MyMz

Porträt

Jakob Schäffer: Das vergessene Genie

Jakob Christian Schäffer wurde in Regensburg zu einem der größten Forscher seiner Zeit. Am 30. Mai ist sein 300. Geburtstag.
von Benedikt Dietsch

  • Ein Ölporträt des Regensburger Superintendenten und Naturforschers Jakob Christian Schäffer, entstanden um 1760 Foto: Benedikt Dietsch

Regensburg.Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wäre Jakob Christian Schäffer nicht fast gestorben. Mit zwei Jahren hat er einen „unglücklichen Unfall“, wie er es in seiner Biografie nennt. Zwei lange Stunden scheint er tot zu sein. Verzweifelt betet seine Mutter zu Gott und verspricht: Sollte ihr Sohn überleben, werde er sein Leben dem Glauben widmen. Ein Prediger werden. Der kleine Jakob überlebt. Und sollte knapp 60 Jahre später Superintendent der evangelischen Kirche in Regensburg sein — und nebenbei einer der bekanntesten Wissenschaftler seiner Zeit. Doch der Weg dorthin war weit und nicht immer leicht.

Am 30. Mai 1718 wird Schäffer in Querfurt geboren. Sein Vater, ein evangelischer Pastor, stirbt, als er gerade einmal zehn Jahre alt ist. Ohne das Gehalt des Vaters leben Schäffer und seine sechs Geschwister in Armut. Auch als Schäffer nach seiner Schulzeit in Halle Theologie studiert, verbessert sich seine Lebenssituation kaum. „Mein armseliges akademisches Leben“, so schreibt er später, „hatte auch einen sehr nachteiligen Einfluss auf meine Gesundheit.“

Schäffers Wohnhaus: Das evangelische Dekanat in der Pfarrgasse in Regensburg Foto: Benedikt Dietsch
Schäffers Wohnhaus: Das evangelische Dekanat in der Pfarrgasse in Regensburg Foto: Benedikt Dietsch

Ausbruch aus der Armut

Um der prekären Lebenslage zu entkommen, nimmt er 1738 eine Stelle als Hauslehrer in Regensburg an. „Damals konnte er nicht ahnen, dass er sein restliches Leben da verbringen würde“, sagt Christine Gottfriedsen. Die Leiterin des evangelisch-lutherischen Kirchenarchivs in Regensburg hat sich intensiv mit dem Regensburger Theologen beschäftigt — das evangelische Kirchenarchiv befindet sich immerhin in dem Haus, das Schäffer als Superintendent bewohnte.

„Mein armseliges akademisches Leben“, so schreibt er später, „hatte auch einen sehr nachteiligen Einfluss auf meine Gesundheit.“

Jakob Christian Schäffer

In der neuen Stadt kommt Schäffer auch dem Gelübde seiner Mutter nach und predigt: Nach und nach kommen immer mehr Leute, um ihm zuzuhören. Als sein Geldgeber nach einem Jahr stirbt, will er wieder nach Halle zurück. Doch sein Ruf als exzellenter Prediger öffnet ihm unverhofft eine weitere Tür: Die evangelische Kirche in Regensburg stellt das junge Redetalent als Prediger ein. Das ist der Grundstein für seinen späteren Erfolg.

Sammelbecken für internationale Persönlichkeiten

Denn Mitte des 18. Jahrhunderts ist Regensburg Sitz des immerwährenden Reichstags des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Somit ist die Domstadt Sammelbecken für international bedeutende Persönlichkeiten. Hier kann Schäffer seine vielen Talente entfalten und Geldgeber für seine Forschungen finden. Letztere beschränken sich nicht auf ein spezifisches Gebiet. Nicht umsonst bezeichnen Biografen Schäffer als Universalgenie: Als Botaniker verfasst er eines der ersten Standartwerke zur Pilzkunde. Als Zoologe klassifiziert er verschiedene Tierarten. Einige Käferarten werden später nach ihm benannt. Auf dem Gebiet der Physik forscht er zur Elektrizität und der Optik. Gläser, die er für Mikroskope schleift, verkauft er in ganz Europa.

