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Interview

„Juden machen sich tatsächlich Sorgen“

Beim Besuch in Regensburg sprach Israels Botschafter mit Jana Wolf über wachsenden Antisemitismus und wichtige Symbole.
Von Jana Wolf, MZ

Yakov Hadas-Handelsman, israelischer Botschafter in Deutschland, trug sich am Dienstag ins Gästebuch der Stadt Regensburg ein.
Yakov Hadas-Handelsman, israelischer Botschafter in Deutschland, trug sich am Dienstag ins Gästebuch der Stadt Regensburg ein. Foto: Lex

Regensburg.Herr Botschafter, in Europa werden rechtspopulistische Parteien stärker, in Deutschland gewinnt die AfD an Zustimmung. Man hört in aufgeheizten Kundgebungen auch antisemitische Töne. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Dass es im 21. Jahrhundert in der Welt noch Antisemitismus gibt, ist eine Schande. Dass es in Europa Antisemitismus gibt, ist eine noch größere Schande. Und dass er in Deutschland existiert, ist die größte Schande. Ich sage das sehr deutlich für das deutsche Publikum, um es zum Nachdenken zu bringen. Antisemitismus steht niemals alleine. Es gibt immer das Phänomen, gegen etwas zu sein. Heute ist es Antisemitismus, morgen Anti-Islamismus, übermorgen Anti-Homosexuelle, und so weiter. Juden machen sich tatsächlich Sorgen und haben Angst, sich öffentlich als Juden erkennen zu geben, zum Beispiel mit dem Tragen einer traditionellen Kippa. Das ist ein Problem für uns Juden, aber auch für die deutsche Gesellschaft.

Können Sie das genauer erklären?

Yakov Hadas-Handelsman im Gespräch mit MZ-Autorin Jana Wolf
Yakov Hadas-Handelsman im Gespräch mit MZ-Autorin Jana Wolf Foto: Lex

Deutschland ist heute ein Synonym für Demokratie, Freiheit, Liberalismus und Toleranz geworden. Die Rechtspopulisten bedrohen diese Werte und sie benutzen demokratische Spielregeln, um ihre undemokratischen Ideen anderen Menschen aufzuzwingen. Wenn die humanitären, westlichen Werte von anderen Kräften angegriffen werden, ist es im Interesse der deutschen Gesellschaft, sich zu verteidigen. Juden sind häufig die ersten, aber selten die letzten, gegen die es geht.

Wird das Thema von politischer Seite in Deutschland ernst genug genommen?

Ich werde mich nicht in deutsche Politik einmischen. Aber als ein Beobachter kann ich sagen, das ist ein gesellschaftliches Problem. Gesellschaft und Politik sind verbunden, besonders in unserer modernen Ära. Der beste Weg gegen Ausgrenzung vorzugehen, heißt: Bildung. Aber wenn sich Juden heute unerwünscht oder unsicher fühlen - nicht nur in Deutschland – dann können sie ihren Koffer packen und nach Israel reisen, wo Juden immer erwünscht sein werden.

Das ist doch aber keine Lösung, oder?

Der israelische Botschafter (l.) mit Oberbürgermeister Joachim Wolberg (M.) und dem Rabbiner Josef Chaim Bloch (r.) im Alten Rathaus in Regensburg
Der israelische Botschafter (l.) mit Oberbürgermeister Joachim Wolberg (M.) und dem Rabbiner Josef Chaim Bloch (r.) im Alten Rathaus in Regensburg Foto: Lex

Nein. Stellen sie sich einen Staat in Europa ohne Juden vor. Denken Sie, dass es dann keinen Antisemitismus mehr gibt und alle Probleme damit gelöst sind? Nein! Dann werden sich diejenigen, die keine Toleranz und keinen Respekt für andere haben, andere Opfer suchen. Deswegen sage ich: Europäer, in diesem Fall Deutsche, müssen über dieses Phänomen nachdenken. Das ist nicht nur im jüdischen Interesse, sondern auch in ihrem eigenen.

In Regensburg wird derzeit die neue Synagoge am Brixner Hof gebaut – ein prestigeträchtiges Projekt. Hat der Bau aus israelischer Sicht eine symbolische Bedeutung?

Ja, es ist ein Symbol, und solche Zeichen sind wichtig. Nicht nur für die Opfer des Nationalsozialismus und die enteigneten Juden, sondern auch für die Deutschen, die entweder Nazis oder Mitläufer waren, oder einfach weggeschaut haben. Daher es ist wichtig, wenn die Deutschen heute eine jüdische Gemeinde in ihrer Stadt wollen.

Zu Besuch in Regensburg

  • Israels Botschafter in Deutschland

    Yakov Hadas-Handelsman, geboren 1957 in Tel Aviv, ist seit März 2012 als Botschafter in Deutschland. Zuvor war er Botschafter bei EU und NATO in Brüssel (2011/12), und stellvertretender Generaldirektor im israelischen Außenministerium in Jerusalem (2006-2011).

  • Eintrag ins Gästebuch der Stadt

    Bei seinem Besuch in Regensburg am Dienstag (13.9.) empfing Oberbürgermeister Joachim Wolbergs den Botschafter im Alten Rathaus. Wolbergs betonte dabei die lange jüdische Tradition in Regensburg. Der Botschafter verewigte sich im Gästebuch der Stadt.

Ein anderes Thema: Terrorismus. Durch die Anschläge in München, Würzburg und Ansbach ist der Terror in Süddeutschland sehr nahe gerückt. Israel kennt die alltägliche Bedrohung seit vielen Jahren. Was raten Sie unserer Gesellschaft?

Wir haben uns leider in Israel an eine dauerhafte Bedrohung gewöhnen müssen. Über unsere Erfahrungen reden wir mit deutschen Behörden auf Bundes- und Landesebene. Die Bedrohungslage in Europa hat sich leider geändert und die Leute müssen das verstehen. Die Frage ist, welche Konsequenz man daraus zieht: Entweder man gibt der Angst nach und bleibt zu Hause. Damit hätten die Terroristen aber ihr Ziel erreicht. Oder man versucht nach Kräften, weiterhin ein normales Leben zu führen – auch wenn nicht alles wie vorher sein wird.

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