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Ausstellung

Krachledernes Kopf-Kino in Ettal

Die Landesausstellung macht sich in Kloster Ettal an die Vermessung des Mythos Bayern. Tragender Boden ist der Wald.
Von Marianne Sperb

Im Lärchen-Pavillon, extra im Ettaler Klostergarten errichtet, wird die Märchenschlösserwelt von Ludwig II. in 3D Wirklichkeit: ein Highlight der Landesausstellung 2018. Foto: Marianne Sperb
Im Lärchen-Pavillon, extra im Ettaler Klostergarten errichtet, wird die Märchenschlösserwelt von Ludwig II. in 3D Wirklichkeit: ein Highlight der Landesausstellung 2018. Foto: Marianne Sperb

Ettal.Richten Sie bitte hier Ihre Taschentücher her!“ Dr. Richard Loibl tritt schwungvoll vor eine Glasvitrine und zeigt der versammelten Journalistenschar im Südflügel von Kloster Ettal ein anrührendes Spielzeug, einen Schwan, nicht größer als die Innenfläche einer zierlichen Hand. Der Vogel, 1860 in Oberammergau geschnitzt, war – ach! – ein Lieblingstier des kleinen Ludwig, der dann als großer Ludwig II. Bayern regierte und das Märchenschloss Neuschwanstein baute.

Der Schwan ist ein Mosaikstein im Mythos Bayern, genau wie der Stopselhut, das Schuhplattln, die Schäleisen der Holzknechte, die Passionsspiele, das rot-weiße Karo der Wirtshaustischdecken oder das Enzianmotiv auf dem Kuchenteller der 1950er. 250 Exponate sind in Kloster Ettal auf 1500 Quadratmetern ausgebreitet, um einzukreisen, was Bayerns Sonderstatus ausmacht.

Die Landesausstellung unternimmt 2018 in Kloster Ettal unter dem Titel „Wald, Gebirg und Königstraum“ die Vermessung eines Mythos’, der mit Klischees belegt ist, so unzählig wie die Blätter in einem bayerischen Wald. Die Wurzeln aber liegen irgendwo hier, in schönster Natur, in der Verbindung von Alpenwelt und spezieller bayerischer Lebensart, sagt Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte.

Lebensgefährliche Waldarbeit

Unberührte Wildnis, in der sich ein paar Einheimische in Lederhosen und Dirndl herumtreiben: So schaute die Romantik auf Bayern. „Ein echter Schmarrn“, sagt Loibl. Wie wenig das verklärte Bild mit dem kargen Alltag zu tun hatte, wird gleich zu Beginn des Rundgangs deutlich. Die Wildnis war in Wahrheit eine in harter Arbeit über Jahrhunderte geformte Kulturlandschaft, und der Bayer ging nicht in den Wald, um zu jodeln und zu kontemplieren, sondern er ging ins Holz, um sein Brot zu verdienen, mit Werkzeugen wie Reißer, Fällaxt, Wiegensäge und Loheisen, die die Ausstellung aufreiht.

Johannes Bauer (links), Pater im Kloster Ettal, schaut Markus Wasmeier zu. Der ehemalige Skirennläufer und neue Botschafter des Waldes probierte beim Presserundgang auf der Bayerischen Landesausstellung eine interaktive Station zum Holzsägen aus.  Foto: Lino Mirgeler/dpa
Johannes Bauer (links), Pater im Kloster Ettal, schaut Markus Wasmeier zu. Der ehemalige Skirennläufer und neue Botschafter des Waldes probierte beim Presserundgang auf der Bayerischen Landesausstellung eine interaktive Station zum Holzsägen aus. Foto: Lino Mirgeler/dpa

Ein Video zeigt den halsbrecherischen Transport der tonnenschweren Stämme. Auf eisigen Serpentinen rauschen die Schlitten hinab ins Tal. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert war das gang und gäbe. Den Kontrast markiert ein Gemälde vom Königshaus am Schachen. Für die exklusiv inszenierten Feiern von Ludwig II. schafften ganze Konvois von Leiterwagerln das Equipment auf den Berg.

Die Wälder erstreckten sich noch weit über Bayern. Den Beleg liefert ein kapitaler Zwanzigender an einer Wand. Kurfürst Karl Albrecht erlegte den Hirsch 1744 in den Isarauen. Die sind heute schönstes Münchner Stadtgebiet.

Die Jagd gehört zu Bayern wie das Bier, an der Wand: das Geweih eines Zwanzigenders. Der Hirsch wurde in den Isarauen erlegt. Foto: Mirgeler/dpa
Die Jagd gehört zu Bayern wie das Bier, an der Wand: das Geweih eines Zwanzigenders. Der Hirsch wurde in den Isarauen erlegt. Foto: Mirgeler/dpa

Im Kontext von Wald und Jagd tippt die Ausstellung Kultur- und Sozialgeschichte an. Ein 300 Jahre alter Jagdlappen, mit dem Treiber das Wild zum Jäger wedelten, trägt das Gesicht eines türkischen Paschas, damals das Schreckgespenst schlechthin. Und das Bluthemd von Fuchsmühl erinnert an Bauern, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Oberpfalz Holz sammelten und von Polizisten massakriert wurden. Die Ausübung von altem Recht zahlten sie mit Toten und Verwundeten. Einer der Männer überlebte 15 Bajonettstiche, wie die Löcher im Bluthemd belegen.

