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Bayern
Sonntag, 25. Februar 2018 2

Glaube

Kreuze gegen die Moschee

Der Bau eines Gebetshauses in Regensburg sorgt für heftige Diskussionen – obwohl das Gebäude längst genehmigt ist.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Am Samstag errichteten Unbekannte auf dem geplanten Baugrund einen Friedhof aus weißen Kreuzen – aus Protest gegen die Moscheepläne.Foto: Ditib

Regensburg.Ercüment Baysal spricht von einem Schock, von einer Art des Umgangs, wie ihn die türkisch-islamische Ditib-Gemeinde in Regensburg in dieser Form noch nie erlebt hat. Am vergangenen Samstag haben Unbekannte 26 weiße Holzkreuze auf einem Grundstück der Religionsgemeinschaft aufgestellt – darauf Todestag und Namen der Opfer eines islamistischen Terroranschlags in Brüssel. Am Montag bekannte sich die Identitäre Bewegung Bayern auf ihrer Facebook-Seite dazu, hinter der Aktion zu stecken. Die Polizei ermittelt. Es ist der bisherige Höhepunkt in einer gerade erst losgetretenen Debatte um den Bau einer Moschee samt 21 Meter hohem Minarett, den die Ditib-Gemeinde auf jenem Grundstück in der Maxhüttenstraße in einem Gewerbegebiet im Regensburger Stadtosten verwirklichen will. Das Bauvorhaben wurde von der Stadtverwaltung Ende Januar ohne öffentliche Beteiligung genehmigt. So, wie es die Vorschriften vorsehen. Doch nun regt sich Widerstand.

Die Regensburger CSU kritisierte das Vorhaben am vergangenen Donnerstag in einer Kreisvorstandschaftssitzung heftig. Wörtlich heißt es in der Pressemitteilung: „Das Bekanntwerden des Neubaus der Ditib-Moschee hat in der Bevölkerung für große Irritationen und Unruhe gesorgt, vor allem da die Öffentlichkeit und selbst der Stadtrat im Vorfeld nicht beteiligt wurden.“ Bereits jetzt herrsche in dem Stadtviertel eine problematische Situation, da sich acht Moscheegemeinden unterschiedlichster Strömungen angesiedelt hätten. „Das unterstützt eine schon vorhandene Ghettobildung und macht eine Integration der Muslime nahezu unmöglich“, befürchtet die CSU. Bedenken, die spät kommen. Denn das Bauvorhaben ist längst bekannt. Bereits vor zwei Jahren wurde über den Kauf des Grundstücks und die Moscheepläne in den Medien, auch in der Mittelbayerischen, berichtet, der Bauvorbescheid wurde im Mai vergangenen Jahres im Stadtrat bekanntgegeben. Damals kam allerdings nur eine Reaktion vom „Bund für Geistesfreiheit“, der das Vorhaben der Erdogan-nahen Ditib-Gemeinde ablehnte und forderte, die Stadt möge dem „verlängerten Arm des Despoten“ keine Baugenehmigung erteilen.

Eine Visualisierung, wie Ditib die neue Moschee in Regensburg geplant hat.

Ditib untersteht der türkischen Religionsbehörde, die die Ditib-Imame nach Deutschland entsendet, und ist damit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan unterstellt. Kritiker werfen der Ditib vor, dass in den Gebetsräumen auch Politik gemacht werde. Das bestreitet Baysal für die Regensburger türkisch-islamische Gemeinde. „Wir haben nichts mit Politik zu tun. Unser Imam respektiert die deutschen Gesetze voll und ganz.“ Wenige Tage nach dieser Äußerung attackierten Unbekannte die Postfächer alle Fraktionen des Regensburger Stadtrats mit rund 11 000 E-Mails, das Bauprojekt sofort zu stoppen.

„Kein neues Phänomen“

Es ist eine Auseinandersetzung wie sie der frühere Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Martin Neumeyer, bereits einige Male mitverfolgt hat. „Das ist kein neues Phänomen“, sagt der inzwischen zum Kelheimer Landrat gewählte CSU-Politiker. Vor allem dann, wenn zu einem Moscheegebäude noch ein Minarett geplant werde, stoße dies in der Bevölkerung auf Vorbehalte. „Da hilft nur reden. Da müssen alle Seiten mit einem neutralen Moderator gemeinsam an einen Tisch“, sagt Neumeyer. Auch der Regensburger Stadtverwaltung rät er dringend zu diesem Schritt. Die Ressentiments in der Bevölkerung dürften nicht einfach übergangen werden. „Die Stimmung ist bereits aufgeheizt und wenn ein Hemd erst einmal falsch eingeknöpft ist, dann kommt man nicht mehr richtig am Kragen heraus.“

Dass die Bevölkerung bisher offensichtlich kaum etwas über die Pläne der Ditib-Gemeinde weiß, zeigte sich auch an Beiträgen im Internet. Die AfD Bayern hat das geplante Minarett in einer Fotomontage unter dem Titel „Neues Stadtbild geplant“ höher als die Domtürme platziert, was für entsprechende Empörung sorgte. Dabei sind die Domtürme 105 Meter hoch, während der Turm neben der Moschee mit 21 Metern gerade mal ein Fünftel an Höhe erreicht. Das Minarett wird entsprechend der Baugenehmigung auch nicht zugänglich sein, sondern einen rein symbolischen Charakter haben. Und auch eine Beeinträchtigung des Stadtbildes lässt sich daraus schwer ableiten. Dom und Minarett liegen mehrere Kilometer voneinander entfernt. Doch die Provokation funktioniert. Der Beitrag wurde fast 2000 Mal geteilt und erhielt über 600 Kommentare.

