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Regensburg/Bonn.

Im Strudel der Homo-Affäre um General Kießling

Als Sprecher von Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) erlebte Jürgen Reichardt die „Affäre Kießling“. Als Insider berichtet er Spannendes.

Mit versteinerter Miene und mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedete vor 25 Jahres Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner General Günter Kießling in den Ruhestand. Wegen des nicht bewiesenen Vorwurfes der Homosexualität hatte Wörner den Spitzenmilitär zuvor reaktivieren und rehabilitieren müssen. Die Bundeswehr erlebte eine Groteske der Sonderklasse – ein Regensburger Offizier war Wörners Pressesprecher.Foto: MZ-Archiv

Von Fritz Winter, MZ

Vor 25 Jahren, Anfang des Jahres 1984, durchlebte und durchlitt die Bundeswehr den bislang peinlichsten Skandal ihrer noch jungen Geschichte. Seit dem Jahr 1983 ging der Militärische Abschirmdienst (MAD) Behauptungen nach, der Vier-Sterne-General und stellvertretende NATO-Oberbefehlshabende Günter Kießling sei homosexuell, verkehre in einschlägigen Lokalen und stelle so ein Sicherheitsrisiko dar.

Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner (CDU), der nach dem Regierungswechsel im Herbst 1982 angetreten war, die in einer Krise steckende Bundeswehr grundlegend zu modernisieren, entschied am 8. Dezember 1983, Kießling zum Jahresende vorzeitig in den Ruhestand zu schicken. Am 5. Januar 1984 gab es den ersten Pressebericht über die Personalangelegenheit – und eine an skurrilen Begleiterscheinungen kaum zu überbietende Schmierenkomödie auf höchster Ebene begann.

Die Schlagzeilen überschlugen sich

Im Oktober 1983 war Jürgen Reichardt von seinem bisherigen Dienstposten als Chef des Stabes der 4. Panzergrenadierdivision im beschaulichen Regensburg auf die Hardthöhe nach Bonn gewechselt. Dort befand sich damals noch die Spitze des Bundesverteidigungsministeriums – die politische Wende war ja mehr als fünf Jahre entfernt. Reichardt wurde Leiter des Informations- und Pressestabes und damit Sprecher von Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner, einem Reserveoffizier, der nach der Zeit von SPD-Verteidigungsminister Hans Apel den deutschen Streitkräften wieder klare Zukunftsperspektiven geben wollte. Zum Jahreswechsel 1983/1984 erlebte Reichardt eine „nachrichtenlose Zeit“, wie er in seinem Buch „Hardthöhe Bonn – Im Strudel einer Affäre“ schildert. Bis am 5. Januar gegen 11 Uhr vormittags eine Nachrichtenagentur meldete, General Kießling sei „nach Fertigstellung eines Berichtes des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) in den Ruhestand geschickt“ worden.

Reichardt reagierte alarmiert, ahnte, welche Blamage für die Bundeswehr drohte. Und er selbst war doch von der Spitze des Ministeriums gerade mit den nötigsten Informationen versorgt worden – einflussreiche Journalisten hatten ihn mit den Gerüchten in der Nachrichten-Szene versorgt.

So vorsichtig der Pressesprecher auch taktierte – die Schlagzeilen überschlugen sich. Bald war General Kießling in der Öffentlichkeit vorverurteilt, seine Dementis wurden ignoriert. Aber Verteidigungsminister Manfred Wörner hatte ein riesiges Problem: Belastbare Beweise für die angebliche Homosexualität des Vier-Sterne-Generals ließen sich nicht finden.

„Zeugen“ aus der Kölner Strichjungen-Szene wurden als Lügner überführt. Schließlich hörte Wörner persönlich zwei Stricher an und ließ einen Homosexuellen aus der Schweiz einfliegen, der „Beweise“ bringen sollte. Als auch dies zu keinem Ergebnis führte, fegte ein Sturm der Entrüstung durch die Republik: Die Hardthöhe hatte offenkundig nichts in der Hand, was die Vorwürfe gegen General Kießling stützen konnte.

Im Zentrum dieses Zyklons stand Wörners Pressesprecher Jürgen Reichardt, der sich in Anlehnung an dilettantische MAD-Recherchen in einem Homo-Lokal vor der Bundespressekonferenz als „Jürgen von der Bundeswehr“ verhöhnen lassen musste. Als sich abzeichnete, dass die Position des Verteidigungsministeriums, keine Gründe für die Entlassung Kießlings zu nennen, nicht mehr zu halten war, agierte er so, wie man es von einem Truppenoffizier erwartet: Er beurteilte die eigene Lage und die „Feindlage“, kam zu dem Entschluss, dass „ein Gefecht abzubrechen sei, wenn das Ziel nicht mehr erreicht werden kann, aber unangemessene Verluste drohen“. Die illusionslose Analyse ergab ohne Widerspruch, „dass wir keine Chance hatten, nachträglich einen öffentlichen Beweis antreten zu können in einer Sache, die unbeweisbar hätte bleiben sollen und deshalb nun bleiben musste“, notierte Reichardt.

Die Krise eskalierte. Verteidigungsminister Manfred Wörner geriet zunehmend unter Beschuss. Im kleinsten Kreis dachte er darüber nach, Bundeskanzler Helmut Kohl seinen Rücktritt anzubieten. Gleichzeitig gab es immer heftigere Kabinettsspekulationen: Wer könnte Wörners Nachfolger werden? Wäre Otto Graf Lambsdorff (FDP) bei einer Kabinettsumbildung zu halten? Drängt Franz-Josef Strauß in die Regierungsmannschaft? Immer bohrender wurden die Fragen, denen Jürgen Reichardt in den Pressekonferenzen ausgesetzt war. Schließlich brachen alle Dämme – selbst Wörner wurde in den Ruf der Homosexualität gebracht, nur um dies mit gespielter Empörung wieder dementieren zu können. Reichardt, in unverbrüchlicher Loyalität zu seinem Minister, litt während der schweren Tage in Bonn mit.

Am 1. Februar 1984 greift der Kanzler ein. Er teilt mit, dass sich der Verteidigungsminister und die Anwälte General Kießlings geeinigt hätten und Wörner die Aufhebung der Entlassung beantragen werde. Zitat aus dem Brief: „Ich habe Ihre Ehre niemals in Frage gestellt“. Kohl verkündet auch, dass er ein Rücktrittsgesuch Wörners „aus guten Gründen“ nicht angenommen habe und er gibt auch seinem Sprecher Reichardt Absolution, der bis zur letzten Minute öffentlich daran festgehalten hatte, dass Wörner nicht die Absicht habe, zurückzutreten.

Abschied mit dem Zapfenstreich

General Kießling schied zum 1. März 1984 auf eigenen Wunsch aus der Bundeswehr aus. Er wurde mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Manfred Wörner machte weiter Karriere und wurde Nato-Generalsekretär. General Reichardt wurde später Kommandeur der 4. Panzergrenadierdivision in Regensburg und kämpfte – vergebens – um den langfristigen Erhalt des Divisionskommandos. Als Chef des Heeresamtes wurde er in den Ruhestand versetzt. Er lebt nahe Regensburg. Franz Josef Strauß schrieb in seinen „Erinnerungen“ über Wörner: „ Ein Verteidigungsminister (...) der sich dazu noch widerlichster Kronzeugen bedient, wäre in jedem anderen demokratischen Land keinen Tag länger im Amt geblieben.“

Jürgen Reichardt: Hardthöhe Bonn. Im Strudel einer Affäre. Osning Verlag, ISBN 978-3-9806268-5-9, 19,60 Euro.

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