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Geschichte

Kurt Eisner und der späte Weg zum Ruhm

Er war lange verachtet und vergessen. Nun erfährt Bayerns erster Ministerpräsident eine zaghafte Anerkennung.
Von Martina Scheffler

Vor fast 100 Jahren proklamierte Kurt Eisner den Freistaat Bayern. Foto: dpa
Vor fast 100 Jahren proklamierte Kurt Eisner den Freistaat Bayern. Foto: dpa

München.Fragen Sie mal Max Durchschnittsbayer: Wer war Kurt Eisner? Vor 25 Jahren wurde berichtet, Anwohner der nach ihm benannten Straße wussten nicht mehr als: ein Kommunist mit Bart. „Man muss ja davon ausgehen, dass der Name Kurt Eisner in der Bevölkerung nicht bekannt ist“, glaubt heute noch Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Wer war er also? Ein bayerischer Revolutionär. Ein Berliner Intellektueller, ein Journalist aus gutbürgerlichem jüdischen Elternhaus. Ein sehr, sehr unabhängiger Sozialdemokrat. Wie passt das zusammen? Kann man so einen Typen mögen? Einen Mann, der seiner Zeit weit voraus war, weil ihm in Kriegszeiten der Humanismus über alles ging, und, schlimmer noch, die Wahrheit.

Denkmal erinnert an Mord

Wer ihn sucht in München, der muss auf den Boden gucken. In der Nähe des einstigen Landtags, dort, wo er am 21. Februar 1919 erschossen wurde, von dem 22 Jahre alten Ex-Leutnant Anton Graf Arco auf Valley, zeichnet ein Denkmal die Umrisse des Leichnams nach. Zu diesem Zeitpunkt hatte Eisner nahezu täglich Morddrohungen erhalten, war aufs Übelste beschimpft worden – und er war auf dem Weg, um seinen Rücktritt zu erklären.

Dabei hatte er etwas geschafft, was der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) als Vorbild etwa für den Fall der Berliner Mauer 1989 sieht: eine friedliche Revolution, bei der der „Vorrang der Humanität das Besondere war“. Ein späteres Denkmal am Rande der Innenstadt zeugt von Eisners Haltung: „Jedes Menschenleben soll heilig sein“, dieses Zitat ist dort auf Glas zu lesen. Doch diese Hoffnung zerbrach. Nach seiner Ermordung kam es zu Bürgerkrieg und Massenmorden, zur sogenannten Zweiten Revolution.

„Jedes Menschenleben soll heilig sein.“

Kurt Eisner

Die lasteten viele über Jahrzehnte dem Mann an, der am 7. November 1918 verkündete: „Bayern ist fortan ein Freistaat“. Erst – wie die SPD – ein Befürworter des Ersten Weltkrieges, änderte sich Eisners Haltung zur radikalen Gegnerschaft. Besonders negativ ausgelegt wurde ihm sein Bemühen, die deutsche Schuld am Ausbruch des Krieges deutlich zu machen. Als eine der führenden Figuren im Münchner Januarstreik 1918 wurde Eisner verhaftet und saß im Gefängnis.

Eisner ruft den Freistaat aus

Kurt Eisner machte sich zahlreiche Feinde. Das erklärt sein Nachleben in langer Vergessenheit. Und doch ist es Eisner, der den Freistaat ausruft und die Monarchie für abgesetzt erklärt, zwei Tage vor Philipp Scheidemann in Berlin. Er bildet einen provisorischen Nationalrat und wird Ministerpräsident und Außenminister.

„Es ist schwer vorstellbar, dass es zu diesem frühen Zeitpunkt ohne ihn die Revolution gegeben hätte“, sagt sein Biograf und Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs Bernhard Grau. Er lobt die Errungenschaften der Regierung Eisner: ein parlamentarisch-demokratisches System mit modernem Verhältniswahlrecht, Frauenwahlrecht, Trennung von Staat und Kirche, der Acht-Stunden-Tag und das Streikrecht.

Verflucht wurde er aber als Vaterlandsverräter, als Verfechter einer Arbeiterdiktatur und antisemitisch aufs Übelste beleidigt.

Nun, zum Freistaatsjubiläum, ist Eisners Name in aller Munde. Charlotte Knobloch wundert sich fast: „Jetzt habe ich plötzlich mit Eisner zu tun, und jahrzehntelang wurde ich nie nach Eisner gefragt.“ Sie sieht es positiv: „Nach einer so langen Zeit wird er endlich mal wieder gewürdigt und das freut mich sehr.“

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