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Nominierung

Lebensmittel geschenkt statt vergammelt

Raphael Dirnberger wirft in seinem Edeka nichts mehr weg. Nun winkt der Bundespreis für den Wenzenbacher Supermarkt.
Von Benjamin Weigl

Der Lauch hat Druckstellen, die Zitrone ist ein wenig runzelig. Raphael Dirnberger (rechts) und Ferat Nuha verschenken diese Lebensmittel einfach.Foto: Weigl
Der Lauch hat Druckstellen, die Zitrone ist ein wenig runzelig. Raphael Dirnberger (rechts) und Ferat Nuha verschenken diese Lebensmittel einfach.Foto: Weigl

Wenzenbach.Der Wenzenbacher Edeka sorgt mittlerweile bundesweit für Aufsehen: Raphael Dirnberger versteht die ganze Aufregung nicht so recht. „Es ist doch so simpel, jeder hat etwas davon“, sagt er. In seinem Edeka-Supermarkt in Wenzenbach wandern seit zwei Jahren keine genießbaren Lebensmittel mehr in die Mülltonne. Alles, was übrig bleibt oder nur noch schwer zu verkaufen wäre, wird direkt an der Kasse verschenkt. Was nach einer einfachen Idee klingt, ist tatsächlich aber fast einzigartig in Deutschland. So einzigartig, dass Dirnbergers Markt für den Bundespreis der Initiative „Zu gut für die Tonne!“ nominiert wurde. Neben den großen Handelsketten Aldi Süd und Penny Markt GmbH behauptet sich der kleine Wenzenbacher Edeka als einer von nur drei Finalisten für den Preis, der vom Ernährungs- und Landwirtschaftsministeriums im Bereich „Handel“ vergeben wird.

Der „Fair-Teiler“ ist oft gut gefüllt – aber dann in kurzer Zeit auch schon wieder leer. Die Kunden nehmen das Angebot gerne an. Foto: Weigl
Der „Fair-Teiler“ ist oft gut gefüllt – aber dann in kurzer Zeit auch schon wieder leer. Die Kunden nehmen das Angebot gerne an. Foto: Weigl

Mit der Nominierung hätte Dirnberger nicht gerechnet. Er findet es „verrückt“, dass es nicht viel mehr „Lebensmittel Fair-Teiler“ wie an seiner Supermarkt-Kasse in deutschen Märkten gibt. „Die Händler müssten anfangen, das als Win-Win-Situation zu sehen. Der Kunde kauft etwas und kriegt an der Kasse noch was geschenkt. Er geht raus und ist happy – und ich habe weniger Müll und muss nichts Gutes mehr wegschmeißen.“

Einen Container verschenkt

Gemüse und Obst mit optischen Mängeln, Joghurt und sämtliche andere Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft – in Dirnbergers Markt kommt mit Ausnahme von Fleisch alles in den „Fair-Teiler“, was noch genießbar ist, im Regal aber keinen Käufer mehr finden würde. So wird jede Woche aufs Neue ein ganzer Abfallcontainer mit Lebensmittelabfällen eingespart, schätzt der Inhaber.

Raphael Dirnberger sortiert Äpfel für den „Fair-Teiler“ aus. Foto: Weigl
Raphael Dirnberger sortiert Äpfel für den „Fair-Teiler“ aus. Foto: Weigl

„Es wird sicher Kunden geben, die gezielt kommen, weil sie das gut finden“, sagt Dirnberger, während er einige Äpfel in den „Fair-Teiler“ legt. Oft wird er auf die Initiative angesprochen. Die Reaktionen sind durchweg positiv. Auch Frau Weigert, die gerade an der Kasse ihren Einkauf bezahlt hat, nimmt sich noch einige Äpfel mit, die im Regal aussortiert wurden. „Ich finde das super“, sagt sie. „Seit der Junior übernommen hat, gibt es das. Manchmal sind Sachen dabei, denen fehlt gar nichts. Warum sollte man das wegschmeißen?“

So wird der „Fair-Teiler“ befüllt:

Der Edeka-Markt Dirnberger in Wenzenbach wurde für den Bundespreis nominiert.

Aus diesem Grund wünscht sich Dirnberger ein generelles Umdenken. Eine gesetzliche Regelung wie in Frankreich und Tschechien, wo Supermärkten ab einer Größe von 400 Quadratmetern verboten ist, Lebensmittel wegzuwerfen, hält er dabei nicht unbedingt für nötig. Die Kontrollen wären zusätzlicher bürokratischer Aufwand. Sein Vorschlag: „Eine Handelskette müsste das einfach mal großflächig einführen. Ich glaube, dass andere Ketten dann sofort nachziehen würden.“ Auf die Frage, warum nicht längst mehr Supermärkte gegen die Lebensmittelverschwendung vorgehen, kann Dirnberger nur Vermutungen äußern. „Ich denke, einige haben Angst, dass sie dadurch Umsatz verlieren.“ Doch das sei schlichtweg nicht der Fall. Dazu kämen rechtliche Bedenken. Der Edeka-Inhaber spricht von einer gesetzlichen Grauzone. Manche hätten ihm gesagt, verschenken sei gar kein Problem. Andere warnten: Kunden könnten behaupten, von etwas aus dem „Fair-Teiler“ eine Lebensmittelvergiftung bekommen zu haben.

Verbraucher in der Pflicht

Der Edeka-Markt in Wenzenbach. Foto: Weigl
Der Edeka-Markt in Wenzenbach. Foto: Weigl

Dirnberger war das egal – er wollte etwas gegen die Verschwendung unternehmen. Er und Bereichsleiter Ferat Nuha kennen die komplexe Problematik, die zur massenhaften Verschwendung führt. „Was die Industrie wegschmeißt, bekommt man ja gar nicht mit“, sagt Nuha. „Vielen ist es gar nicht bewusst, dass Lebensmittel in anderen Ländern viel teuerer sind.“ Dirnberger erklärt den Teufelskreis: „Bauern bekommen staatliche Subventionen und werden gezwungen, möglichst viel zu produzieren.“ Die Subventionen finanziere der Verbraucher und zahle so für die günstigen Lebensmittelpreise. Er nimmt daher alle in die Pflicht, nicht nur immer auf den günstigsten Preis zu achten. „Denn das momentane System wird auf Dauer kaum funktionieren. Auch die Natur wird ausgebeutet.“

Lebensmittel

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Dirnberger findet es „schon witzig“: Die großen Aldi Süd und Penny GmbH – mit diesen Konkurrenten steht der Wenzenbacher Edeka auf einer Nominierungs-Liste. Für die Preisverleihung am 3. April rechnet er sich nicht viele Chancen aus. Aber wer weiß – vielleicht wird Dirnberger ja ein zweites Mal überrascht.

Der Fair-Teiler

  • Die Idee

    hat sich Raphael Dirnberger bei einem Markt in Baden Württemberg abgeschaut, der die Idee aber nicht mehr verfolgt. Dafür gibt es mittlerweile einen zweiten „Fair-Teiler“ auch im Edeka in Bernhardswald.

  • Der Bundespreis

    „Zu gut für die Tonne!“ 2019 wird am 3. April in Berlin vergeben. Insgesamt wurden 18 Projekte ins Finale gewählt, drei in der Kategorie „Handel“.

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