Die Ditib

  • Aufgaben:

    Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) koordiniert als Dachverband die religiösen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten der in ihr organisierten Vereine. Dies sind nach Ditib-Angaben deutschlandweit mehr als 960.

  • Organisation:

    Die Ditib ist die Auslandsorganisation des türkisch-staatlichen „Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten“. Dem Landesamt für Verfassungsschutz zufolge ist „eine gewisse politische Ausrichtung von Ditib unverkennbar“.

  • Einordnung:

    Dem Landesamt für Verfassungsschutz liegen keine „Erkenntnisse über regelmäßige salafistische Aktivitäten“ in der Ditib-Moschee in Regensburg vor. Die Al-Rahmann-Moschee dagegen beobachtet der Verfassungsschutz.

Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) lässt sich dadurch aber nicht von ihrem Kurs abbringen und warnt davor, rechtsgerichteter Stimmungsmache auf den Leim zu gehen: „In Deutschland gilt die Religionsfreiheit, und ich habe diese Gemeinde, die sich am interreligiösen Dialog in unserer Stadt beteiligt, immer als offen und kooperativ kennengelernt.“ Sie halte den Gedanken, dass eine Moschee nicht gut sei für die Integration für fehlgeleitet. „Was wäre, wenn die Moschee aufgrund starker öffentlicher Ablehnung nicht gebaut würde, obwohl sie nach dem Baurecht gebaut werden kann? Wenn eine solche Entwicklung käme, dann würde ich sie für sehr gefährlich halten“, fügt die Bürgermeisterin hinzu.

Kaum Debatten in Neumarkt

In Neumarkt ist man da schon einen Schritt weiter. „Ohne große Debatten“ hat die Ditib-Gemeinde dort ihr neues Zentrum gebaut, wie deren Sprecher Irfan Soykurt auf Nachfrage sagt. „Wir fühlen uns mit unserer Moschee sehr gut von der Bevölkerung angenommen.“ Für Herbst sein erstmals ein Tag der offenen Tür geplant, um auch nach außen Transparenz zu zeigen.

Auch die türkisch-islamische Gemeinde in Regensburg, die bereits seit den 1970er Jahren ansässig ist, verspricht Transparenz in der Umsetzung der Pläne. Das bisherige Zentrum in der Altstadt war zu klein geworden für die wachsende Gemeinde. Zwischen 200 und 250 Menschen kommen zum Freitagsgebet, sagt Gemeindemitglied Baysal. Doch die Glaubensgemeinschaft benötige auch Räume, in denen sich die Mitglieder treffen, etwa für das abendliche Fastenbrechen im Ramadan oder für die Aktivitäten der Jugendgruppe. Deshalb habe man sich seit Jahren nach einem passenden Grundstück für einen Neubau umgesehen und schließlich inmitten von Gewerbeansiedelungen gefunden.

Rund zweieinhalb Millionen Euro soll der Bau kosten. Finanziert wird er durch den Verkauf der Räume in der Altstadt. Die hat übrigens die katholische Kirche übernommen. „Von Gotteshaus zu Gotteshaus“, sagt Baysal. Die dann noch fehlende Summe von rund 1,2 Millionen Euro soll durch Spenden der Gemeindemitglieder aufgebracht werden. Im März werde die Regensburger Ditib-Gemeinde die Pläne erstmals der Öffentlichkeit vorstellen, verspricht Baysal. Auch mit der CSU werde man das Gespräch suchen. „Im Moment wird einfach viel geschrieben und viel übertrieben.“

Kommentar

Wir müssen reden

Die Sachlage ist klar: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich....

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  • PH
    Peter Franz Hammer
    14.02.2018 09:06

    Ich habe 7 Jahre in Dubai VAE gelebt , unsere dortige katholische Kirche ohne Turm und Glocken befand sich ebenfalls in einem speziellen Gebiet ausserhalb der Stadt Dubai - alle Gotteshäuser bzw. Tempel waren in einem Areal vereinigt. Vor 30 Jahren in Saudi Arabien durfte ich nicht mal mein Halskreuzchen öffentlich tragen - es war schlichtweg verboten. Diese Regel gilt noch immer . Die letzte Kirche in der Türkei wurde vor sehr langer langer Zeit errichtet und ein Neubau wäre sicherlich nicht möglich. Ich bin der Ansicht , dass diese Regeln für alle Länder bzw. Völker gelten sollten und nicht nur einseitige Vorteilsnahme möglich sein sollte.

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