuger zur Band, blieb bis 1990. „Anfangs hatte alles, was wir machten, noch einen verbindenden Charakter, war geprägt vom Geist der 60er Jahre. Damals wie heute ist die Musik das ideale Medium, Menschen zusammenzuführen – ungeachtet ihrer sozialen Herkunft, Bildung, Religion, ihrer Rasse und ihres Geschlechts.“ Seine musikalische Ausbildung kam ihm auch beim Komponieren zugute. Er ist Co-Autor der klassischen Kraftwerk-Alben „Die Mensch-Maschine“, „Computerwelt“ und „Techno Pop.“

Seit 1969 führt er Tagebuch

Bereits im Jahre 2005 begann Bartos mit den ersten Skizzen für sein Buch „Der Klang der Maschine“. Hilfreich waren ihm dabei seine jahrzehntelangen Aufzeichnungen: „Ich führe seit 1969 Tagebuch. In meinen Taschenkalendern habe ich mein ganzes Leben aufgeschrieben: Termine, Auftritte, Tourneen aber auch meine Reflektionen über Niederlagen und Erfolge oder was ich mir für die Zukunft erhoffe. Vor allem die Kraftwerk-Zeit bot eine Fülle an Daten und Informationen“, sagt Bartos: „Ich nehme den Leser mit ins Innere des Kling Klang Studios, zeige ihm einige der Quellen unserer Ideen, erkläre Zusammenhänge und beschreibe, wie wir unsere Musik erfanden. Natürlich stelle ich unsere Musik in ihren zeitlichen Kontext und auf diese Weise erzähle ich beispielsweise auch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, wie ich sie erlebte.“

Immer wieder führt das Gespräch mit Karl Bartos zurück nach Bayern. „Ich muss unbedingt bald einmal wieder meine Schwester Marietta in Wien besuchen“, sagt er. „Von dort ist es nicht so weit nach Berchtesgaden. Wir wollten schon lange einmal wieder zusammen dorthin fahren. Ich fühle mich immer gut, wenn ich dort bin.“

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