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Menschen

Karin Simon hört am Grab gern ein Lachen

Die Therapeutin aus Lupburg findet das Leben zum Sterben schön. Sie begleitet Todkranke, gibt den Clown und macht Kabarett.
Von Marianne Sperb

Karin Simon mit Babette: Die Puppe begleitet sie auf die Kabarett-Bühne. „Manche Menschen reden offener mit Babette als mit mir.“ Foto: Sperb
Karin Simon mit Babette: Die Puppe begleitet sie auf die Kabarett-Bühne. „Manche Menschen reden offener mit Babette als mit mir.“ Foto: Sperb

Lupburg.Karin Simon sitzt vor dem uralten Häusl, das sie und ihr Mann saniert haben, und findet die Luft herrlich. Sie wirkt resolut und liebevoll. Im Therapieraum hat sie Datschi hergerichtet. Boden und Wände sind aus Lehm und beheizbar. In der Ecke steht ein schamanischer Klangbaum, über der schönen Tür, Trouvaille aus einem Altbau, wacht ein Engerl aus Blech.

Es regnet! Nach der Hitze! Da sind wir schon mitten in den Kontrasten, die Sie ausmachen.

Ich hab’ zwei Seiten in mir. Der liebe Gott hat mir diesen Humor geschenkt, ehrlich und gradraus, und diese Tiefe. Ich denk’ immer übers Leben nach.

Woher kommt das?

Meine Mama ist gestorben, als ich 15 war. Ich lag im Bett und hab’ geweint, und da kam ganz helles Licht. Im ersten Moment bin ich erschrocken, aber dann war ich getröstet. Das war die Initiation zu dem, was ich mache.

Karin Simon aus Lupburg arbeitet als Sterbeamme, als Lebensamme, als Trauerrednerin und als Kabarettistin – und sie schreibt Lieder. Foto: Simon
Karin Simon aus Lupburg arbeitet als Sterbeamme, als Lebensamme, als Trauerrednerin und als Kabarettistin – und sie schreibt Lieder. Foto: Simon

Was machen Sie eigentlich alles?

Ich bin Psychotherapeutin nach dem Heilpraktikergesetz, praktiziere Trauma-, Gesprächs- und Musiktherapie, ich bin zertifiziert für Autogenes Training, halte Vorträge und Trauerreden, geh’ als Clown ans Krankenbett, mache Kabarett. Und ich schreibe Lieder.

Uff! Bleiben wir noch auf der traurigen Seite. Mit welchem Leid kommen die Menschen?

Sterbende zum Beispiel: Die rufen an und wollen Begleitung. Sie haben „unerledigte Geschäfte“, wie es die berühmte Elisabeth Kübler-Ross nannte. Ich hab’ noch ihre Stimme im Ohr. Diese unerledigten Geschäfte anzusprechen, ist meine Aufgabe. Die Familie mag ja oft nicht über das Sterben reden. Mir ist aber wichtig: Ich locke auch ins Leben, dazu, die Zeit gut zu leben. Ich bin auch eine Lebensamme!

Der Haus-Designer aus Hollywood: Der Regensburger Sebastian Knorr in unserer Serie

Über Ihrer Tür hängt ein Engerl, Sie erwähnen den lieben Gott. Sind Sie gläubig?

Ich hab’ einen tiefen Glauben. Da gibt es eine große Kraft, nennen wir sie ruhig Gott, nur: Religion ist nicht mein Thema. Ich erinnere mich an eine alte Dame, mit der sang ich Marien-Lieder. Da lief sie mit dem Rollator im Kreis herum. Sie sagte, sie würde gern sterben, aber sie habe Angst vor dem Fegefeuer. Wir redeten: dass eine Mutter oder ein Vater ihre Kinder lieben, egal, wie viel Scheiß sie bauen. Und dass die alte Dame ja auch nicht die Hände ihrer Kinder ins Feuer gehalten hätte. Nachts ist sie dann gestorben.

Wie ist Ihre Erfahrung mit Tod?

Ich begleitete eine Freundin beim Sterben. Ich sagte: „Meld’st dich dann, gell?“ Nach ihrem Tod setzte sich eine Taube auf meinen Balkon und schaute mich lange an. Ich wusste: Das ist meine Freundin. – Ich könnte Ihnen stundenlang solche Geschichten erzählen.

Eine geht!

Ein Mann liebte Flieder. Seine Witwe pflanzte Flieder aufs Grab. Der blühte dann, und zwar an Allerheiligen. Viele Menschen schildern mir solche Phänomene.

Karin Simon mit Susi: Die Trauerbegleiterin geht manchmal an Krankenbetten, als Clown mit Puppe. Foto: Simon
Karin Simon mit Susi: Die Trauerbegleiterin geht manchmal an Krankenbetten, als Clown mit Puppe. Foto: Simon

Sind das nicht Hilfskonstrukte der Seele? Und ist es nicht egal, ob diese Dinge tatsächlich geschehen oder imaginiert sind – Hauptsache, sie trösten?

