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Konstantin Wecker: Der freie Poet

Es sieht so aus, als wäre der Liedermacher nach einem wechselvollen Leben mit 69 Jahren nun das, was er immer sein wollte.
Von Katia Meyer-Tien, MZ

Konstantin Wecker lieferte viele Schlagzeilen und musste auch zweimal ins Gefängnis.
Konstantin Wecker lieferte viele Schlagzeilen und musste auch zweimal ins Gefängnis. Foto: dpa

München.Zweimal in seinem Leben schloss sich die Gefängnistür hinter ihm. Zweimal brachte ihn das Geräusch dieser zufallenden Tür zur Besinnung. Einmal änderte es sein ganzes Leben. Das zweite Mal rettete es ihn. Wer Konstantin Wecker heute sieht, sieht einen Mann mit kurzen grauen Haaren, häufig sehr braungebrannt, entspannt. Ein paar kleine Fältchen hat ihm das Leben ins Gesicht gemalt, eine regenbogenbunte Holzperlenkette ruht jetzt oft dort, wo früher das Goldkettchen baumelte.

Er ist ein anderer als der, der mit 18 Jahren die Wechselgeldkasse der Münchner Rennbahn klaute, ein anderer als der, der in den 70er Jahren eine der meist bejubelten und gleichzeitig umstrittensten Stimmen der Friedensbewegung war. Und auch ein ganz anderer als der, der aufgedunsen und verlebt im Kokainnebel durch die Schlagzeilen der 90er Jahre taumelte. Und doch ist er sich auf seine Art wohl immer treu geblieben, in einer wunderlichen Mischung aus „Till Eulenspiegel und einem Denker, der Musik macht“, so hat ihn sein Vater mal in einer Dokumentation beschrieben.

Der Vater war ein Vorbild

Der Vater, Alexander Wecker-Bergheim, Opernsänger und Kunstmaler, hat vieles angestoßen in Weckers Leben. Gemeinsam mit seiner Frau Dorothea ließ er den einzigen Sohn mitten in München in einer Welt aufwachsen, in der Kunst und Oper, Literatur und klassische Musik zum Alltag gehörten. Konstantin, geboren am 1. Juni 1946, lernte früh Klavierspielen, Geige und Gitarre, sang Opernarien mit seinem Vater, las und schrieb Gedichte. Er wurde also groß mit dem (Vor-)Bild des Vaters, der in der Nazizeit den Wehrdienst verweigert hatte, weil er es nicht einsah, auf Menschen schießen zu müssen.

Als liebevoll und behütet beschreibt Wecker seine Kindheit in Interviews und in seinen Büchern, und doch brach er immer wieder aus und rannte fort, er träumte von einem Leben als freier Poet und Straßenmusiker. Ein Traum, der wahr zu werden schien, als er mit einem Freund bei einem Einbruch in den Keller der Münchner Rennbahn 30 000 Mark erbeutete und glaubte, für alle Zeiten ausgesorgt zu haben. Der Traum endete, als die schwere Tür im Münchner Gefängnis Stadelheim hinter ihm ins Schloss fiel.

Und sein Vater zu ihm sagte: „Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass zwischen Künstler und Verbrecher nur ein kleiner Unterschied besteht. Wie es aussieht, taugst du nicht zum Verbrecher. Ich würd’s ab jetzt als Künstler versuchen.“ So schreibt es Wecker in seiner Biografie „Die Kunst des Scheiterns“.

Wecker nahm sich die Worte zu Herzen. Er schrieb Gedichte und die Melodien dazu, wurde bekannt als Liedermacher, versuchte sich als Schauspieler, auch in diversen Sexfilmen. 1977 kam dann der Durchbruch, von dem Wecker oft betont, dass er nie geplant war: Mit seinem Lied vom Willy, der von Nazis erschlagen wird, wurde Wecker berühmt.

Eine „unehrliche Lebensweise“

Plötzlich spielte er auf den ganz großen Bühnen, wurde zu einer Galionsfigur der Linken, von denen ihm aber viele nicht verziehen, dass er Wasser zu predigen und Wein zu trinken schien: Er, der in seinen Liedern gegen die Kapitalisten, gegen die Korrumpierung und die Ungerechtigkeit der Welt ansang, lebte in Saus und Braus, schenkte sich zum 30. Geburtstag einen bodenlangen Nerzmantel und einen goldenen Firebird. Daraus zu schließen, dass seine Texte nicht ehrlich gewesen seien, sei aber falsch, schreibt Wecker heute: „Meine Lebensweise war nicht ehrlich!“

Es war auch die Zeit, in der Wecker dem Kokain verfiel. Mal mehr, mal weniger, doch die Droge begleitete ihn mehr als eineinhalb Jahrzehnte, in denen er viele Platten veröffentlichte, unzählige Konzerte spielte, Musik für Film und Fernsehen komponierte, Bücher schrieb und erfolgreich war. Aber auch Mitte der 1980er Jahre in München das Café Giesing eröffnete, mit dem er sich ruinierte, obwohl es von Anfang an gut lief. „Vermutlich tranken einfach zu viele alte Freunde auf meine Kosten. Ich hatte mich ja selbst meistens nicht mehr im Griff, wie dann meine Gäste?“

Die zweite große Wende in seinem Leben kam erst 1995, als Wecker innerlich schon mit sich abgeschlossen hatte, als er ohne die Droge nicht mehr leben konnte, obwohl er wusste, dass sie ihn umbringt. Im November 1995 stürmten zehn BKA-Beamte seine Villa. Sie fanden 40 Gramm Kokain, und die Türen von Stadelheim schlossen sich ein weiteres Mal hinter Konstantin Wecker. Vom ersten Tag in Untersuchungshaft an habe er gewusst, sagt er heute, dass das seine letzte Chance ist. Und gleichzeitig hatte er auch etwas gefunden, wofür sich der Neuanfang lohnte: Kurz zuvor hatte der damals 48-Jährige bei einem Konzert die 21-jährige Annik kennengelernt.

Annika half durch die schwere Zeit

Sie heiratete ihn, half ihm durch den Entzug und den Gerichtsprozess, der Wecker, sein Leben und seine Sucht fünf Jahre lang in die Scheinwerfer der Boulevardpresse rückte. Er hätte sich gewünscht, dass sein Fall anders wahrgenommen worden wäre, hat er später mal gesagt, zu einer Diskussion über Drogensucht, die Süchtigen und Drogenpolitik geführt hätte.

Von Annik, mit der er zwei Söhne hat, lebt Wecker seit 2013 nach 17 Jahren Ehe wieder getrennt. Er schauspielert, textet, singt und sinniert, oft politisch, mit viel Engagement und manchmal zu viel Pathos, schreibt regelmäßig auf Facebook an seine Freunde und Fans, tourt über Festivals und kleine Bühnen. Es sieht aus, als sei er nun, was er immer sein wollte: ein freier Poet.

Hier lesen Sie alles zu den Auftritten in der MZ-Kantine.

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