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Anatomie

In der Fabrik von „Dr. Tod“

Millionen Besucher haben die Körperwelten-Ausstellung schon gesehen. Die Plastinate entstehen nahe der polnischen Grenze
Von Lisa Pfeffer

  • „Der Schachspieler“ war eine der ersten Plastinationen Gunther von Hagens’. Foto: Pfeffer
  • Das Einzige, das an den Körpern unecht ist, sind die Augen. Foto: Pfeffer

Gruben.Es ist still, bis auf das Radio, das im Hintergrund leise Popmusik spielt. Die Räume sind lichtdurchflutet, die Stimmung locker. Dass jeder Mitarbeiter in diesem Raum gerade vor einer Leiche sitzt, wirkt in dieser Atmosphäre fast absurd. Manche von ihnen haben einen ganzen Körper vor sich liegen, andere nur einen Fuß oder einen Kopf. Mit Skalpellen wird Haut abgetrennt, werden Nervenstränge freigelegt und Fett entfernt.

Präparierte Körper, wie sie im Plastinarium in Guben entstehen, werden schon bald in Regensburg zu sehen sein. Die Ausstellung „Körperwelten“ macht vom 16. Februar bis 20. April Stopp im Donau-Einkaufszentrum. Im ehemaligen Gartencenter werden circa 200 Plastinate präsentiert – echte Körper, jeder auf eine andere Art und Weise bearbeitet und „haltbar gemacht“. Alles, was man dort sieht, entsteht auf dem unscheinbaren 3000-Quadratmeter-Gelände in Guben an der polnischen Grenze.

„Plastinieren ist wie kochen“

Bevor ein toter Körper plastiniert und bereit für die Ausstellung ist, muss er einige Schritte durchlaufen. Der erste findet noch zu Lebzeiten des Menschen statt: die Einverständniserklärung, Körperspender zu werden. Dafür muss man keine besonderen Voraussetzungen erfüllen. „Wir haben über 17 000 Körperspender, lebend und tot, weltweit. Werbung machen wir dafür keine mehr, wir haben mittlerweile eher zu viele Leichen im Keller als zu wenig“, sagt Rurik von Hagens, Sohn des Mediziners Gunther von Hagens, der die Geschäfte im Plastinarium seit der Parkinson-Erkrankung seines Vaters leitet.

Mit Nadeln wird alles in die richtige Position gebracht. Foto: Pfeffer
Mit Nadeln wird alles in die richtige Position gebracht. Foto: Pfeffer

Verstirbt ein Körperspender, kommt das so genannte BodyMobil und bringt den Körper ins Plastinarium nach Guben. Dort wird sofort Formalin in die Arterien gespritzt, um die Verwesung zu stoppen. Ab diesem Zeitpunkt ist der Tote ein Fremder für jeden der rund 60 Mitarbeiter. Keiner weiß, wer gerade vor ihnen liegt.

„Wir haben über 17 000 Körperspender. Werbung machen wir zur Zeit kaum noch, wir haben mittlerweile eher zu viele Leichen im Keller als zu wenig.“

Rurik von Hagens, Geschäftsführer Plastinarium

Einer der Mitarbeiter ist der 25-jährige Felix. Er sitzt vor einem einzelnen Bein, dem er gerade die Haut abtrennt. Er ist mitten in der so genannten Präparation. Dabei werden einzelne anatomische Strukturen freigelegt und sichtbar gemacht. Wer da gerade unter ihm liegt, darüber denkt er nicht großartig nach. „Man weiß es ja eh nicht. Aber es gibt schon Indikatoren. In diesem Fall war es wohl eine ältere Frau“, sagt er. „Und die Zehennägel geben auch oft Aufschluss darüber, wie alt der Mensch wohl in etwa war.“ Wenn man ihm dabei zuschaut, wie routiniert er mit dem Skalpell und anderen Instrumenten umgeht, könnte man meinen, er sei Arzt. Doch eigentlich ist er gelernter Tierarzthelfer.

„Körperwelten und der Zyklus des Lebens“

  • Ab 16. Februar

    ist die Ausstellung „Körperwelten und der Zyklus des Lebens“ im ehemaligen Gartencenter des Donau-Einkaufszentrums zu sehen.