Sehen Sie hier Eindrücke aus der Landesausstellung in Kloster Ettal.

Natur wurde erst ab der Romantik als Rückzugs- und Erholungsort entdeckt. Bergsteiger, Geologen und Botaniker betrachteten die Alpenwelt nicht mehr von der kommerziellen Seite. Spitzweg und Co. bannten den Starnberger See, den Kofel und die Almen auf Leinwand. Die Maler eroberten die Alpen. „Sie sind unwahrscheinlich wichtig für den Mythos Bayern“, sagt Richard Loibl vor Stellwänden voller Gemälde.

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Die Bilder machten bei Weltausstellungen beste Werbung für Bayern. Sie wurden von Galerien reproduziert und gingen als Postkartenmotive in alle Welt. Lovis Corinth stöhnte, ein Bild vom Walchensee habe er kaum fertigstellen können, bevor es ihm Berliner von der Staffelei reißen wollten. Die Käufer dieser Kunst sind das Who’s Who der Zeit, bis hin zum Zarenhof.

„Bayern muss das von Fremden meistbesuchte Land werden.“

Maximilian Schmidt, Heimatdichter aus Eschlkam, genannt Waldschmidt, um 1890

Bayerische Originale werden zur Legende. Die Schau streift Gestalten wie Zither-Maxl Herzog Max, der Volkslieder zupfte, die Fischer Lisl, schlagfertige Wirtin vom Schliersee, Georg Jennerwein, den rebellischen Wilderer und bayerischen „Robin Hood“, oder den Heimatdichter Maximilian Schmidt. Der Waldschmidt aus Eschlkam forderte um 1890: „Bayern muss das von Fremden meistbesuchte Land werden.“ Ziemlich genau so kam es. Der Bayern-Hype schlug durch. Die Passionsspiele, mit Kostümen in der Schau vertreten, zogen um 1860 spektakuläre 100 000 Besucher an. Oberammergau wurde zum „place to be“ des Jet-Sets.

„Die Maler sind unwahrscheinlich wichtig für den Mythos Bayern.“ Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte

Das sagenhafte Land der urigen Jodler eroberte den Atlantik, Bauerntheater entwickelte sich zur Weltsensation. Die Schlierseer Bühne gab auf ihrer USA-Tournee 1894 an die 100 Vorstellungen vor vollem Haus, unter anderem im neuen Lincoln Theatre Chicago mit seinen 8000 Plätzen. Die Metropole war vom weiß-blauen Fieber infiziert, fliegende Händler boten Lederhosn an und viele, viele Hektoliter bayerischen Biers wurden ausgeschenkt.

„Ziemer zu Vermithen“

Bayern stellte sich auf Touristen ein und versuchte, ihnen auf Hochdeutsch entgegenzukommen. „Ziemer zu Vermithen“ steht auf dem Holztäfelchen, mit dem ein Bauer in Kochel am See in ungelenker Schrift um Gäste warb. Erste Ortsverschönerungsvereine gründeten sich, bevor später knallbunte Ruhebankerl die Landschaft verwarzten und erste Negativfolgen des Massentourismus bewusst wurden.

Waldbotschafter

  • Markus Wasmeier:

    Der frühere Skirennläufer wirbt als erster Waldbotschafter für die Landesausstellung (2. Mai bis 4. November). Ein Drittel der Schau ist dem Wald gewidmet. Die Schau eröffnet am 2. Mai und ist bis 4. November zu sehen.

  • Ausstellung:

    Erlebnispfade und Themenwege, gespickt mit Informationen und Aussichtspunkten in die Gebirgslandschaft, locken die Besucher der Landesausstellung ins Grüne. Es gibt ein Kombiticket, das auch für Schloss Linderhof gilt. Alle Details zur Ausstellung stehen unter www.hdbg.de/wald

Der wie geschmiert laufenden Branche setzte Ludwig II. die Krone auf. Auch die Landesausstellung, die auf niedrigschwellige Geschichtsvermittlung setzt und wieder eine satte sechsstellige Besucherzahl erreichen dürfte, gibt dem Quotenbringer, der für den Mythos Bayern steht wie kaum ein anderer, eine große Bühne. Seine Märchenschlösserwelt wird in einem extra gebauten Holzpavillon im Ettaler Klostergarten wahr. Im 3D-Panorama des bis zu 13 Meter hohen Rundbaus tauchen Besucher in gebaute und virtuelle Architekturträume des Königs ein.

Auch der Dackel hat im Mythos Bayern seinen Platz: Richard Loibl in der Landesausstellung in Ettal. Foto: Sperb
Auch der Dackel hat im Mythos Bayern seinen Platz: Richard Loibl in der Landesausstellung in Ettal. Foto: Sperb

Eine Stunde hat Richard Loibl, der Mann mit Entertainer-Qualitäten, Journalisten im Schweinsgalopp durch die Ausstellung geführt. Vieles ist da noch unfertig, manches wirkt unstimmig. Von den interaktiven Stationen und der Gesamtwirkung wird man sich erst nach der Eröffnung ein Bild machen können: Am 3. Mai ist es soweit.

Wie fit sind Sie im Baierischen? Testen Sie sich in unserem Quiz.

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