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Passionsspiel

Jesus stirbt in Sömmersdorf

Ein 700-Einwohner-Dorf wagt sich alle fünf Jahre an die Darstellung der Passion Christi. Dafür helfen dort alle zusammen.
Von Anja Meusel

Jesus-Darsteller Stefan Huppmann probt seine emotionale Rolle am Kreuz. Foto: Anja Meusel
Jesus-Darsteller Stefan Huppmann probt seine emotionale Rolle am Kreuz. Foto: Anja Meusel

Euerbach.„Es lebe der König der Juden“, hallt es über die von Bäumen umsäumte Freilichtbühne. Peitschen knallen – und dann wirkt es, als hätte jemand auf Zeitlupe geschaltet. Jesus-Darsteller Stefan Huppmann verzieht schmerzerfüllt das Gesicht, schwankt an den Händen gefesselt vor und zurück. Wenige Sekunden später läuft wieder alles in Normalgeschwindigkeit. Gerade wird die Geißelung geprobt – auch mit modernen Theaterelementen.

Dutzende Laiendarsteller stehen auf der Bühne: Das Volk, Soldaten mit Schild und natürlich Jesus mit Dornenkrone. Es ist ein Riesenspektakel, das alle fünf Jahre im unterfränkischen Sömmersdorf, einem Ortsteil von Euerbach im Landkreis Schweinfurt, veranstaltet wird. In diesem Jahr starten die Passionsspiele am 24. Juni. Alle Schauspieler kommen auch heute aus dem Dorf. Zu den 18 Spieltagen werden etwa 35 000 Besucher erwartet.

Schauspieler nur aus dem Dorf

400 ehrenamtliche Helfer verwirklichen das Projekt. 1933 wurden die Passionsspiele zum ersten Mal aufgeführt. Mitmachen darf jeder, der in dem knapp 700-Seelen-Dorf wohnt oder gelebt hat. „Es gibt kleine Ausnahmen, aber irgendein Bezug zu Sömmersdorf muss da sein“, sagt Robert König, erster Vorsitzender des Vereins Fränkische Passionsspiele Sömmersdorf. Probleme, genügend Schauspieler und Helfer zu finden, habe es nie gegeben. Im Gegenteil: Heuer wollten dort sogar fast 70 Leute mehr mitspielen als noch vor fünf Jahren.

Bühnenbildner Andre Putzmann aus Berlin ließ mit festungsähnlichem Gemäuer, verwinkelten Gassen und grüngoldenem Tor das alte Jerusalem auferstehen.

Darsteller zu finden, ist in Sömmersdorf nicht schwer. Foto: Anja Meusel
Darsteller zu finden, ist in Sömmersdorf nicht schwer. Foto: Anja Meusel

Etwa drei Millionen Euro kostet das Spektakel. Die größte Summe davon verschlang die neue Überdachung. Die überzogene Stahlkonstruktion soll Freilichtbühne und Zuschauerraum das ganze Jahr über wetterfest machen. Das wird die Aufführung nicht einspielen. König erwartet dieses Jahr Einnahmen in Höhe von 650 000 Euro. „Wir werden erstmal in der Kreide stehen.“

Die Gemeinde Euerbach habe keine großen wirtschaftlichen Vorteile durch das „fränkische Oberammergau“, sagt Bürgermeister Arthur Arnold. Wichtig seien eher die „weichen Faktoren“ wie Aufmerksamkeit und Attraktivität als kultureller Standort.

„Was bringt der beste Jesus-Darsteller, wenn ihn keiner vom Kreuz runterholt?“

Josef Lang, Europassion-Generalsekretär

Laut der Dachorganisation Europassion werden Passionsspiele wieder beliebter. „Wir hatten eine Flaute. Aber in den letzten Jahren nehmen die Besucherzahlen wieder stark zu. Scheinbar suchen die Zuschauer wieder nach Orientierung“, sagt Generalsekretär Josef Lang. In Deutschland gibt es mehr als 200 Spielstätten, die regelmäßig das Leiden und Sterben von Jesu Christi aufführen. Sömmersdorf gehört zu den Größten. Den Spitzenplatz belegen mit Abstand die Passionsspiele in Oberammergau, die mehr als 500 000 Besucher anziehen.

Nicht jede Bühne möchte sich mit Oberammergau messen. Der kommerzielle Aspekt sei vielen Bühnen ein Dorn im Auge, sagt Heribert Knecht, Präsident des Verbands deutscher Freilichtbühnen. „Wir legen Wert auf den ursprünglichen Passionsspielcharakter mit festem Glauben, nicht auf diesen Nebeneffekt mit Riesen-Wirtschaftsbetrieb.“ An den Passionsspielen in Sömmersdorf lobt Knecht den gelungenen Spagat zwischen Tradition und Moderne: „Sie bemühen sich, es so zu handhaben, wie es Tradition ist – und haben trotzdem eine neuzeitliche Inszenierung an den Tag gelegt.“

Fremdenfeindlichkeit spielt mit

Verantwortlich dafür sind zum zweiten Mal die Regisseure Hermann Vief und Marion Beyer. „Wir haben eine zusätzliche Szene, die gut zu den allgemeinen Themen passt, die die letzten zwei Jahre herrschen. Es geht um Fremdenfeindlichkeit“, sagt Vief. Drei Stunden dauert die Aufführung vom Einzug nach Jerusalem bis zur Auferstehung. Lehrer Tobias Selzam schlüpft als Zweitbesetzung zum zweiten Mal in die Jesus-Rolle. „Mich begeistert, wie das ganze Dorf das stemmt“, sagt er. Mit vier Jahren stand Selzam zum ersten Mal für die Passionsspiele auf der Bühne. Trotz des Zeitaufwands und der Anstrengungen sei das Engagement groß und stärke den Zusammenhalt.

Europassion-Generalsekretär Lang bestätigt den positiven Effekt solcher Aufführungen: „Was man überall feststellen kann, ist, dass durch die Passion eine sehr intensive Gemeinschaft entsteht.“ Alle seien aufeinander angewiesen, denn: „Was bringt der beste Jesus- Darsteller, wenn ihn keiner vom Kreuz runterholt?“

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