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Landtagswahl

In Kohnen steckt viel Kampfgeist

Die SPD-Spitzenkandidatin präsentiert sich als Kontrast zu Konkurrent Söder. Die Flaute der eigenen Partei steckt sie weg.
Von Christine Schröpf

SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen bleiben 70 Tage, um die SPD aus dem Umfragetal zu holen. Foto: Lino Mirgeler/dpa
SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen bleiben 70 Tage, um die SPD aus dem Umfragetal zu holen. Foto: Lino Mirgeler/dpa

München.In der sechsten Klasse flog sie wegen eines „Stoppt Atomkraft“-Buttons aus dem Unterricht. Mit 18 Jahren stand sie am Bauzaun der WAA in Wackersdorf und ärgerte sich über die Brutalität, mit der die Staatsregierung gegen Demonstranten vorging. Die Stopp-Strauß-Plakette verkniff sie sich nur mit Rücksicht auf die Nerven ihrer Eltern. Natascha Kohnen beschreibt sich selbst als „extreme Kämpfernatur“. Es ist ein Charakterzug, der ihr gut 30 Jahre später als SPD-Spitzenkandidatin durch die Untiefen des Landtagswahlkampfs hilft: In aktuellen Umfragen liegt die bayerische SPD bei nur noch zwölf bis dreizehn Prozent. Kohnen läuft Gefahr, am 14. Oktober für ihre Partei eine historische Niederlage einzufahren. Und als ob das nicht genug wäre, hat sich im Tropensommer 2018 eine heftige Hitzewelle über Bayern gelegt, die den Zustrom zu ihren Wahlterminen spärlicher werden lässt.

Nervosität? Ach, wo

Unruhe oder Nervosität ist ihr dieser Tage aber nicht anzumerken – oder sie hat sie gut in einer hinteren Ecke ihrer Seele versteckt. Sie habe gewusst, auf was sie sich mit der Spitzenkandidatur einlasse, sagt sie. „Ich bin ein sehr realitätsnaher Mensch. Ich habe mir das genau überlegt.“ Die schwierige Phase der SPD sei nicht erst in den vergangenen Monaten entstanden. Tatsächlich war die Lage schon kompliziert, als Kohnen im Mai 2017 Florian Pronold an der Spitze der BayernSPD ablöste. Sie hatte sich auch nicht aufgehellt, als sie im Dezember 2017 zur SPD-Bundesvize gewählt wurde.

Bei „KohnenPlus“ holt sich die SPD-Spitzenkandidatin prominente Gesprächspartner an den Tisch. In Schongau plauderte sie mit dem Volkstheater-Intendanten Christian Stückl. Foto: Schröpf
Bei „KohnenPlus“ holt sich die SPD-Spitzenkandidatin prominente Gesprächspartner an den Tisch. In Schongau plauderte sie mit dem Volkstheater-Intendanten Christian Stückl. Foto: Schröpf

Wahlkampftermin in Schongau, einer 12 000-Einwochner-Stadt im Alpenvorland: Schwüle liegt an diesem Abend im Saal, aus den offenen Fenstern drückt warme Luft nach. Auf die SPD-Kandidatin warten 70 Zuhörer mit schweißglänzenden Gesichtern. „Für 34 Grad nicht schlecht“, sagt die SPD-Frau bei ihrer Ankunft. Geboten wird das Talkformat „KohnenPlus“. Das Konzept sieht vor, dass die Spitzenkandidatin wechselnde Gäste dazubittet, mit ihnen eine Weile über Gott und die Welt parliert, dann Fragen aus dem Publikum beantwortet.

Es ist ein bewusster Gegenentwurf zu „Söder persönlich“ – ein Reihe, mit der CSU-Spitzenkandidat Markus Söder durch Bayern tourt. Er lässt sich dabei von einem Moderator zu seinem eigenen Leben befragen. Kohnen will lieber demonstrieren, dass sie auf Menschen neugierig ist und zuhören kann.

„Eine Koalition mit Söder will ich mir nicht vorstellen müssen.“

SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen

Auf der Bühne ist ein knallroter Tisch platziert, an dem dieses Mal der Intendant des Münchner Volkstheaters und Leiter des Oberammergauer Passionsspiels Platz nimmt. Erst kürzlich war Christian Stückl bei der CSU böse angeeckt, weil er die Münchner „Ausgehetzt“-Demo unterstützte, die als Denkzettel für das CSU-Spitzenpersonal gedacht war, in der Asylpolitik andere Töne anzuschlagen. Kohnen und Stückl lernen sich in Schongau zum ersten Mal näher kennen. Sie lässt ihn über sein Leben erzählen. Die Zuhörer erfahren, wie er kürzlich auf der Rückfahrt aus Zürich übermüdet auf einem Rastplatz an der Lindauer Autobahn anhielt. Der Oberbayer, vom Typ her eher dunkel, mit widerspenstiger Frisur, geriet in eine Polizeikontrolle. Die Beamten beharrten auf der Frage, welcher Landsmannschaft er denn angehöre, obwohl sie seinen Pass in Hände hielten. Er sei Deutscher antwortete er schließlich nach einigem Hinundher. „Aber reinrassig auch nicht, oder?,“ erhielt er als Antwort. Es sei derzeit nicht gemütlich, für einen Ausländer gehalten zu werden, sagt Stückl. „Das Klima verändert sich.“