  • Mehr als

    45 Millionen Menschen weltweit sahen bereits die plastinierten Körper.

  • Seit 1996

    gibt es die Wanderausstellungen plastinierter, überwiegend menschlicher Körper im deutschsprachigen Raum.

  • Tickets

    sind an allen Vorverkaufsstellen erhältlich. Sie werden empfohlen, um Wartezeiten beim Ausstellungsbesuch zu vermeiden.

  • Abo-Club-Mitglieder

    der MZ bekommen 40 Prozent Rabatt auf Erwachsenen- und Familientickets für die ersten vier Montage der Ausstellung. Außerdem bekommen sie während der gesamten Ausstellungszeit zwei Euro Rabatt auf Erwachsenentickets und vier Euro auf Familientickets.

Nur wenige der Mitarbeiter sind Mediziner. In dem Präparationsraum sitzen Physiotherapeuten, medizinisch-technische Assistenten, Modellbauer und Hutmacher. „Man könnte meinen, das wäre die perfekte Arbeit für Medizinstudenten. Aber so ist es nicht. Das Wichtigste an dem Job hier ist Geduld und ein feines Händchen“, sagt Rurik von Hagens. „Im Allgemeinen ist es ein wenig wie kochen, egal wie gut die Anleitung ist, man muss einfach ausprobieren und üben.“

Aller Kritik zum Trotz

Nachdem der Körper oder das Organ fertig präpariert ist, folgt die Entwässerung und Entfettung. Dafür wird das Präparat in ein Aceton-Bad gelegt und dort bleibt es wochenlang. Der Raum mit den Aceton-Bädern ist der einzige, der stark riecht – nach Nagellackentferner. „Aceton ist ein Lösungsmittel, deswegen riecht es hier oft wie bei Frauen am Schminktisch“, sagt einer der Mitarbeiter, der gerade die Klappe eines Behälters schließt.

Ist der Körper nach sechs bis acht Wochen entwässert, dauert es ungefähr nochmal genauso lang, bis er entfettet ist. Dann kann fixiert werden. Dafür landet der Körper wieder auf dem Seziertisch. Mit Nadeln werden Muskeln, Nervenstränge und Organe in die gewünschte Position gebracht und anschließend mit Gas gehärtet. Einen ganzen Körper zu plastinieren, dauert ungefähr ein Jahr. Doch die Arbeit lohnt sich: „Die Plastinate sind länger haltbar als die Mumien der Pharaonen“, sagt von Hagens.

So wird in Guben ein Fuß präpariert. Foto: Anna Ringe-Brändli/dpa
So wird in Guben ein Fuß präpariert. Foto: Anna Ringe-Brändli/dpa

Um Gerüchten und negativer Kritik Herr zu werden, ist den Betreibern besonders wichtig, transparent zu sein. Das Plastinarium in Guben ist das ganze Jahr über offen für Besucher. „Wir machen nichts hinter verschlossenen Türen. Jeder kann hier bei der Plastination zuschauen“, sagt der Betreiber. Er findet es nicht pietätlos, tote Körper zu präparieren und auszustellen.

Rurik und Gunther von Hagens sind stolz auf ihr Familienunternehmen. Foto: Pfeffer
Rurik und Gunther von Hagens sind stolz auf ihr Familienunternehmen. Foto: Pfeffer

Trotzdem macht in jeder Stadt, in die „Körperwelten“ kommt, erst mal ein „Darf er das?“ die Runde. Rurik von Hagens sagt klar: „Ja. Wir vermitteln Anatomie laien-gerecht. Jeder hat einen Körper, das Thema betrifft jeden. Und der Laie weiß wenig über seinen eigenen Körper.“

Ein spezielles Ganzkörperplastinat Foto: Pfeffer
Ein spezielles Ganzkörperplastinat Foto: Pfeffer

Wer sich dafür interessiert, kann sich ab dem 16. Februar selbst ein Bild davon machen und die Körperwelten im DEZ besuchen. Dort stehen die Plastinate den erwarteten tausenden Besuchern über zwei Monate zur Verfügung.

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