Schäffer: Erfindung einer Waschmaschine

  • Yorkshire Maiden:

    Während Schäffer forschte, wie sich Papier aus pflanzlichen Stoffen herstellen lässt, hörte er von einer Waschmaschine aus England: der sogenannten „Yorkshire Maiden“. Das Modell war dort seit den 40er-Jahren des 18. Jahrhunderts im Umlauf. Schäffer griff die Konzeption auf und funktionierte kurzerhand eine Maschine um, die er bislang zur Papierherstellung verwendete. 1767 stellte Schäffer schließlich seine „bequeme und höchst vorteilhafte Waschmaschine“ der Öffentlichkeit vor.

  • Die Konstruktion

    war relativ einfach: ein Holzbottich mit einer Kurbel, mit der gegeneinander verschiebbare Rührflügel bewegt werden konnten. Die Erfindung erleichterte die mühsame Arbeit. Schäffer wusste auch, wie er seine Waschmaschine bewerben musste: Er verfasste fiktive „Briefe eines Frauenzimmers an ihre Freundin die Waschmaschine betreffend“, in denen eine Frau schildert, wie die Waschmaschine ihre Arbeit erleichtert. Das Rührflügel-Modell Schäffers hielt sich in ähnlicher Form fast ein Jahrhundert lang auf dem Markt.

Seine Forschungen stellt er in seinem persönlichen Naturkundemuseum aus, das er sich in seinem Haus in der Pfarrergasse eingerichtet hat.

Schäffers Pläne für die Waschmaschine Foto: Deutsches Museum
Schäffers Pläne für die Waschmaschine Foto: Deutsches Museum

Neben einer Bibliothek, der Ausstellung von ein paar hundert Vögeln und tausenden Insekten hat er sich hier auch ein Naturalienkabinett eingerichtet.

In dem Museum war bereits eine große Persönlichkeit zu Besuch: Johann Wolfgang von Goethe kommt 1786 auf seiner Italienreise nach Regensburg, um den inzwischen international angesehenen Wissenschaftler zu sehen. „Schäffer wusste womöglich nie, welche Prominenz er vor sich hatte“, sagt Gottfriedsen, „denn Goethe reiste unter dem Decknamen Johann Phillipp Möller.“

Schäffer betreibt seine Forschung nicht, um sie auszustellen. Hansjörg Wunderer, Leiter des Naturkundemuseums in Regensburg, hat sich mit den Forschungen Schäffers beschäftigt. „Seine Arbeit war immer praxisbezogen“, sagt er. Man könnte auch sagen: problemlösend: Auf einer Reise nach Querfurt fällt Schäffer auf, dass Bäume, Weinberge und Sträucher kahl sind. Die Bewohner vor Ort erklären ihm, Gott wolle Sie mit der Dürre bestrafen. Schäffer aber glaubt das nicht. „Er erforschte die Umstände und fand heraus, dass der Schwammspinner, eine Schmetterlingsart, dafür verantwortlich war“, sagt Wunderer.

Pionier der Papierforschung

Mitte des 18. Jahrhunderts versucht Schäffer ein weiteres Problem zu lösen: Das Aufkommen der Zeitungen und die steigende Zahl der wissenschaftlichen Publikationen hatten Papier zu einem knappen Gut gemacht. „Zur damaligen Zeit stellte man Papier aus Lumpen her. Schäffer aber war aufgefallen, dass Wespennester eine papierähnliche Struktur aufwiesen. Also fing er an, Papierbrei aus verschiedensten Pflanzen herzustellen“, sagt Wunderer. „Dafür baute er sogar eine Maschine.“

Nach langem Misserfolg gelingt ihm die Sensation: Er stellt Papier aus Holz her. Doch andere Papiermacher wollen das nicht wahrhaben. Sie untersuchen das Papier und finden heraus, dass es zu einem Teil aus Lumpen besteht. „Ein Handlanger des Naturforschers hatte heimlich ein paar Lumpen zugegeben, um die Qualität zu verbessern“, sagt Wunderer. Dennoch gilt Schäffer bis heute als „Pionier der Papierforschung“ in der Papiergeschichte.

Trotz seiner fortschrittlichen und wissenschaftlichen Arbeit ist Schäffer gleichzeitig ein höchst konservativer Theologe. Als Superintendent, der er von 1779 von 1790 ist, wendet er sich gegen die Säkularisierung der Kirche im Zuge der Aufklärung und der Reformation. Bis zu seinem Tod bleibt er ein frommer Mann — und erfüllt das Versprechen seiner Mutter.

Weitere Meldungen aus Bayern lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht