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MZ-Serie

Leben im „Vorzimmer des Sterbens“

Im Vorfeld des Katholikentags starten wir eine Serie über Glaubensansichten: Erste Denkanstöße liefert der an Krebs erkrankte Seelsorger Klaus Stock.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Klaus Stock hat als Geistlicher kranke Menschen begleitet. Heute ist er selbst krank und hat gelernt: Gott ist nicht immer barmherzig.Foto: Schönberger

Regensburg. Auf dem Tisch liegen die Stundengebete mit vielen eingemerkten Seiten. Daneben der „Große Bibelatlas“ aus dem Herder-Verlag. Das Buch „Sterbebegleitung“ hat Pfarrer Klaus Stock griffbereit neben der Couch. Der 75-jährige hat als Seelsorger im Krankenhaus St. Josef kranke und sterbende Menschen begleitet, er war Leiter der Telefonseelsorge, hat den Hospizverein mitbegründet. Bibelzitate und Gebete waren seine Argumentationshilfen. Jetzt ist Klaus Stock selbst krank. Der Krebs ist von der hartnäckigen Sorte , eigentlich unheilbar. Man kann aber damit leben, haben ihm die Ärzte gesagt. „Da hat sich alles umgekehrt. Meine eigenen Antworten haben mir plötzlich nicht mehr geholfen.“ Auch die Männer Gottes haben Angst. „Für einen Pfarrer ist das Sterben nicht leichter“, sagt Stock.

Mit Jesus im Sturm unterwegs

Die Donau ist nicht weit entfernt von Stocks Wohnung in einem Hochhaus im Regensburger Stadtwesten. Vom Fenster aus hat man sie im Blick. Jesus auf dem Wasser, das ist eine Geschichte aus dem Neuen Testament, die für ihn von besonderer Bedeutung ist. Als Jesus mit seinen Jüngern in einen Sturm geriet und das Schiff stark ins Wanken brachte, da sprach er zu ihnen: „Warum seid ihr furchtsam? Habt ihr denn keinen Glauben?“ Klaus Stock hat sich jenes Bild ins Wohnzimmer gehängt. Neben seinen Ohrensessel. Im Sturm die Ruhe bewahren, Stütze und Halt geben – das versucht er als Seelsorger zu vermitteln. Nun richtet er die Botschaft auch an sich selbst. „Warum seid ihr so furchtsam?“ Die Frage hat er sich seit seiner Krebsdiagnose im September 2011 oft gestellt. „Auch ich habe mit meinem Gott gehadert“, sagt der Pfarrer. „Warum tust du mir das an“, betete er und sehnte sich nach Antworten. Nun, da die Krankheit ihn selbst betrifft, stellt der Pfarrer auch manches von dem, was er anderen Kranken sagte, in Frage. „Eine ruhige Nacht und ein gutes Ende gewähre uns der allmächtige Gott“, heißt es im kirchlichen Abendgebet Komplet. „Aber wird es so sein oder werden uns im Vorraum des Abschieds von dieser Welt Belastungen zugemutet, die man sich gar nicht vorstellen kann“, fragt Stock.

Der 75-Jährige lehnt sich in seinem Sessel zurück und streckt die Beine etwas durch. Seit seiner Chemotherapie hat er Schmerzen, das Gehen fällt ihm schwer. „Das ist meine Fußfessel“, sagt er. Manchmal betet er zur Heiligen Anna Schäffer. Sie war wegen ihrer verkrüppelten, schmerzenden Beine 25 Jahre bettlägerig. „Zu diesem heroischen Leben kann ich nur schweigen und staunen“, sagt Stock. Im Moment geht es dem 75-Jährigen gut. Die Krebszellen im Blut haben sich durch die aggressive Therapie verdrängen lassen. Die Prognosen auf eine Lebenserwartung von vier bis zehn Jahren seien für ihn gut annehmbar, sagt er. Und trotzdem spiegelt sich darin die Endlichkeit. Stock nennt diese Zeitspanne das „Vorzimmer des Sterbens“.

Noch kann sich der Geistliche nicht vorstellen, in eine andere Welt hin-überzutreten. „Ich bin der Meinung, ich soll noch ein paar Jahre wirken.“ Doch er hat eine Vorstellung davon, was ihn erwarten wird. „Wenn ich die Tür durchschreite, wird mir ein menschenfreundliches Antlitz entgegenkommen. In diesem Moment bin ich mir meiner Unvollkommenheit bewusst.“ Das Gericht und das Fegefeuer sieht Pfarrer Stock nicht wie auf mittelalterlichen Darstellungen. „Es wird die Erkenntnis sein, dass ich von Gott geliebt worden bin und es nicht bemerkt habe. Diese Erkenntnis wird brennen wie Feuer.“ Doch dann wird alles gut werden, daran glaubt der 75-Jährige fest.

Der Mensch denkt und Gott lenkt heißt es. Klaus Stock hat eigentlich Einzelhandelskaufmann gelernt. Doch schon als Kind ging er in seiner Heimat in der nördlichen Oberpfalz gerne in den Gottesdienst, sonntags auch zweimal hintereinander. Schon mit zehn Jahren half er beim Orgeldienst aus. „Meine Mutter ließ mich gewähren, im Pfarrer hatte ich einen guten Begleiter auf meinem Weg.“ Nach der Spätberufenenschule in Fockenfeld und dem Theologiestudium wurde Stock Studentenpfarrer. In der Telefonseelsorge traf er dann auf Menschen, die Zuspruch brauchten. Für manche war er der letzte Ansprechpartner vor dem Tod. Menschen in Krisen zu helfen, das ist es auch, was der Geistliche als Lebensaufgabe sieht.

Stock ist keiner der bekehren will. Er schreibt niemandem vor, was er aus der Lehre der Kirche heraus zu tun hat. „Die Priester sollen Anregungen geben, wie man mit Gott ins Gespräch kommen kann.“ Die Kirche bilde den Raum dafür. Doch immer mehr Menschen wenden sich ab. Das sieht Stock mit großer Sorge. Das Festhalten an starren Regeln sei nicht mehr zeitgemäß. „Früher hat ein Priester über das Gewissen eines anderen verfügt. Es ging nur um Gebote und Verbote. Jetzt lassen sich die Gläubigen nicht mehr alles vorschreiben.“

Die Kirche im Aufbruch

Der Pfarrer rutscht in seinem Sessel nach vorne und setzt sich gerade hin. Dann kommt er auf die Sexualmoral der Kirche zu sprechen. „Man braucht den jungen Leute heute nicht mehr erzählen, dass sie vor der Ehe keine sexuelle Beziehung eingehen dürfen. Man muss ihnen vielmehr einen Weg aufzeigen, wie sie verantwortlich miteinander umgehen und auch Verantwortung für eine mögliche Empfängnis übernehmen.“ Stock hat die Hoffnung, dass unter Papst Franziskus die Kirche erkennt, dass sie sich den heutigen Lebensumständen annähern muss, um Teil des Lebens zu bleiben..“ „Schon im Zweiten Vatikanischen Konzil und der Würzburger Synode waren die Veränderungen in der Gesellschaft Thema, aber geändert hat sich nur wenig. Vieles blieb beim Alten“

Pfarrer Stock erhebt sich und läuft vorbei an seiner Zimmerorgel und dem großen Bücherschrank. Er sei gerade dabei, sein Leben zu ordnen, sagt er. Die letzten Angelegenheiten zu regeln. Um den wenigen Verwandten die Arbeit abzunehmen. Seine Gedanken hat Stock bereits geordnet. Die Krankheit hat ihm Gott in einem neuen Licht gezeigt. „Er ist nicht nur der gute, barmherzige Gott. Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche und Gebete, aber er erfüllt alle seine Verheißungen.“ Stock kann mit dieser Botschaft im Vorzimmer des Sterbens gut leben.

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