Kohnen teilt Stückls Einschätzung. In der Asylpolitik fordert sie seit langem mehr Humanität. „Meine Haltung ergibt sich aus den Werten der SPD“, sagt sie. Am Tag als Konkurrent Söder in der Debatte um nationale Grenzsicherungen vom Ende des „geordneten Multilateralismus“ in Europa sprach, ersetzte sie auf ihrer Facebookseite ihr Porträtbild durch ein EU-Emblem. Europa sei vor allem jungen Menschen enorm wichtig. Aber nicht nur ihnen. „Jeder zweite Arbeitsplatz hängt von einem geeinten Europa ab.“

Bei „KohnenPlus“ flechtet die SPD-Frau Geschichten aus ihrer eigenen Biografie ein. Sie wuchs in der Münchner Maxvorstadt auf. Vater und Mutter beschreibt sie als debattenfreudige Vertreter der 1968er-Generation, sozialliberal bzw. sozialdemokratisch geprägt – er tendierte zu Hildegard Hamm-Brücher, sie zu Willy Brandt. Das politische Engagement war der Tochter quasi in die Wiege gelegt. Verblüffender für die Eltern war, dass sich die Tochter aus eigenem Antrieb für die Kirche interessierte.

In Bayern die Rabenmutter

Nach dem Abitur studierte Kohnen in Regensburg Biologie. Danach, Ende der 1990er-Jahre, lebte sie mit Mann und Kindern eine Zeit in Paris. Sohn Paul besuchte dort die Kita – nicht ganztags, wie dort damals schon üblich, sondern nur bis 14 Uhr. In Frankreich galt Kohnen deshalb als eine Art Helicopter-Mama, die nicht loslassen kann. Völlig Konträres sollte sie erleben, als sie Frankreich wieder den Rücken kehrte und sich in Neubiberg (Lkr. München) ansiedelte. Kinderbetreuungsangebote fehlten, allein wegen der Frage danach wurde sie in die Schublade „Rabenmutter“ einsortiert. Mütter würden die freie Zeit dann eh mit Shopping verschwenden.

Für Kohnen war es der Antrieb, sich kommunalpolitisch zu engagieren und in die SPD einzutreten. Das Parteibuch hat sie seit 2001. Seit 2008 ist sie Landtagsabgeordnete, bereits 2009 machte sie Pronold zur SPD-Generalsekretärin.

Mit einer Wutrede über das „populistische Geplärre der CSU“ 2016 bei einer Plenarsitzung des Landtags hatte sie die Parteibasis für sich eingenommen. „Das hat noch niemand gewagt“, sagt Erich Mühlberg, 72 Jahre alt, der in Schongau unter den Zuhörern ist. Das Video dazu avancierte zum Youtube-Hit. So wütend und laut würde die Basis ihre Parteirepräsentanten gerne häufig sehen – speziell gegenüber der CSU, an die man sich in der Großen Koalition in Berlin gekettet fühlt. Auch Stückl rät dazu. „Ich glaube, die SPD muss am Land draußen mehr greifbar werden“, sagt er.

Kohnen und der SPD bleiben rund 70 Tage bei den Wählern zu punkten. Die Spitzenkandidatin möchte soziale Fragen stärker in den Fokus rücken. Der Bau bezahlbarer Wohnungen sind für sie dabei ein entscheidender Punkt. Sie attackiert Söder, der mit seiner neuen staatlichen Wohnungsbaugesellschaft BayernHeim 10 000 Wohnungen bis 2025 errichten wolle. „Erbärmlich, was er da macht. Das sind 0,6 Wohnungen pro Kommune pro Jahr.“ Die SPD habe sich als Ziel gesetzt, dass der Freistaat in fünf Jahren 25 000 neue Wohnungen errichten muss. Das sei ambitioniert, aber machbar, sagt sie.

Am 14. Oktober wird sich zeigen, wie groß Kohnens Handlungsspielräume sind. Sie sieht für die SPD trotz Umfrageflaute Potenzial und lenkt den Blick auf die über 60 Prozent der Bürger, die noch unentschlossen sind, wo sie am Wahltag ihr Kreuz machen wollen. Mut schöpft sie auch aus der Malaise der CSU. „Sie ist von der absoluten Mehrheit so weit entfernt, wie nie.“

Was zu der Frage führt, was die SPD machen wird, sollte sie in Bayern als Koalitionspartner der CSU gebraucht werden. Kohnen lässt sich nicht darauf ein. Sie will erst darüber debattieren, wenn sich das Thema stellt. Eines aber ist für sie klar. „Eine Koalition mit Söder will ich mir nicht vorstellen müssen“, sagt sie.

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