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In der Medizin ist auch Platz für Gott

Dr. Felix Rockmann leitet das Notfallzentrum der Barmherzigen Brüdern. Täglich muss er schlechte Nachrichten überbringen. Dabei hilft ihm sein Glaube.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Dr. Felix Rockmann leitet das Notfallzentrum. Wenn er traurige Nachrichten überbringen muss, nutzt er einen besonderen Raum.Foto: Schönberger

Regensburg.Notfallzentrum. Hektische Betriebsamkeit. Ein Kommen und Gehen. Manche Patienten gehen hier für immer. Der 18-jährige Motorradfahrer mit Polytrauma. Der 85-jährige Vater, Opa und Uropa nach dem dritten Herzinfarkt. Im Warteraum des Notfallzentrums der Barmherzigen Brüder in Regensburg sitzen die Angehörigen. Chefarzt Dr. Felix Rockmann und sein Team müssen sie vorbereiten. Vielleicht auf den Abschied, vielleicht auf eine komplikationsbehaftete Therapie. „Es ist ein kurzer Moment, in dem wir den Fokus ändern. Weg vom Patienten hin zu den Angehörigen“, sagt Rockmann. Es ist auch der Moment, in dem der Chefarzt nicht auf sein Können vertrauen kann, sondern sich auf sein Gefühl verlassen muss. Sein Glaube hilft ihm dabei, sagt der 42-Jährige.

Was ist dem Patienten wichtig?

Der Gesprächsraum für Angehörige liegt am Ende des Flurs. Etwas abseits. Ein Schild hängt an der Tür. „Zutritt nur nach Aufforderung“. Es ist eine geschützte Zone. Wenn Rockmann die Tür schließt, wird es für eine gewisse Zeitspanne sehr persönlich. Eine Nähe, die sonst im üblichen Krankenhausbetrieb gar nicht möglich ist, sagt der Arzt. Hier geht es um das Schicksal eines geliebten Menschen. Was ist dem Patienten, der nun vielleicht an Infusionsschläuchen und Überwachungsapparaten hängt, im Leben wichtig?, fragt Rockmann die Angehörigen. Wen liebt dieser Mensch, wen braucht er um gesund zu werden – oder auch um gehen zu können? Als das Notfallzentrum der Barmherzigen Brüder geplant wurde, hat Rockmann auf das Gesprächszimmer bestanden. „Gute Nachrichten kann man quer durchs Wartezimmer rufen, aber es gibt eben auch Nachrichten, die brauchen eine gewisse Nähe und die brauchen auch Platz für Emotionen.“

Ein-, zweimal am Tag bittet Rockmann Angehörige in das bewusst schmucklos gehaltene Zimmer. An der Wand hängt ein Kreuz, auf dem Beistelltischchen steht ein Trockenblumen-Gesteck. Die Ledercouch und die beiden Sessel vermitteln eine gewisse Enge. Sie soll bewusst in diesem Moment zwischen Arzt und Angehörigen entstehen. „Bei dem, was wir hier zu besprechen haben, ist eine räumliche Begrenzung, ein Umschlossensein, ganz wichtig.“

Rockmann ist evangelisch. Als behandelnder Arzt argumentiert er nicht primär aus dem Glauben heraus. Als begleitender Arzt aber schon. „Der Glaube bietet mir eine Art Wertesystem. An den zehn Geboten kann man sich gut orientieren. Du sollst nicht töten, du sollst niemandem etwas Böses tun, du sollst anderen Menschen beistehen...“ Wenn er mit den Angehörigen zusammentrifft, um nicht selten weitreichende Entscheidungen zu fällen, dann richtet er sich nach diesem christlichen Leitfaden. Neben den schriftlichen Patientenverfügungen ist Rockmann das Gespräch über die Wertvorstellungen des Patienten überaus wichtig . „Es ist sehr wichtig, die Angehörigen erzählen zu lassen, wie ein Mensch lebt und was für ihn von Bedeutung ist.“ Rockmann kommt auf Australien zu sprechen, wo er einige Zeit gelebt und auf einer Intensivstation gearbeitet hat. „Die meisten Menschen haben dort ein Ziel: so schnell wie möglich in ihr Zuhause zurückzukehren. Wenn das nicht mehr möglich ist, wollen sie ihr Leben nicht mit allen medizinischen Mitteln verlängern.“ In Deutschland seien die Bedürfnisse individueller.

Schwierig wird es für den Chefarzt immer dann, wenn das medizinische Vorgehen und die Wünsche des Patienten nicht mit denen der Angehörigen in einen Kontext gebracht werden können. „Ein an Lungenkrebs erkrankter Patient, der schon zahlreiche Metastasen gebildet hat, kann nicht mehr gesund werden. Doch trotzdem gibt es Angehörige, die mit einer Palliativversorgung nicht einverstanden sind.“ Dann müssen Ärzte, Pflegepersonal und vielleicht auch ein Geistlicher Überzeugungsarbeit leisten, denn es geht um die beste Behandlung für den Patienten und nicht um die Wünsche der Angehörigen, sagt Rockmann.

Trotzdem hat er Verständnis, dass solche Entscheidungen weh tun. „Hier geht es um einen Menschen, der geliebt wird. Es muss uns gelingen, den Angehörigen die Last abzunehmen. Sie sollen am Ende uns und nicht sich selbst für eine Entscheidung verantwortlich machen können.“

Rund 29 500 Patientenkontakte fanden im vergangenen Jahr im Notfallzentrum der Barmherzigen Brüder statt. Ein Team aus über 20 Ärzten kümmert sich um die Kranken und Verletzten. Der in Aschaffenburg geborene Rockmann ist ausgebildeter Internist mit den Schwerpunkten Notfall- und Intensivmedizin. Bevor er 2009 die Chefarztstelle bei den Barmherzigen Brüdern antrat, war er am Uniklinikum Regensburg Oberarzt in der Notfallambulanz und Intensivstation.

Rockmann ist mit einer Ärztin verheiratet. Das Paar hat drei Kinder. Den Tod eines Kinder zu übermitteln, das nimmt ihn emotional sehr mit, sagt er. Im vergangenen August saßen ihm die Eltern einer Fünfjährigen gegenüber. Das Mädchen starb durch die Amokfahrt eines psychisch kranken Mannes. „In so einer Situation gibt es keinen Trost. Es gibt aber diesen Raum, in dem man Zuhören kann und in dem alles erlaubt ist: schreien, weinen, schimpfen.“ Und manchmal, verrät der Chefarzt, wird auch gestritten.

Keine Glaubensgespräche

Psalm 55 war Rockmanns Konfirmationsspruch: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, er wird dich versorgen.“ Diese Bibelworte passen zu seinem Lebenslauf, sagt er. Der Glaube treibe ihn bei seiner Arbeit an. Patienten und Angehörigen kommt er nicht mit Bibelsprüchen. „Das steht mir nicht an. Das ist Aufgabe der Seelsorger.“ Den bittet er dazu, wenn es gewünscht wird. Auch bei Sterbesakramenten ist Rockmann manchmal dabei. Es sind Momente, wo die Medizin zurücktritt und Platz für den Glauben macht.

Im Notfallzentrum herrscht weiter ein Kommen und Gehen. Eine Frau weint. Ein Rettungssanitäter rollt den nächsten Patienten durch die Tür. Ein Angehöriger beschwert sich. Chefarzt Rockmann macht sich wieder an die Arbeit, ohne zu wissen, ob er heute noch einmal in den Gesprächsraum zurückkehren wird.

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