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Mittelfranken

Landratsamt lässt Sekte gewähren

Drei Kinder leben seit Jahren in Lonnerstadt in der Sekte „Neue Gruppe der Weltdiener“. Die Behörden sehen darin aber keinen Grund einzugreifen.

  • In diesem Haus in Ailsbach bei Lonnerstadt soll der Guru der Sekte „Neue Gruppe der Weltdiener“ wohnen. Foto: Daniel Karmann/dpa
  • Eberhard Irlinger (SPD), Landrat des Landkreises Erlangen-Höchstadt, informiert am Mittwoch im Landratsamt Erlangen über die Sekte „Neue Gruppe der Weltdiener“. Foto: David Ebener/dpa

Erlangen. Trotz der umstrittenen Erziehungsmethoden einer Sekte im mittelfränkischen Lonnerstadt sehen die zuständigen Behörden keinen Grund für ein Einschreiten. „Die Kriterien für eine Gefährdung des Kinderwohls sind nicht erfüllt“, sagte Landrat Eberhard Irlinger (SPD) am Mittwoch in Erlangen. Er selbst und das Jugendamt seien in ständigem Kontakt mit der Familie.

Nach Berichten über die „Neue Gruppe der Weltdiener“ waren Vorwürfe laut geworden, die Behörden würden sich zu wenig um die drei Kinder kümmern. Sie seien nicht krankenversichert und müssten meditieren statt spielen. Den Fall ins Rollen gebracht hatte die Journalistin Beate Greindl mit einem Fernsehbeitrag. Sie reagierte mit Unverständnis auf die Einschätzung der Erlanger Behörden.

Ohne Medikamente und Krankenversicherung

Dem Bericht zufolge sollen die Kinder unter anderem ohne Medikamente und Krankenversicherung aufwachsen. In dem baufälligen und von Schimmel befallenen Haus könne nur das Wohnzimmer beheizt werden, es gebe auch keine Dusche. Die aus einem „Guru“, dessen Partnerin und einer fünfköpfigen Familie bestehende Sekte versteht die Kinder als „Erwachsenenseelen in Kinderkörpern“ und behandelt sie entsprechend.

Der sichtlich erregte Irlinger sagte, es sei „viel Unsinn“ über die Sekte geschrieben worden. Er selbst habe die Familie am Dienstag besucht und sich von dem guten Zustand der Wohnung überzeugt. Seit Jahren bestehe ein enger Kontakt zwischen der Familie und dem Jugendamt sowie den Schulen. Es habe auch mehrere Hausbesuche gegeben. „Die Kinder nehmen am Leben des Dorfes teil“, betonte Irlinger. Sie seien „die Besten in der Schule“, hätten alle einen Arbeitsplatz zuhause sowie einen Computer. „Sie spielen auch“, fügte er hinzu. Auch seien die Wohnräume hygienisch nicht zu beanstanden. Natürlich sei das Badezimmer einfach eingerichtet.

Keine akute Gefährdung der Kinder

Auch der Leiter des Jugendamtes, Otto Schamman, sah keinen Grund, der Familie die Kinder wegzunehmen. Dies können nur geschehen, wenn es eine akute Gefährdung gebe, also beispielsweise Kinder verletzt wurden oder die Eltern suchtkrank seien. Dies liege hier nicht vor, fügte er hinzu. Allein im vergangenen Jahr gab es nach Angaben der Behörden fünf Hausbesuche bei der Sekte. In diesem Jahr habe es bereits 33 Aktivitäten gegeben. So habe sich das Jugendamt auch mit den Großeltern unterhalten und ein gerichtspsychologisches Gutachten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis soll laut Landrat noch in diesem Jahr vorliegen.

Irlinger zeigte sich zugleich entsetzt über manche Reaktionen auf den Filmbeitrag. So habe er viele E-Mails bekommen, in denen er beleidigt und auch bedroht wurde. „Wenn Schreiber so tun, als seien sie die Guten und der Landrat der Böse. Das kann nicht sein“, betonte er. Auch gebe es eine Mahnwache in dem Dorf. „Wenn aber die Mahnwache den Kindern sagt, wir werden Euch schon rausholen, dann ist doch der Sinn verfehlt“, warnte er. Für die Jugendlichen sei dies schließlich eine Bedrohung.

Filmemacherin Greindl zeigte hingegen kein Verständnis für die Haltung des Landrates. „Ich bin sprachlos und frage mich, ob ich alles erfunden habe“, sagte sie auf der Pressekonferenz. Sie habe doch den Schimmel und den schlechten Zustand des Hauses gesehen. Möglicherweise hätten sich die Behörden nur auf die Aussagen der Eltern verlassen. Dies wies Irlinger aber zurück. (dpa)

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