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Sonntag, 22. Juli 2018 24° 4

Natur

Kleine Bestäuber bringen Riesen-Nutzen

„Bienen sind systemrelevant“, sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner. Für Imker klingt das süß wie Honig.
Von Reinhard Zweigler

Eine Honigbiene läuft über gefüllte Waben: Die neue Bundesregierung macht sich für Insekten stark. Foto: Erichsen/dpa
Eine Honigbiene läuft über gefüllte Waben: Die neue Bundesregierung macht sich für Insekten stark. Foto: Erichsen/dpa

Berlin.Bienen und Menschen eint derzeit ein Wunsch: Es soll endlich wärmer werden. Die zu den Wildbienen zählenden Hummeln etwa gehören zu den ersten Frühlingsboten. Wenn die Sonne den Boden erwärmt, gründen Hummelköniginnen ihren neuen Hummelstaat. Auch Richard Schecklmann, Imker aus Vilseck, hofft in diesen Tagen sehnlich auf wärmeres Wetter. Der Winter kam heuer spät und heftig. Nun wartet der 64-Jährige, der auch Vorsitzender des Bezirksverbandes Oberpfalz im Bayerischen Imker-Verband ist, darauf, dass sich für seine 30 Bienenvölker warmes Flugwetter über etwa zehn Grad einstellt.

Der volkswirtschaftliche Nutzen der kleinen Tiere geht in die Milliarden. Allein die Wertschöpfung durch die Bestäubungsarbeit von Honigbienen beträgt nach einer Schätzung von Agrarökonomen der Universität Hohenheim in Deutschland 1,6 Milliarden Euro im Jahr. Die EU-Kommission bezifferte den Wert von Insekten auf jährlich 22 Milliarden Euro. Ohne Bienen würden viel weniger Äpfel, Kirschen, Birnen, Aprikosen oder Kürbisse geerntet werden können. Ihr Nutzen geht weit über die unmittelbare Honig- und Wachsproduktion hinaus.

Immer mehr Imker in Bayern

Allerdings haben es die emsigen Insekten nicht leicht. Monokulturen in der Landwirtschaft machen ihnen zu schaffen. Die Varroa-Milbe setzt ihnen zu und Pflanzengifte machen ihnen den Garaus. Es summen immer weniger Insekten in unserer Natur, beklagt Ann-Kathrin Bröger vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Bayern. Von rund 260 Wildbienenarten im Freistaat sei über die Hälfte ernsthaft bedroht. Sie appelliert deshalb an Gärtner und Landwirte, Nistplätze zu schaffen, etwa Totholzhaufen liegenzulassen, und für mehr Blühpflanzen zu sorgen. Englischer Rasen im Garten sei dagegen wie eine Wüste für die wildlebenden Arten und ihre domestizierten Verwandten gleichermaßen, sagt die Insektenexpertin.

Die Zahl der Imker und Bienenvölker nimmt seit einigen Jahren in Bayern sowie deutschlandweit zu. Auch Berichte zum „Bienensterben“ hätten viele Menschen animiert, sich mit diesen Hautflüglern zu beschäftigen – und vielleicht sogar selbst das Imkern zu beginnen. Allein in der Oberpfalz zählt der Imkerverband heute 3134 Mitglieder. Auch immer mehr Frauen finden Gefallen an der Imkerei, freut sich der Imker-Bezirkschef Schecklmann. Und die Zahl der Bienenvölker wuchs im Vorjahr um 1561 auf 20 680 an.

Im Freistaat gibt es rund 35 000 Mitglieder im Imker-Landesverband, die etwa 300 000 Honigbienen-Völker betreuen. Im Sommer kann ein Volk immerhin 40 000 bis 60 000 Bienen zählen. Der Verband bietet Imker-Neulingen Anfängerkurse an. Im Rahmen des Programms „Imkern auf Probe“ werden angehende Bienenhalter ein Jahr lang von erfahrenen Imkern begleitet.

„Was für Bienen schädlich ist, muss weg vom Markt.“

Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin

Mit großer Freude hat Richard Schecklmann die Worte der neuen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vernommen. Sie bezeichnete die fliegenden Nützlinge als „systemrelevant“. Ähnliches war von der Berliner Politik bislang nur über Banken zu hören gewesen, als die im Zuge der Lehman-Banken-Pleite vor zehn Jahren in arge Nöte gerieten. Mit Blick auf ein mögliches Freiland-Verbot von Insektengiften hatte Klöckner vor dem Bundestag hinzugefügt: „Was für Bienen schädlich ist, muss weg vom Markt.“ Der Vilsecker Schleckmann freute sich: „Wenn die Ministerin das auch praktiziert, dann ist das gut.“

„Hummelfrühling“

  • 560 Waldbienenarten

    Neben den Honigbienen gibt es in Deutschland etwa 560 Wildbienenarten, zu denen auch 30 Hummelarten gehören. Ein Feind der Honigbienen ist die Varroa-Milbe.

  • Im Koalitionsvertrag

    Im Koalitionsvertrag verständigten sich Union und SPD auf ein „wirksames Engagement gegen Insektensterben“. Bayern förderte 2017 mit 1,1 Millionen Euro unter anderem den Imkernachwuchs, Honiganalysen sowie die Bekämpfung der Varroa-Milbe. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU, Foto: Frey/dpa) nannte die Biene zuletzt „systemrelevant“.

  • Die Aktion „Hummelfrühling“

    Der BUND in Bayern startete die Aktion „Hummelfrühling“, bei der man Handyfotos von diesen Tieren per Whatsapp (0163 9631987) oder E-Mail (hummelfund@ifbi.net) ans Institut für Biodiversität in Ebern einsenden kann. Kostenlos wird die Hummelart bestimmt. (rzw)

Besonders gefährlich sind einige Pflanzengifte (Neonikotinoide), die Insekten schädigen oder sogar töten können. Diese Mittel werden etwa zum Beizen von Saatgut eingesetzt. In Deutschland besteht zwar seit 2015 ein Einfuhr- und Aussaatverbot von Getreidesaatgut, das mit Neonikotinoiden behandelt worden ist. Im Februar bestätigte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) auf der Grundlage von 1500 Studien zudem, dass von diesen Stoffen ein Risiko für Wild- und Honigbienen ausgeht. Doch zum kompletten Verbot hat sich die EU-Kommission noch nicht durchringen können. Eine Schlüsselrolle kommt jetzt der neuen deutschen Ministerin zu.

Lesen Sie außerdem: Die Sharing-Economy hat ein neues Geschäftsfeld. Nun werden auch Bienen vermietet.

Monokulturen schaden Bienen

Imker Schecklmann setzt schon lange auf den Austausch mit Landwirten. Blühstreifen an Feldrainen oder blühende Zwischenfrüchte, die Bienen auch noch im Herbst Nahrung bieten, wünscht er sich noch mehr. Riesige Monokulturen dagegen, etwa Mais, seien keine Bienenweiden. Auch nach Jahrzehnten der Imkerei ist er noch immer fasziniert von den kleinen Tieren, die Meister des Teamplay seien. Mit ihnen erlebe er die Natur und die Jahreszeiten viel intensiver. Als Kind wollte Schecklmann unbedingt Tiere. Doch Pferde oder Fische würden nicht passen, meinte seine Mutter damals. Eines Tages brachte sie Bienen an. Seitdem ist Schecklmann begeistert von ihnen.

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