Nun, wichtig ist schon, dass Sie Menschen ernst nehmen. Ich glaube 100-prozentig an die Existenz einer Parallelwelt. Den Kontakt zu Verstorbenen, den gibt es. Ich mache Zusammenführungen, das heißt: Ich begleite Menschen in einen Bewusstseinsraum, in dem sie den Toten begegnen und die unerledigten Geschäfte erledigen können. Ich nutze schamanische Werkzeuge wie den Klangbaum, aber: Ich bin keine Schamanin. Ich kann ja mit einer alten Oberpfälzerin keine schamanische Reise machen. Sagen wir: Ich unternehme Fantasiereisen, bei denen Schutzwesen auftauchen.

In unserer Serie: Die bewegte Frau. Die frühere Weltenburger Wirtin Gabi Röhrl hat vom Jakobsweg einen besonderen Schatz mitgebracht.

Welche Wesen?

Das kann eine Libelle sein, ein Vogel. Es stand auch schon Batman auf der Wiese.

Ich besuchte mal eine Schamanin in Oberbayern. Fauler Zauber, fand ich. Vor allem das Honorar hat mich geschmerzt. Begegnen Sie Ressentiments?

Es gibt natürlich Menschen, die nicht einverstanden sind mit meiner Arbeit, denen ein Gespräch nur auf rationaler Ebene mehr gibt. Das ist in Ordnung.

Wie viel Honorar nehmen Sie?

50 Euro pro Stunde.

Alles ausser gewöhnlich: Karin Simon

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen, die auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“. Möchten Sie jemanden vorschlagen? Schreiben Sie uns: redaktion@mittelbayerische.de

  • Die Autorin:

    Marianne Sperb erinnert sich an aufregende Ausstellungen, als Ulrike Lorenz Direktorin und Pavel Liska Kurator am Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg waren. Unvergesslich: „Sicht der Dinge“ in der ehemaligen Schnupftabakfabrik.

Läuft die Praxis gut?

Die Nachfrage steigt. Der Trend passt.

Wechseln wir auf die heitere Seite. Im November zeigen Sie Ihr Kabarett „Zum Sterben schön“. Welches Publikum wird da sein?

Da sitzen Trauernde, Kranke und ganz normale Menschen. Der Tod geht ja jeden an. Aber wer Mario Barth erwartet, verlässt nach drei Liedern den Saal. Vorab hält der Sterbeforscher Bernard Jakoby hier ein Seminar, dann gehen wir nüber ins Wirtshaus zum Lachen. Wir möchten dem Tod den Schrecken nehmen, ihn mit Augenzwinkern anschauen. Sehr viel Anteil hat Musik

Lucki Maurer, der Fleisch-Philosoph: Wir haben den Rinderzüchter mit dem Ziegenbart in Rattenberg für unsere Serie besucht.

Wie entstehen Ihre Lieder?

Die sind Eingebung. Beim „Tatort“, kurz bevor der Mörder gefasst wird, oder an der Spüle: Der Text ist plötzlich fix und fertig da. Früher lief ich deshalb immer mit Diktiergerät herum.

Wie kommt der Humor zum Tod?

Natürlich ist der Tod ein einschneidendes Erlebnis (lacht). Aber in meiner Trauergruppe wird mehr gelacht als geweint. Wir erzählen uns Anekdoten über die Verstobenen. Den Tod kann man ja sehen als Freund, an den man sich anschmiegt, wenn man müde ist.

Wie begehen Sie in der Trauergruppe die Todestage?

Das sind Himmelsgeburtstage! Wir gehen mit Bier, Tee oder Glühwein, mit Stollen oder Torte ans Grab und feiern. Es gibt auch ein Gedeck für den Verstorbenen. Es wird gegessen, getrunken – und gesungen! Natürlich fließen auch Tränen. Ich bin ja auch Trauerrednerin. Manchmal lachen die Leute am offenen Grab. Das ist schön.

Alles außer gewöhnlich: Hier geht es zu unserem Special!

Sie haben drei Kinder. Schlagen sie in Ihre Richtung?

Entschieden nicht. Ein Sohn ist promovierter Chemiker in Berlin, der andere System-Administrator in Düsseldorf und meine Tochter ist für ein Autohaus in Berlin tätig.

Finden Ihre Kinder die Mutter manchmal spinnert?

Ja! Die schämten sich früher zu Tode, wenn die Mutter im Dirndl Kabarett machte. Aber als Alexander als Kind einen Aufsatz zu „Mein Lieblingsstar“ schreiben sollte, schrieb er über mich. Hach, da bin ich gleich wieder gerührt!

Hier geht es zum Bayern-Teil.

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